Kids-Hotline: Online-Beratung für Jugendliche

Sebastian Hautli

Manchen Jugendlichen, die Probleme haben, ist selbst die Hemmschwelle der Telefon-Beratung zu hoch: Dann können sie sich an die Kids-Hotline wenden, ein in der vergangenen Woche mit dem Grimme Online Award ausgezeichnetes Beratungsangebot aus München, bei dem unter anderem die 20-jährige Ronja Jugendliche vom Ritzen abhält und bei Alkoholsucht berät.



„Ich schneide mir mit einer Rasierklinge die Arme auf. So weiß ich, dass ich noch lebe.“ Sätze einer 13-Jährigen, die sie in die Tastatur hämmert und an Ronja aus München schickt. Die liest konzentriert, ihre Augen flackern dabei, sie hat es mit einem Fall von Selbstverletzung zu tun. Nach dem zweiten Lesen fährt sie ihren Computer herunter.


Ronja hat sich einen Apfel aus der Schale auf ihrem Schreibtisch genommen, sie paukt nun Mathe-Formeln, bald stehen bei der 20-Jährigen die Prüfungen für das Fachabitur an. Nach zwei Stunden fährt sie ihren Computer wieder hoch und macht sich daran, die Zeilen von vor zwei Stunden ein drittes Mal zu lesen. Dann beginnt sie zu tippen: „Liebe Kristin…“

Ronja arbeitet für die Kids-Hotline. Hervorgegangen ist das Online-Beratungsangebot aus einem studentischen Projekt an der Münchner Stiftungsfachhochschule aus dem Jahr 1999. Seit die Internetseite 2001 ins Netz ging, haben 17 800 Jugendliche Hilfe gesucht, 140 000 Beiträge geschrieben und ebenso viele Antworten von 70 ehrenamtlichen Beratern wie Ronja und anderen Nutzern der Community erhalten. Die Beratung richtet sich an jene, denen selbst die Nummer gegen Kummer nicht anonym genug ist; jene, die eine noch niedrigere Schwelle brauchen, um ihre Probleme mitzuteilen.

Das sind Fälle wie die von Kristin, aber auch harmlose Fragen zum ersten Geschlechtsverkehr oder zum Umgang mit dem Kondom. Die Beratung erfolgt in Diskussionsforen, an denen alle Mitglieder der Community teilnehmen können und in denen es für jedes Thema eine Rubrik gibt, in Einzelberatungen mit Beratern und in Chats.



Am nächsten Morgen nach dem Frühstück widmet sich Ronja wieder einem Dauerpatienten. Zuletzt war es schwierig. Ronja kam immer weniger ran an das 16-jährige Mädchen, das so viele Probleme mit Eltern, Lehrern und Mitschülern hatte. Das Mädchen schrieb, dass sich Ronja bald nicht mehr um sie kümmern müsse, da sie sich bald umbringen wolle.

Das war für Ronja der Zeitpunkt für einen Selbstmordvertrag. Das ist eine Verpflichtung für den User, sich online zu melden, bevor er mit dem Leben Schluss macht. Wenn der User dann noch einmal seine Selbstmordabsicht mitteilt, ist der einzige Moment, in dem die Grenzen der Anonymität von Kids-Online erreicht sind. Dann wird die Polizei verständigt, die über die IP-Adresse in kurzer Zeit herausfinden kann, wo derjenige am Computer sitzt, der so verzweifelt ist.

Es ist die Methode, mit der auch Leute gejagt werden, die illegal Filme und Musik aus dem Internet herunterladen. Viermal hat Ronja einen angekündigten Selbstmordversuch schon gemeldet, umgebracht hat sich niemand.

Der Verein Kinderschutz in München, der heutige Träger der Kids-Hotline, ist in vielen sozialen Bereichen aktiv: Erziehungshilfe in Münchner Stadtteilen, Kindertagesstätten und Schulsozialarbeit. Auch die Beratungsstelle für männliche Opfer sexueller Gewalt. Das alles seit mehr als 100 Jahren. Manchmal ärgern sich die Vereinsoberen, dass ihr Engagement für die Kids-Hotline nicht mit Fördergeld belohnt wird. Zu wenig noch, glaubt man in der Zentrale in München, ist den Politikern bewusst, dass sich das Freizeitleben Jugendlicher hauptsächlich im Internet abspielt.

Ronja liest den nächsten Beitrag: Ein neuer User. Ein 17-Jähriger berichtet, dass er zu viel trinkt und ständig besoffen ist, sogar unter der Woche. Ronja antwortet erst einmal nach einem Standard: Den User begrüßen, sich bedanken, dass er sich gemeldet hat und ihn fragen, was er sich von der Beratung erhofft.

Psychologin will Ronja nicht werden, „die Face-to-Face-Beratung ist nichts für mich“. Auch sie fühlt sich online sicherer, mit dem Gegenüber nur über Text verbunden, den sie auch mal wegklicken kann, um Mathe zu lernen oder Freunde anzurufen zum Beispiel. Bis sie wieder Kraft hat für eine Antwort bei Fällen wie dem von Kristin.

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