Interview zum Nachtleben

"Jungen Leuten ist es wichtig, nachts aktiv zu sein"

Felix Klingel

Wo gehen junge Leute nachts aus und warum? Antworten auf diese Fragen sucht Tim Freytag aus Freiburg in einer Umfrage. Sie läuft bereits in der zweiten Runde. Ein Interview über den Stand der Studie.

BZ: Herr Freytag, Sie haben bereits eine Umfrage über das Ausgehverhalten am Anfang des Jahres gemacht. Warum gibt es jetzt noch eine Umfrage?
Freytag: Wir gehen davon aus, dass die nächtlichen Aktivitäten und auch die Einschätzungen zu den Orten die besucht werden, zwischen den Jahreszeiten sehr variieren. Darum haben wir zwei Erhebungszeiträume gewählt.


BZ: Wie verändert sich das Ausgehverhalten im Sommer?

Freytag: Im Winter haben wir festgesellt, dass es eine starke räumliche Konzentration auf die Innenstadt gibt. Neben Bars und Restaurants spielen Clubs eine große Rolle, aber auch Kinos. Im Sommer wäre die Erwartung, dass es viel mehr ins Freie und in den öffentlichen Raum drängt.
Du hast Lust an der Studie teilzunehmen? Hier geht es direkt zur Umfrage. Sie läuft noch bis zum 31. Juli

BZ: Welche Ergebnisse Ihrer ersten Umfrage haben Sie überrascht?

Freytag: Wir waren erstaunt darüber, dass die meisten Befragten angegeben haben, dass sie nicht mehr als einmal pro Woche unterwegs sind. Da hätte ich mehr erwartet.

BZ: Darüber klagen immer wieder Gastronomen, die sagen die Leute hätten wegen dem stressigen Bachelor/Master-System keine Zeit mehr.

Freytag: Ich kann nicht sagen, ob sich da etwas geändert hat, da wir nichts über zeitliche Veränderung des Ausgehverhaltens erfasst haben. Was wir allerdings aktuell machen, ist zusätzliche qualitative Forschung. Das heißt wir haben eine Gruppe von studentischen Hilfskräften, die abends unterwegs sind und mit jüngeren Menschen sprechen. Wir wollen herausfinden, warum sie unterwegs sind, was sie unternehmen und wie sie Veränderungen wahrnehmen.
Ich glaube nicht, dass der Leistungsdruck dazu führt, dass man nicht mehr unterwegs ist.

BZ: Was ist Ihre Erfahrung als Professor?

Freytag: Ich nehme schon wahr, dass die Studierenden einen größeren Leistungsdruck verspüren. Fast jedes Modul geht in die Endnote ein. Trotzdem habe ich nicht den Eindruck, dass die Studierenden abends nichts mehr unternehmen. Ich glaube nicht, dass der Leistungsdruck dazu führt, dass man nicht mehr unterwegs ist. Das ist ja ein soziales Grundbedürfnis. Vielleicht nicht mehr so viel oder nicht so lange. Oft ist das auch eine Preisfrage. Denn wir haben herausgefunden, dass die Bezahlbarkeit eine wichtige Rolle spielt.

BZ: Ein weiteres Thema im Nachtleben ist die Sicherheit. Was hat Ihre Umfrage da gezeigt?

Freytag: Das war für viele ein wichtiges Thema. Es ist jetzt interessant zu sehen, ob das im Winter eher eine Momentaufnahme war, oder ob sich das im Sommer fortsetzt und ein dauerhaftes Thema wird. Es ist aber wichtig, zu zeigen, dass es beim Thema Sicherheit verschiedene Standpunkte gibt. Häufig wird das Thema ja Schwarz-Weiß dargestellt. Wir können mit unserer groß angelegten Umfrage zeigen, dass es viele unterschiedliche Positionen beim Thema Sicherheit gibt.

BZ: Ihre Studie läuft zeitgleich in der französischen Mittelmeerstadt Montpellier. Wie lassen sich die Städte vergleichen?

Freytag: Wir versuchen das Thema des urbanen Nachtlebens an beiden Standorten zu untersuchen. In Montpellier sind die Jahreszeitenunterschiede nicht so stark ausgeprägt. Dort feiern die Menschen weniger bei sich zuhause als in Freiburg. Öffentliche Nachtorte spielen eine wichtigere Rolle, aber auch Bars und Clubs.

BZ: Freiburg hat den Ruf weg, nicht besonders nachtlebenfreundlich zu sein. Wie sieht das im Vergleich zu Montpellier aus?

Freytag: In Montpellier ist abends auf den Straßen viel los. Auf den ersten Blick wirkt das Nachtleben darum offen und vielfältig. Wenn Sie dann aber bis in die Nacht bleiben, merken Sie, dass Parks geschlossen und die Leute von dort vertrieben werden. Außerdem darf kein Alkohol auf öffentlichen Plätzen konsumiert werden. Das sind so Dinge, die einem zeigen, dass in Freiburg die Situation eigentlich so schlecht nicht ist.

BZ: Warum wird das dann so wahrgenommen?

Freytag: In Freiburg gibt es sehr hohe Erwartungen. Das ist auch gut so und nicht verwunderlich, weil wir einen recht hohen Anteil an jüngerer Bevölkerung haben. Im Vergleich zu anderen Standorten ist es eigentlich beeindruckend, wie vielfältig abends die Aktivitäten sind. Andererseits kann man auch gut argumentieren, dass es vor ein paar Jahren in Freiburg noch vielfältiger war. Man sieht, wie viele Clubs geschlossen haben. Und man sieht, dass es auf Grund von Sicherheitsauflagen nicht mehr so einfach ist, Festivals oder Feste zu veranstalten. Das wird von vielen Menschen als Verlust wahrgenommen.

BZ: Warum ist es wichtig, über Ausgehorte zu forschen?

Freytag: Es ist wie bei vielen Dingen im alltäglichen Leben: Die erscheinen uns erst einmal als selbstverständlich. Aber das Ganze einmal in einem größeren Umfang zu erfassen, hilft uns, über die Klischeeebene der allgemeinen Wahrnehmung und über die subjektive Wahrnehmung hinausgehend ein größeres Bild zu zeichnen.
Die stille Masse vergisst man dabei, und die wollen wir erreichen und einbeziehen.

BZ: Wie kann so ein Bild aussehen?
Freytag: Ein Beispiel: Junge Menschen mit Migrationshintergrund sehen wir in der Innenstadt nicht so stark repräsentiert wie im Rest von Freiburg. In einer früheren Studie haben wir herausgefunden, dass das auch damit zusammenhängt, dass sie sich unter Umständen in der Innenstadt nicht richtig willkommen und zugehörig fühlen und sich dann eher andere Aufenthaltsorte in der Stadt suchen.

Darum ist es wichtig, viele Menschen zu befragen und nicht nur die, die ohnehin in der Innenstadt unterwegs sind. Sonst entstehen schnell Klischees von großen Gruppen, die durch die Stadt ziehen, laut sind und Müll produzieren. Das ist natürlich der Fall, aber das ist auch sehr einseitig auf einzelne Gruppen fokussiert. Die stille Masse vergisst man dabei, und die wollen wir erreichen und einbeziehen. Es ist falsch, immer nur auf die Problembereiche zu schauen. Vielen jungen Leuten ist es wichtig, nachts aktiv zu sein und ich möchte verstehen, was sie wie und warum unternehmen.

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