Karstadt: Hoffen und Bangen an der Kajo

Nadja Röll

Zwischen Kleiderständern, Küchengeräten und Kugelschreibern geht es seit einer guten Woche nur noch um das Eine: Was wird aus dem insolventen Arcandor, aus seiner Tochter Karstadt und den vielen Angestellten? Nadja Röll hat für fudder beim Einräumen und Aufhängen zugeschaut und nach Hoffnungen und Ängsten der Verkäufer gefragt.



„Das Geschäft geht weiter! Ihr Karstadt-Team“, steht da in großen roten Lettern im Eingangsbereich. Das ist eine klare Ansage, mit einem dicken Ausrufungszeichen versehen.


Doch in den Gesichtern vieler Verkäuferinnen und Verkäufer ist von diesem ausgehängten Optimismus wenig zu sehen. Ein großes Fragezeichen steht ihnen ins Gesicht geschrieben. „Ich kann es noch gar nicht glauben, dass Karstadt vielleicht bald zumachen wird. Ich habe hier vor 20 Jahren meine Ausbildung gemacht und nie woanders gearbeitet“, erzählt eine 45-jährige Verkäuferin, während sie etwas nervös auf einer Stange Kleiderbügel hin und her schiebt.

Ihren Namen möchte die Verkäuferin nicht nennen. Seit dem Insolvenzantrag von Arcandor hat der Betriebsrat den Angestellten in Freiburg einen Maulkorb verpasst und ihnen verboten, sich im Geschäft der Presse gegenüber zu äußern.



Um die Verkäuferin herum sind alle Regale prall gefüllt, nur die seit Monaten unverputzte Decke deutet in einer Ladenecke auf einen möglichen Verfall hin. „Mit der Wirtschaftskrise hat das aber nichts zu tun. Seit vier Jahren werden uns Urlaubsgelder und Zuzahlungen gekürzt. Das Management hat Schuld“, sagt die fest angestellte Verkäuferin und blickt enttäuscht durch ihre Brillengläser auf.

Denn auch die Bundesregierung ist zu der Überzeugung gekommen, dass bei Arcandor schlecht gewirtschaftet wurde und hat dem Konzern vergangene Woche Bürgschaften und Notkredite versagt. „Jetzt kann es noch Monate dauern, bis wir wissen, wie es weitergeht. Bewerbungen habe ich noch keine geschrieben. Gerade sieht es überall schlecht aus und in meinem Alter wird es schwer, etwas Neues hier in der Gegend zu finden.“



Auch bei den faltenden und glatt streichenden jungen Mitarbeitern herrscht Krisenstimmung. Lautstark diskutieren sie über Bewerbungen, um auf den Fall der Fälle vorbereitet zu sein. Darüber, ob die Kaufhof-Mutter Metro Karstadt aufkaufen wird und ob dann die Freiburger Filiale erhalten bleiben würde.

Reden wollen sie aber nur untereinander, die Anweisung zum Stillschweigen scheinen die Jugendlichen ganz besonders zu befolgen. „Ich weiß gar nichts“, sagt die eine und verschwindet hinter dem nächsten Kleiderständer. „Wir dürfen nichts sagen“, kommentiert die andere im harschen Ton, wendet sich ab und richtet ihren Blick stur auf einen Pulloverhaufen.



Neben den Karstadt-Angestellten sind im Haus an der Kaiser-Joseph Straße auch viele andere von der Pleite betroffen: die Mitarbeiter der Migros-Filiale, Friseure und Verkäufer an Topf- und Schmuckständen. „Seit zwei Wochen schrauben die Fremdfirmen ihre Kontingente runter. Sie haben Angst, dass alles, was sich im Laden befindet, bald in die Insolvenzmasse gehen könnte“, erklärt der 23-jährige Florian Meister, der im Karstadt zwei Tage die Woche Uhren repariert, um sich während seines Studiums ein bisschen Luxus leisten zu können.

Von seinem Stand im Erdgeschoss hat er alles im Blick, mit seinen Kollegen und Kunden spricht er kaum noch über andere Themen.



„Seit letzter Woche sind hier alle ein bisschen depri. Ich werde schon was anderes finden. Für die Menschen jenseits der vierzig wird das allerdings ein bisschen schwieriger“, erzählt der Bassist der Band RockRainer, der sich auch vorstellen könnte, eine Zeit lang als Straßenmusiker sein Geld zu verdienen.

„Das Konzept Warenhaus funktioniert einfach nicht mehr. Da hilft es auch nichts, dass Karstadt für sich selbst wirbt, indem es sich als deutsches Kulturgut bezeichnet“, so der Student und erinnert an eine Lautsprecheransage, die bis vor kurzem stündlich durch das Haus hallte: „Deutschland, jetzt bist du 60 Jahre. Weißt du noch, als du dir das erste Mal deine Nase am Schaufenster platt gedrückt hast?“

Kunden und Verkäufer hätten dann immer ganz doof geguckt. Nur die älteren Angestellten scheine immer noch ein Bild von Karstadt zu Zeiten der Wirtschaftswunderjahre im Kopf zu haben: „Als hier vor einer Woche eine Mahnwache vor der Tür war, haben mir viele Menschen Trinkgeld gegeben und gesagt, wie schade sie es fänden, was hier bei Karstadt passiert.“



Das „Kar“ vor „Stadt“ erinnert Angestellte und Kunden seit vergangener Woche wieder an die althochdeutsche Wortbedeutung von Kummer und Trauer. 10.000 Freiburger haben bei einer Unterschriftenaktion gegen die Schließung ihres Allwarenhauses auf der Kaiser-Joseph Straße demonstriert. Jetzt heißt es abwarten, Tee bei Karstadt kaufen und für die Verkäuferinnen und Verkäufer: Weitermachen, nicht verzagen, freundlich bleiben.

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