Kein DSDS: Aufnahmeprüfungen an der Jazz & Rock Schule

Carolin Buchheim

Zwei Mal im Jahr gibt es an der Jazz & Rock Schule Freiburg Aufnahmeprüfungen für all jene, die dort das dreijährige Studium für Jazz & Rock beginnen wollen. Neben zwei jeweils 45-minütige Gehör- und Theorieprüfungen muss auch eine halbstündige praktische Hauptfachprüfung bestanden werden. Unvorbereitet hat man praktisch keine Chance, diese Prüfung zu bestehen. fudder-Autorin Caro durfte bei der Hauptfachprüfung im Fach Gesang von Matthias Tränkle (23) dabei sein. Sie erklärt euch, warum diese Prüfung rein gar nichts mit Casting-Shows à la DSDS und Popstars zu tun hat.



Freitag Nachmittag in der Jazz & Rock Schule Freiburg; Aufnahmeprüfung für den Studiengang Jazz & Rock, Hauptfach: Gesang. Gerade hat Matthias Tränkle (23, Foto unten), begleitet an Piano, Bass und Drums von drei Dozenten der Schule, den Blues-Klassiker 'Centerpiece' von Lembert, Hendrick & Ross gesungen, und jetzt ist es ist still im Auditorium. Aufmerksam schaut er von der Bühne herunter auf seinen Prüfer, Bernhard G. Hofmann, den künstlerischen Leiter der Schule. Irgendwie erwartet man als Zuschauer, durch Sendungen wie 'Popstars' und 'Deutschland sucht den Superstar 'geprägt, dass nun von Bernhard G. Hofmann ein böses Wort kommt oder zumindest eine flapsige Kritik. "Und? Zufrieden?" fragt er Matthias stattdessen.




Hier ist offensichtlich nichts so wie bei einschlägigen Casting-Sendungen im Fernsehen. "Uns geht es schließlich nicht um Show," sagt Hofmann (Foto unten) nach der Prüfung. "Wir müssen keine Quote machen oder jemanden telegen hochjubeln oder herunterputzen. Wir suchen keine Superstars, sondern Studenten mit künstlerischen Potential, die über gutes Rhythmusgefühl und große Emotionalität verfügen. Studenten, aus denen gute Musiker werden können, die ihren Lebensunterhalt mit Musik bestreiten können. Und außerdem suchen wir stilistische Vielseitigkeit, nicht Jemanden, der mal eben zwei Monate in den Charts steht."



Stilistische Vielseitigkeit soll auch Matthias in seiner Prüfung heute demonstrieren: Er muss insgesamt vier Songs singen von denen er drei im Rahmen von Vorgaben frei wählen darf; Nur der Jazzstandard Autumn Leaves von Kosma & Mercer ist vorgegeben.

Bevor er diesen Song beginnt, gibt Matthias seinen Musikern, von denen er hofft, dass sie seine zukünftigen Dozenten sind, routiniert knappe Anweisungen." Tonart D-Moll, die letzten 8 Takte als Intro, Thema, Solieren, Thema, 8 Takte Outro."

Nachdem er und die Band den Song zum ersten Mal gespielt haben, bittet Hofmann den Kandidaten Matthias, den Song ab einer bestimmten Stelle noch einmal zu wiederholen. Matthias wiederholt den Song souverän, und auch nach diesem Song fragt der Prüfer: "Und? Zufrieden? Hätte irgendetwas besser sein könne?"  "Das war schon okay, aber es hat schon mal besser geklappt," antwortet Matthias ehrlich, "Ich war nicht ganz zufrieden mit dem Solo." Genau solche Antworten erwartet Hofmann; Schüler der Jazz & Rock Schule sollen sich und ihre Leistungen realistisch einschätzen können und sich ihrer eigenen Fehler und Schwächen bewusst werden. Auch schon in der Aufnahmeprüfung.



Es folgt die Rhythmusprüfung. Matthias erhält einen Notenzettel auf dem ein Rhythmus notiert ist, den er auf eine beliebige Silbe singen muss. Zum ersten Mal ist Matthias ein wenig unsicher. Prüfungsleiter Bernhard G. Hofmann lässt ihn den Rhythmus ein weiteres Mal singen, und beim nun ist Matthias schon souveräner.

Insgesamt ist Matthias ein aufmerksamer, aber nicht übermäßig nervöser Prüfling; Er macht die Aufnahmeprüfung bereits zum dritten Mal.

"Das ist ganz normal bei uns," erklärt Bernhard Hofmann. "Unser Studium ist in ein Vorstudium und ein Hauptstudium aufgeteilt. Wenn es bei der ersten Prüfung noch nicht für das Vorstudium reicht, nehmen unsere Bewerber oft erst noch bei uns Unterricht. Dann machen sie die Prüfung noch ein Mal, um zum Vorstudium zugelassen zu werden, und wenn sie das erfolgreich bestritten haben, noch einmal, um zum Hauptstudium zugelassen zu werden."

Matthias hat bereits das einjährige Vorstudium mit einem Wochenpensum von acht Wochenstunden absolviert. Er bewirbt sich nun um die Aufnahme ins Hauptstudium. Bei der letzten Prüfung hat er einen Punkt zu wenig gehabt, um zum Hauptstudium zugelassen zu werden. Dementsprechend ist er heute ziemlich entspannt. "Ich habe mich die letzten Monate intensiv vorbereitet," erzählt er. "Und weil ich weiß, dass es letztes Mal so knapp war, bin ich nicht total unsicher."

Eine Teilnahme bei einer Casting-Show wie 'Deutschland sucht den Superstar' oder 'Popstars' kommt für Matthias nicht in Frage. "Diese Sendungen sind reine Geldmacherei, und die Leute dir dort gewinnen, sind Popmarionetten. Auf so etwas habe ich keine Lust." Seine Zukunft als Sänger sieht Matthias realistisch. "Ich würde gerne in fünf Jahren meine eigene Musikschule haben, und nebenbei in Bands singen."

Als dritten Song singt Matthias in seiner Prüfung Elton Johns Your Song, diesmal nicht von der Dozenten-Band begleitet, sondern mit einem Playback. Während er mit geschlossenen Augen singt, nicken die anwesenden Dozenten zufrieden mit den Köpfen und wippen mit den Füssen.

Auch nach diesem Song fragt Hofmann: "Und? Zufrieden?" Er merkt an, dass Matthias an seiner Aussprache arbeiten muss, und 'Life' nicht wie 'live' singen darf. Matthias bedankt sich für den Hinweis.

 



Den Wunsch, Sänger zu werden, hat Matthias bereits seit seiner Kindheit. Mit zehn spielte er zum ersten Mal in einer Musicalrevue, ein Jahr darauf gleich die Hauptrolle in einer Amateurproduktion des Musical 'Oliver Twist', und nach einer Stimmbruchpause die männlichen Hauptrollen in 'Joseph and the amazing technicolour Dreamcoat' und 'Die Schöne und das Biest'. Er bewarb sich zunächst bei Musical-Schulen und kam an der renommierten Folkwang-Schule in Essen unter die letzten 15 Bewerber (von denen 8 genommen wurden), bevor er durch einen Jazzworkshop auf die Jazz & Rock Schule Freiburg aufmerksam wurde. Um hier zu studieren zog Matthias von Stuttgart nach Freiburg, eine Entscheidung, die ihm nicht leicht fiel, denn seine Freundin Isabel blieb in Stuttgart zurück.

Für Isabel schrieb er vor mehr als einem Jahr Be mine, eine emotionale Ballade und der letzte Song seiner Prüfung. Als er Isabel den Song das erste Mal vorspielte, war sie gerührt, und hat sich sehr gefreut. "Der Song hat seinen Zweck erfüllt!" scherzt Matthias. "Hoffentlich tut er das heute auch!"

 



Nach der Prüfung ist Matthias gelöst und entspannt. "Das war alles gar nicht so schlimm, ich weiß ja, wie knapp es beim letzten Mal war. Da hab' ich nur wegen der hammer schweren Theorie-Prüfung nicht bestanden."

Wie die Theorie- und Gehörprüfungen am Vormittag gelaufen sind, kann er nicht abschätzen, und was er tut, falls es dieses Mal nicht klappt, ignoriert er bisher. "Da denk' nicht darüber nach. Erst, wenn der Brief kommt." Denn das Ergebnis seiner Prüfung wird Matthias in einigen Tagen per Post erfahren, und darin wird mehr stehen als nur 'Bestanden' oder 'Nicht bestanden'.

"Wir bemühen uns, den Bewerbern klar zu machen, wo genau sie stehen," erklärt Bernhard G. Hofmann. So erfahren die Bewerber nicht nur die detaillierten Ergebnisse aller einzelnen Prüfungen sondern auch eine kurze schriftliche Beurteilung mit Anmerkungen zu auffälligen Einzelheiten.  Feiern geht Matthias also an diesem Freitag Abend noch nicht. Stattdessen geht arbeiten, im Agar, denn dort ist er Barkeeper. Ein Job, wie er sich für einen angehenden Musiker gehört.

Mehr dazu:

  • Jazz & Rock Schule Freiburg: Website
  • Die Semesterabschluß-Konzerte der Jazz & Rock Schule sind ein bewerteter Bestandteil des Studiums, bei denen die Studenten ihr Können unter Beweis stellen und einen Einblick in die stilistische Bandbreite des Unterrichts an der Jazz & Rock Schule geben.
Was: Semesterabschluss-Konzerte der Jazz & Rock Schule: 21 Bands mit Musik von Rock, Pop und Jazz bis Latin
Wann: Freitag den 2., Samstag den 3. und Montag, den 5. Februar 2007, jeweils 20 Uhr
Wo: Auditorium der Jazz & Rock Schule, Haslacher Straße 43
Eintritt: frei