Klippenspringerin Anna Bader: Zwischen Playboy, Alltag und Adrenalin

Patrik Müller

Macau, Las Vegas, Teningen: Die 29-jährige Klippenspringerin Anna Bader ist eine Weltenbummlerin mit Wurzeln in Südbaden. Im Juli holte sie Bronze bei der Schwimm-WM in Barcelona. Ein Porträt.



Als Kind kletterte Anna Bader auf Bäume und sprang in den Köndringer See. Heute stürzt sie sich bei Meisterschaften aus 20 Metern in die Tiefe, im Juli holte sie Bronze bei der Schwimm-WM in Barcelona: Die 29-jährige Klippenspringerin ist eine Weltenbummlerin mit Wurzeln in Südbaden – zurzeit lebt sie bei ihrer Großmutter in Teningen.


Die junge Frau im quietschbunten Badeanzug steht am Abgrund, unter ihr funkelt das Wasser im Hafenbecken von Barcelona in der Sonne. Einige Zuschauer jubeln, Anna Bader winkt. Dann geht sie in den Handstand, direkt an der Kante des Sprungturms. Sie grätscht die Beine, schließt sie langsam und lässt sich fallen, schlägt einen Salto, rast kopfüber dem Wasser entgegen und taucht dann doch mit den Füßen zuerst ein. Die Zuschauer johlen, drei Rettungstaucher zerwühlen das Wasser mit ihrem Flossen. Dann taucht Anna Bader auf, mit einem breiten Lächeln auf den Lippen – und krault zurück an Land.

Zwei Wochen später sitzt sie in einem Café in der Emmendinger Innenstadt. Die Weltmeisterschaft ist vorbei, Anna Bader ist nach Hause zurückgekehrt, in die kleine Wohnung im Haus ihrer Großmutter. Sie bestellt sich ein Wasser – und sagt, dass sie kein Adrenalinjunkie sei, eigentlich.

Anna Bader und ihre Konkurrentinnen stürzen sich aus 20 Metern in die Tiefe, die Männer springen aus 27 Metern – das ist drei Mal so hoch wie ein kleines Einfamilienhaus. Einige Menschen halten Klippenspringer für Spinner, für Wahnsinnige auf der Suche nach dem nächsten Kick. "Ich bin kein besonders ängstlicher Mensch", sagt Anna Bader, "ich versuche aber auch nicht, mich über den Jordan zu bringen."

Sie zog sich für den Playboy aus

Es gibt viele Geschichten, die über Anna Bader erzählt werden: Sie stand als lebende Statue in der Fußgängerzone von Barcelona. Sie zog sich für den Playboy aus. Sie arbeitete als Artistin bei einer Wassershow im chinesischen Macao. Sie überstand einen Hurrikan in den USA und überlebte eine Schießerei in der Dominikanischen Republik. Die Geschichten stimmen, irgendwie. "Das war aber alles gar nicht so dramatisch", sagt sie. Die Schießerei zum Beispiel. "Ich bin da übers Geographiestudium hingekommen. Ich war mit ein paar Leuten auf der Straße unterwegs, bei einer Art Karneval. Viele Leute da besitzen Waffen, auf einmal haben wir dann Schüsse gehört und eine Auseinandersetzung gesehen – direkt bedroht haben wir uns aber nicht gefühlt."

Vielleicht ist es in ihrem Sport wichtig, sich nicht so schnell bedroht zu fühlen. "Ich muss mich auf meinen Sprung konzentrieren", sagt sie. "Es wäre blöd, wenn ich dran denke, was mir alles passieren kann." Eine Steißbeinprellung im Jahr 2005 war die schlimmste Verletzung, die sich bisher geholt hat. "Fußballer haben auch öfter mal eine Zerrung oder einen Riss", sagt sie. "Viele Leute können sich nicht vorstellen, wie viel Training bei uns dahintersteckt. Ich würde niemanden empfehlen, mal schnell aus zwanzig Metern runterzuspringen, nur um sich zu überwinden – dann tut man sich garantiert weh."



Blaue Flecken holt sie sich häufiger. Aber die hatte sie auch schon, als sie mit acht Jahren im Turnverein Herbolzheim über den Schwebebalken wirbelte. Anna Bader hat früh mit Sport angefangen – ihre Mutter Angelika Kern war bei den Olympischen Spielen 1972 Achte im Geräteturnen. Die Familie war immer viel unterwegs: Auf die Welt kam Anna Bader im schwäbischen Mutlangen. Sie wuchs in Nordrhein-Westfalen auf, aber auch in Teningen. Zwei Jahre lang besuchte sie dort die Grundschule – dann zog die Familie erneut nach Nordrhein-Westfalen.

Sie ist immer wieder zurückgekehrt zu ihrer Oma Hildegard. Spätestens in den Sommerferien, wenn sie mit anderen Kindern beim Köndringer See auf Bäume kletterte. "Wir sind immer gesprungen, das war das Highlight", sagt sie. "Beim höchsten Ast haben wir immer gesagt: Das ist der Zwölfer. Keine Ahnung, ob es wirklich zwölf Meter waren – aber der war wirklich hoch. Es hat uns sauleid getan, als die Bäume irgendwann nicht mehr da waren."

Sie sprang weiter. Erst vom Drei- und Zehn-Meter-Brett im Schwimmverein, später stürzte sie sich im Jamaika-Urlaub zum ersten Mal von einer Klippe – und fand Gefallen am Sturz in die Tiefe. Fünf Jahre später war sie zum ersten Mal Europameisterin.

Las Vegas oder Macau

Sie will weiterspringen, noch mehr Wettkämpfe gewinnen und bei der nächsten Schwimm-WM die Goldmedaille mit nach Hause bringen. "Der Moment nach dem Eintauchen", hat sie in einem Interview einmal gesagt, "ist der schönste – oder der schlimmste." Auf jeden Fall, sagt sie, sei es ein tolles Gefühl, wenn ein Sprung geklappt habe.

Es war ein hektischer Sommer für sie. Die Fotos im August-Playboy und ihr starker Auftritt bei der Schwimm-WM in Barcelona haben viel Aufmerksamkeit erzeugt. Nicht nur für Anna Bader, auch für ihren Sport. Jetzt ist sie zu Hause – und überlegt, wie es weitergehen soll.

Sie hat Geographie und Englisch auf Lehramt studiert. Es kann sein, dass sie im Frühjahr 2014 als Referendarin vor Zehntklässlern steht. Es kann auch sein, dass sie dann in Las Vegas oder Macau als Artistin bei einer Wassershow anheuert. "Ich denke nicht soweit in die Zukunft", sagt sie, "ich plane immer kurzfristig – und werfe Pläne gerne über den Haufen."

Auf jeden Fall will sie Zeit mit ihrer Großmutter verbringen – einer 88-jährigen Frau, die nicht zu den Omas gehört, die sich viele Sorgen machen. "Sie findet das Klippenspringen voll cool", sagt Anna Bader, "ich nehme sie ganz oft zu Wettkämpfen mit – die freut sich dann und winkt mir von unten zu."

Anna Bader - Germany - 20m. High Diving - HIGH DIVE - round 1

Quelle: YouTube


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[Bild 1: Patrik Müller; Bild 2: AFP]