Antisemitischer Angriff

Kippaträger in Freiburger Fitnessstudio attackiert

Manuel Fritsch & Simone Lutz

Ein junger Freiburger ist am Dienstagabend in einem Fitnessstudio angegriffen worden. Der Grund: Er trug eine Kippa. Es ist nicht der einzige antisemitische Vorfall in der Stadt in diesen Tagen.

"Ich war trainieren und bin kurz in die Umkleide gegangen", erzählt Samuel Kantorovych. Als er in die Umkleide kam, habe ihn ein Mann von hinten am Kopf gepackt und ihm die Kippa – die traditionelle jüdische Kopfbedeckung – heruntergerissen. "Sie war mit Clips befestigt, er hat also ziemlich stark gezerrt", sagt Kantorovych. Der Mann habe ihm mit Prügel gedroht, ihn mehrmals einen "dreckigen Juden" genannt und "Free Palestine" geschrien, die Kippa angespuckt und sie in den Mülleimer geworfen.


Hilfe bekam der Angegriffene nicht – dabei waren weitere Männer in der Umkleide

Erst als ein unbeteiligter älterer Mann hereinkam und sich dem Angreifer in den Weg stellte, habe dieser von ihm abgelassen, erzählt Kantorovych. Dann sei der Angreifer zu seinem Spind gegangen und habe das Fitnessstudio schnell verlassen. Einem zu Hilfe gerufenen Mitarbeiter habe er noch gesagt, es sei nichts geschehen und wenn doch, so könne es niemand beweisen.

"Ich stand da ganz alleine in dem Raum und keiner hat etwas gemacht." Samuel Kantorovych
Kantorovych rief die Polizei, die auch schnell gekommen sei und den Vorfall aufgenommen habe. Bei der Freiburger Polizei bestätigt man den Vorfall. Nun werde ermittelt. Die Leitung des Fitnessstudios will sich auf BZ-Nachfrage nicht zu dem Angriff äußern. Was Kantorovych besonders beunruhigt: Rund zehn Männer seien die ganze Zeit über in der Umkleide gewesen und hätten den Übergriff beobachtet. Keiner habe reagiert. "Ich hatte diese naive Vorstellung von Zivilcourage", sagt er. "Hätte einer irgendetwas gesagt, wäre ich nicht so alleine gewesen." Dem einen Mann, der schließlich eingegriffen hatte, sei er daher unendlich dankbar.

Jetzt liegt Kantorovychs Kippa bei der Polizei

Kantorovych machte den Vorfall auf Facebook öffentlich. Ihm sei es wichtig gewesen, offen darüber zu sprechen, sagt er. Schließlich sei das Attentat in Halle bald einen Monat her, dann sei auch Gedenktag der Reichspogromnacht. "Dann sprechen alle von #neveragain", sagt Kantorovych. "Aber ich stand da ganz alleine in dem Raum und keiner hat etwas gemacht."

Seit einem halben Jahr trage er immer Kippa, erzählt er. Nun liege sie als Beweismittel bei der Polizei, noch sei er nicht soweit, wieder eine Kippa aufzusetzen. Auch im Fitnessstudio habe er fristlos gekündigt, da er fürchte, dort wieder auf den Angreifer zu treffen. "Hier glauben die Leute, Antisemitismus gebe es nur im Fernsehen und in Berlin", sagt der gebürtige Berliner. "Aber die Wirklichkeit sieht leider anders aus."

Hakenkreuze im Autolack

Einen weiteren Vorfall meldet eine Freiburgerin: Ihr Auto wurde in der Nacht vom 25. auf den 26. Oktober mit antisemitischen Schmierereien verkratzt. Sie hatte ihren Twingo bei Dunkelheit auf dem Parkplatz bei den Schrebergärten an der Wonnhalde abgestellt und war dann heim nach Günterstal gefahren. Am nächsten Morgen, als es wieder hell war, bemerkte sie, dass in Kühlerhaube und Beifahrertür Hakenkreuze gekratzt worden waren, ein Reifen war aufgestochen. Auf dem Kofferraum war "Fuck Jews" eingeritzt.

Die Frau kann sich nicht erklären, warum ihr Auto Ziel antisemitischer Schmierereien war, da sie weder jüdischen Glaubens noch politisch aktiv ist. Trotzdem, sagt sie: "Das trifft einen so richtig persönlich." Die Polizei ermittelt.
Termin

Felix Klein, Bundesbeauftragter für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus, spricht am Donnerstag, 7. November 2019, ab 17 Uhr bei der Israelitischen Gemeinde, Nussmannstr. 14 (Eingang Engelstraße) zu "Warum Antisemitismus uns alle angeht".

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