Keine Party ohne Kippe: In Clubs und Kneipen wird trotz Rauchverbots gequalmt

Doreen Fiedler & Maximilian Vogelmann

In vielen Freiburger Clubs und Diskotheken wird trotz Rauchverbots weiter gequalmt. Doreen Fiedler und Maximilian Vogelmann waren eine Samstagnacht im Freiburger Nachtleben unterwegs. Ein Erfahrungsbericht aus Räng Teng Teng, Tacheles, Nachtschicht und Kagan:

 

Raucherkneipe ohne Rauch - The Great Räng Teng Teng


0.30 Uhr.
„Smoker’s Welcome“ (Raucher willkommen) behauptet ein Schild am Fuße der Treppe zum Great Räng Teng Ten an der Grünwälderstraße, die uns in ein rotes Kellergewölbe mit Tapeten an der Decke  hinabführt. Es handelt sich also offiziell um eine  „Rauchergaststätte“. Man erwartet blauschwarze Schwaden, hustende Menschen, Brandlöcher in den Kleidern – und findet sich in erstaunlich frischer Luft wieder. Fröhlich hopsen die Gäste zu Balkanbeats über die Tanzfläche –  wo kaum geraucht wird. Nur an der Bar oder beim Kickern glühen vereinzelt die Glimmstengel auf. Dank der Absauganlage fällt das Atmen aber angenehm leicht.

Ob die explizite Raucherlaubnis hier eine große Rolle für die Gäste spielt? „Ich komme extra her, weil man rauchen darf”, meint ein 32-Jähriger mit lässiger Schiebermütze. „Bier und Zigarette gehören für mich zu einem Abend einfach dazu.” Auch Ludwig Trommsdorff von der Freiburger Band „Philadelphia“ befindet sich an diesem Abend unter den Tanzenden: „Ich fänd’s schöner ohne Rauch. Allerdings rauche ich jetzt selber gelegentlich.“

Mit seiner Band tritt der 27-Jährige allerdings nirgends auf, wo geraucht wird: „Das ist schlecht für die Stimme.“ Und was meinen die   Nichtraucher? „Die Raucher stören mich nicht“, sagt die 28 Jahre alte Bettina. Was die Betreiber Rahel, Matthias und Christian Rotzler zum Umgang mit   Rauchern sagen, war leider nicht zu erfahren – sie antworteten auch auf mehrmalige schriftliche Anfragen nicht.  

Zu viele Leute, schlechte Luft - Das  Tacheles


1.15 Uhr.
Draußen blasen die Gäste schachtelweise blauen Dunst in die heiße Sommernacht – doch wie sieht sieht es drinnen aus? Wir schieben uns durch die  Menschenmassen und landen im zweiten Untergeschoss vor der „Smoker’s Lounge“ des „Tacheles“, das ebenfalls an der Grünwälderstraße liegt.

Die Türen zum Nichtraucherbereich stehen weit offen, hier unterhält sich ein rauchendes Grüppchen. „Drinnen ist es zu voll“, erklärt Annika, die ebenso wie viele andere Gäste an diesem Abend ihren Nachnamen nicht in der Zeitung lesen will. Sie zieht an ihrer Marlboro Light. Eigentlich habe sie  ja aufgehört, aber alle ihre Freunde rauchten eben auch, sagt die 21-Jährige.  Der Inhaber des Tacheles, Karl-Heinz Willmann, greift nach eigener Aussage hart durch: „Wir ersticken das Rauchen im Keim.“ Probleme mit rücksichtslosen Rauchern im Nichtraucherbereich habe er keine: „Meine Mitarbeiter schicken die raus oder runter in den Raucherbereich.“

An den Wänden hängt Werbung für „John-Player“-Zigaretten, doch wie im Great Räng Teng Teng scheinen sich Tabak und Tanzen in Kombination nicht zu vertragen. Dennoch könnte der Sauerstoffgehalt hier definitiv höher sein.  Franziska ist  gerade nach draußen geflüchtet, um frische Luft zu schnappen. Sie ärgert sich: „Rauchen ist unangenehm. Vor allem die Zigarettenstummel, die sie dir reindrücken, wenn du vorbeiläufst.”

Unter Tage wird geraucht -  Die Nachtschicht


2 Uhr.
Eine durchgestrichene Zigarette prangt gut sichtbar auf einem Schild am Eingang der Nachtschicht am Martinstor.  Man darf also nur in ausgewiesenen Bereichen rauchen. Ein Stockwerk weiter unten fragt man sich: wieso die Mühe mit dem Schild? Überall auf dem Boden  liegen  zertretene Zigarettenstummel und zerknüllte Packungen. Auf der Tanzfläche ist die Luft kaum vom Kunstnebel zu unterscheiden.  Das junge Publikum raucht, wo es will – auch ohne Aschenbecher. Zu Hip Hop und R’n’B passt die coole Kippe anscheinend wie die Faust aufs Auge. Der 22-jährige Ismail meint: „Wir sind erst Raucher, wenn wir trinken. Einer fängt an, die anderen machen mit.”  Die 19-jährige Jasmin kommt trotz der  Nebelschwaden hierher: „Es stört mich, weil ich selbst nicht rauche. Aber man gewöhnt sich dran.“

Nach dem ersten (Nikotin-)Schock auf der Tanzfläche wagen wir uns weiter in die Raucher-Lounge – und sind überrascht:  Hier ist die Luft deutlich besser, und die Zigaretten-Überbleibsel sind ordentlich in Aschenbechern verstaut. Ein paffender 27-Jähriger lehnt an der Bar: „Wenn ich tanzen gehe, gehört das Rauchen dazu. Nur wenn ich essen gehe, stört es mich, wenn geraucht wird.“

Daniel Stanciu, Sicherheitsinspektor in der Disko Nachtschicht, sagt, er habe die Raucher im Griff: „In der Regel halten sich die Leute an das Verbot. Bei drei Ermahnungen fliegen sie raus.“ Als es in der Nachtschicht noch keinen Raucherraum gab, mussten die Gäste zum Rauchen nach draußen. „Im Winter waren die dann sauer, weil es kalt war. Da gab es dann manchmal ziemlich Stress“, sagt Stanciu. Jetzt, mit der neuen Regelung, sei es auch draußen vor der Disko friedlicher. „So, wie es jetzt ist, ist es vernünftig geregelt.“ Die Betreiber meinen derweil auf BZ-Anfrage, geraucht werde „nur in den ausgewiesen Bereichen“.  Beschwerden von Nichtraucher gebe es nicht.

Hoch oben: Ein Glaskasten im Glaskasten  - Das Kagan

3 Uhr. Ungetrübt von Tabakqualm schweift der Blick über das nächtliche Freiburg. Im 18. Stock des Solar Tower am Hauptbahnhof ist unser erster Eindruck: Hier gibt es mehr offene Sektflaschen als angezündete Zigaretten. Bei genauerem Hinsehen  offenbart sich aber dennoch der eine oder andere rauchende Gast – und das außerhalb des offiziellen Raucherraumes.

Obwohl die  durchgestylten Besucher seltener als anderswo rauchen, scheinen sie  die Sucht weniger zu tolerieren. „Hier auf der Tanzfläche rauchen schon viele, und das stört ziemlich. Man muss es halt erdulden“, findet die 21-jährige Anna-Lena. „Die Leute sollten darauf hingewiesen werden, in den 17. Stock zu gehen.” Dort befindet sich die „Smoker’s Lounge“, ein  Glaskasten im  Glaskasten. „Hierher komme ich, um meine Füße auszuruhen, oben ist kein Platz dafür“, sagt die 20-jährige Olivia. Rauchen könne sie genauso gut im 18. Stock. „Da rauchen alle. Wenn sich aber jemand beschweren würde, würde ich dort nicht rauchen. Aber es sagt niemand was.”

Der 45 Jahre alte Kagan-Geschäftsführer Peter Bitsch, selbst eingefleischter Nichtraucher, sagt: „Das Verbot ganz brutal umzusetzen funktioniert nicht. Rauchen und Trinken gehört für viele anscheinend einfach zusammen.“ Im vergangenen November wurde für 10000 Euro eine neue Abluftanlage im Raucherraum installiert, davor habe es im Kagan einen Umsatzrückgang von 25 Prozent gegeben. „Bei einem Totalverbot könnte ich den Laden schließen, die würden dann woanders hin gehen. Eine Sucht hört abends nicht auf.“

Fazit


1.
Raucher rauchen weiterhin – auch außerhalb der vorgeschriebenen Bereiche.

2. Insgesamt ist das Rauchen aber weniger geworden –  die Brandlochgefahr auf der Tanzfläche hat sich verringert.

3. Abends weggehen bedeutet aber immer noch, dass die Klamotten  am nächsten Tag nach Rauch stinken.

4. Viele Nichtraucher beschweren sich nicht, weder  bei den Rauchern noch bei den Betreibern. Offenbar  erdulden sie den Qualm lieber schweigend.

Der Gesetzestext

„Als Ausnahmen vom Rauchverbot in Gaststätten und Diskotheken wurde festgelegt, dass das Rauchen in Gaststätten mit weniger als 75 Quadratmetern Gastfläche und ohne abgetrennten Nebenraum zulässig ist, wenn keine oder lediglich kalte Speisen einfacher Art zum Verzehr an Ort und Stelle verabreicht werden, Personen mit nicht vollendetem 18. Lebensjahr der Zutritt verwehrt wird und die Gaststätten am Eingangsbereich in deutlich erkennbarer Weise als Rauchergaststätten, zu denen Personen mit nicht vollendetem 18. Lebensjahr keinen Zutritt haben, gekennzeichnet sind. Außerdem wurde festgelegt, dass in Diskotheken das Rauchen in vollständig abgetrennten Nebenräumen ohne Tanzfläche zulässig ist, wenn der Zutritt zur Diskothek auf Personen ab vollendetem 18. Lebensjahr beschränkt ist und die Nebenräume in deutlich erkennbarer Weise als Raucherräume gekennzeichnet sind.“

Kontrollen in Freiburg

Nach Auskunft der Pressestelle der Stadt gab es 2009 sieben Beschwerden über Rauchverbotsverstöße in der Gastronomie – eine davon betraf eine Disko.

Gezielte „verdachtsunabhängige“ Kontrollen zur Durchsetzung des Verbotes fanden nicht statt. Insgesamt zehn Bußgeldbescheide gegenüber Gaststätten- und Diskobetreibern sind seit Änderung des Nichtraucherschutzgesetzes im März 2009 erlassen worden.

„Die Bußgelder können bei Gewerbetreibenden bis zu 2500 Euro, im Wiederholungsfall innerhalb eines Jahres bis zu 5000 Euro betragen“, sagt die Rathaussprecherin Petra Zinthäfner. Die tatsächliche Höhe hängt von den konkreten Umständen ab; Bußgelder beginnen in der Regel bei 150 Euro bei geringfügigen Verstößen und bewegen sich beim ersten Verstoß bis zirka 500 Euro.

[Dieser Text erscheint heute ebenfalls auf der 'Frisch gepresst'-Seite der Freiburger Lokalausgabe der Badischen Zeitung. Bild: Fotolia]

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