Jurastudium: Zum Examen ohne teure Nachhilfe

Meike Riebau & Heike Spannagel

Das erste Staatsexamen für Juristen gilt bundesweit als eine der schwersten Hochschulprüfungen. Zu Beginn der Semesterferien nehmen an der Universität Freiburg wieder rund 150 Studierende die einjährige Examensvorbereitung in Angriff. Die meisten von ihnen investieren dafür rund 2000 Euro in sogenannte Repetitorien, private Nachhilfekurse. Diesem Geschäft mit der Prüfungsangst wirken die Rechtswissenschaftler der Uni jetzt massiv entgegen: Mit der Initiative Ex-o-Rep werben Dozenten für das Examen ohne Repetitor.



Sogar vom Oberlandesgericht Karlsruhe bekommen die Freiburger Rechtswissenschaftler Unterstützung in ihrem Kampf gegen kommerzielle Repetitorien: Dieses hat jüngst die Klage eines Freiburger Repetitors abgewiesen, der in den Räumlichkeiten der Uni für seine Veranstaltungen werben wollte. Die Richter hoben das berechtigte Interesse der Universität an einer eigenständigen Ausbildung hervor.


Die Ausbildung zum Juristen allerdings ist richtig schwer. Im Gegensatz zu vielen geisteswissenschaftlichen Fächern sind gute Noten bei den Rechtswissenschaftlern spärlich gesät. Dabei ist die Abschlussnote entscheidend für die berufliche Karriere: Wer in den Staatsdienst möchte, braucht mindestens neun von 18 möglichen Punkten. Die magische Zahl, auf die alle hinfiebern, ist zweistellig – erreichen tun sie landesweit nur fünf Prozent der Absolventen.

Festgestellt wird diese Abschlussnote in einem zweiwöchigen Prüfungsmarathon mit sechs Klausuren und einer mündlichen Prüfung, in denen der gesamte Stoff der ersten vier Studienjahre abgefragt wird. In Baden-Württemberg gibt es nur einen Verbesserungsversuch. An der Uni Freiburg gehen an zwei Terminen im Jahr rund 300 Jurastudenten ins Examen.

Die Kombination aus einer scheinbar unüberschaubaren Menge an Stoff und hohem Prüfungsdruck ist es, die 90 Prozent der Jurastudenten dazu bewegt, Repetitorien („Reps“) zu belegen, in der Regel ein Jahr lang. Das kostet bei handelsüblichen Preisen insgesamt 2040 Euro.

Seit Einführung der Studiengebühren bemühen sich die Universitäten im Land, ihr Angebot an Wiederholungs- und Klausurenkursen zu verbessern. Dennoch empfinden viele Studierende diese Prüfungsvorbereitung als unzureichend. Auch Carla Linse hat sich für die kommerziellen Zusatzkurse entschieden. Zusammen mit 120 anderen besucht sie seit vier Monaten dreimal pro Woche ihre bezahlten Paukstunden. „Ich war mir einfach sicher, wenn ich diesen Kurs belege, einmal den Prüfungsstoff komplett durchzuarbeiten.“

Die 24-Jährige weiß, dass die Kurse keineswegs das Lernen und Nacharbeiten ersetzen. „Aber allein die Tatsache, dass man ein wenig an der Hand genommen wird, ist beruhigend“, sagt sie.

Johannes Schäuble und Thomas Seefried gehören der Minderheit an, die die Examensvorbereitung ohne bezahlte Hilfe in Angriff genommen haben. Die beiden pauken mit zwei anderen in einer Lerngruppe. „Wer sich privat vorbereitet, ist gezwungen, sich sehr viel intensiver mit dem Stoff auseinander zu setzen und muss sich ständig selber überprüfen, dadurch lernt man besser“, sagt Thomas Seefried.

Dennoch wissen sie auch, dass „Ex-o-Rep“, wie Examen ohne Repetitorium im Fachjargon genannt wird, mehr Zeit erfordert als der andere Weg: „Anderthalb Jahre haben wir eingeplant“, sagt Thomas Seefried. Bereits examinierte Kandidaten sprechen sich erstaunlich häufig für diesen Weg aus: „Im Nachhinein denke ich, dass das in Kombination mit dem Uniangebot schaffbar ist“, meint eine Absolventin.

Selbst die vier aus der Ex-o-Rep-Gruppe können die Ängste ihrer Kommilitonen gut nachvollziehen: „Die Reps füllen definitiv eine Lücke aus, die im Uniangebot klafft“, sagt Annika Schreiber, ebenfalls in der Lerngruppe, und die einzige, die daneben noch zusätzlich Repkurse besucht.

„Erfolg ist kein Zufall“
, wirbt das größte bundesweite Rep-Unternehmen Hemmer, das in Freiburg zwischen 150 und 200 Kunden im Jahr hat. Und genau das ist es, was die Studenten suchen: Jemand, der ihnen glaubwürdig verspricht, den Weg zur bestmöglichen Note zu bahnen. Ob die Kurse tatsächlich dabei helfen, die Note zu verbessern, ist unklar.

Eine Befragung der Uni Heidelberg aus den Jahren 1991 und 1994 scheint eher eine gegenteilige Antwort zu geben: Diejenigen, die besonders gut abschnitten, hatten sich ohne Zusatzkurse vorbereitet. Das kann allerdings auch bedeuten, dass eher die schwächeren Studenten in die Kurse gehen.

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Repetitorium?

Repetitorium, lat. Wiederholung, ist eine Unterrichtsform, um komprimiert Wissen in kurzer Zeit weiterzugeben. Die kommerziellen Repetitorien ähneln in der Wissensvermittlung eher Schulunterricht als Uni-Vorlesungen. Das Repetitorium hat eine lange Tradition unter Juristen.

Im Jahre 1794 sollen die ersten Firmen entstanden sein, als das Preußische Allgemeine Landrecht eingeführt wurde und die Studenten mit unbekanntem Prüfungsstoff konfrontiert wurden. Schon Johann Wolfgang von Goethe soll einen Repetitor gehabt haben, Kurt Tucholsky büffelte im „Rep“. Nach Angaben des Repetitoriums Hemmer nutzen rund 90 Prozent der Examenskandidaten ein kommerzielles Rep.
[Foto: Ingo Schneider; Dieser Text ist heute ebenfalls auf der "Frisch gepresst"-Seite der Freiburger Lokalausgabe der Badischen Zeitung erschienen.]