Jung sein auf dem Land: "Duhu, Papa - kannste mich fahr'n?"

Kathrin Blum

Abends spontan ins Kino gehen, noch schnell ein Shirt bei H&M für das nächste Fest holen - all das ist für Jugendliche auf dem Dorf unmöglich. Warum trotzdem viele dort glücklich sind und bleiben wollen? Kathrin Blum hat nachgefragt.



Drei Tage Vorbereitung
– mindestens: Wenn Marina Mogel aus Bürchau im Kleinen Wiesental ins Kino möchte, braucht sie einen gut ausgearbeiteten (Fahr-)Plan. Das 190-Seelen-Dorf liegt weit ab vom Schuss, mit öffentlichen Verkehrsmitteln abends noch von hier wegzukommen ist schlicht unmöglich. „Der letzte Bus nach vorne fährt unter der Woche um 19 Uhr und zurück kommt man gar nicht mehr“, sagt Marina.


Vorne heißt Schopfheim. Hinten ist das abgelegene Tal. Bis in die Kreisstadt Lörrach zu kommen ist viel zu umständlich. Also endet die Tour oft schon in Schopfheim. Die 15-jährige Marina und ihre Freunde versuchen sich so gut es geht selbst zu organisieren. Trotzdem müssen immer wieder Eltern und ältere Geschwister Taxi spielen.

„Ich habe oft ein schlechtes Gewissen, wenn mich meine Familie wieder rumkutschieren muss. Der steigende Benzinpreis macht das nicht besser“, sagt Marina verlegen. Manchmal bleibt sie deshalb lieber daheim und trifft sich mit Freunden im Bauwagen (siehe Stichwort) oder dem Jugendraum. Zu ihren Freunden ins Nachbardorf radelt sie auch mal.

Sarah Schupp
aus Hottingen im Hotzenwald kennt diese Sache mit dem schlechten Gewissen: „Ja, unsere Eltern müssen oft ran und ich frage wirklich nicht gerne.“ Für sie ist es nicht selbstverständlich, dass ihr Vater sie und ihre Freundinnen mitten in der Nacht von einem Fest im Nachbardorf abholt. Die 17-Jährige hat schon den Führerschein, bis sie 18 ist, darf sie allerdings nur in Begleitung Erwachsener fahren. Also muss Papa wieder ran – trotz der neuen Führerscheinbestimmungen.

Besonders abends und am Wochenende ist es schwer, aus dem Hotzenwald wegzukommen. Zurück in den Wald zu kommen, ist zu später Stunde ganz unmöglich. Es sei denn, man kann sich ein richtiges Taxi leisten – aber welcher Schüler kann das schon? Wenn die Gymnasiastin mit ihren Freundinnen in die nächste größere Stadt will, ist das ein riesiger Aufwand. „Mit Bus und Bahn nach Freiburg – da muss ich drei bis vier Stunden Fahrzeit pro Weg einplanen“, sagt sie.

Und dennoch: In einer großen Stadt wohnen, das wollte Sarah nicht. „Da hätte ich schnell genug“, sagt sie. Sarah mag die Ruhe im Hotzenwald „und die gute Luft“, ergänzt sie lachend. Nach dem Abi in zwei Jahren möchte sie aber erstmal raus: zuerst ins Ausland und danach studieren. Und so gut ihr ihre Heimat auch gefällt: „Ich glaube nicht, dass ich danach zurückkommen werde. Die beruflichen Chancen sind einfach schlecht so weit draußen auf dem Land.“

Marina Mogel möchte auch erst einmal weg vom Land. „Ich will auf jeden Fall etwas sehen und Stadtluft schnuppern“, erzählt sie. Ganz ausschließen möchte sie ihre Rückkehr aber nicht. „Im Kleinen Wiesental aufzuwachsen ist wundervoll, man hat einfach so viel Platz zum draußen Herumtoben.“ Und, so glaubt sie, Kinder werden selbstständiger, wenn sie auf dem Land aufwachsen: „Wir müssen uns viel besser organisieren, wenn wir etwas wollen. Wir fahren nicht eben mal schnell wohin, sondern planen das genau und verbinden immer mehrere Dinge miteinander, damit sich der Weg auch lohnt.“ Wenn Marina sich ein Taschengeld verdienen möchte, ist sie auch dabei erfinderisch: Weil der Job im Ort sein muss, bietet sie ihre Dienste als Babysitterin an, oder hilft ihrer Tante aus, die im Ort ein kleines Hotel betreibt.

Das Wegkommen hat Paul Fritsch aus dem Hochschwarzwald, der seinen richtigen Namen nicht verraten möchte, immer selbst in die Hand genommen. Der 17-Jährige hat das alte Mofa seines großen Bruders geschnappt und ist losgedüst – ohne Führerschein, wie er gesteht. Die Polizei verirre sich nur selten auf den Berg – und sonst störe es niemanden, sagt er.

„Viele sind stolz, dass sie von hier sind und wollen deshalb bleiben“, weiß der 17-Jährige. Für ihn selbst komme das nicht in Frage. Er will weg, sobald er die Schule hinter sich hat und glaubt, dass viele junge Leute einfach zu bequem sind, das Dorf zu verlassen. Bequem? Bei so langen und umständlichen Wegen? „Die haben Angst vor Neuem, davor neue Freunde suchen zu müssen und so“, meint Paul. Er fand seine Kindheit zwischen Wäldern und Wiesen zwar schön. „Aber irgendwann is’ auch mal genug.“ Schlimmer als auf dem Dorf zu wohnen, ist es für ihn, dass richtig große Städte sehr weit weg sind vom Hochschwarzwald. Waldshut, Bad Säckingen oder Schopfheim sind eben auch nicht das, was Jugendliche unter einer „Stadt“ mit dem zugehörigen Unterhaltungs- und Shoppingangebot verstehen. „Als Säckingen noch ein Kino hatte, war das okay, aber das gibt’s ja auch nimmer“, bedauert beispielsweise Sarah.

Und wenn man den langen Weg dann erst einmal zurückgelegt hat, steht das nächste Hindernis an: die Vorurteile, mit denen die Städter den Dorfjugendlichen zum Beispiel an den weiterführenden Schulen begegnen. Diese kennen die Hotzenwälder, die Kleinwiesentäler und auch die Hochschwarzwälder. „Man gewöhnt sich daran“, sagt Marina. „Besser Hinterwäldlerin als Bahnhofsgangster“, ergänzt sie und lacht.

Blöde Sprüche gibt es auch immer wieder wegen des Dialekts. Paul, Marina und Sarah sprechen alle drei breites Alemannisch – zumindest außerhalb des Unterrichts. Sarah berichtet von einer Freundin, die ihren Dialekt auch in der Schule nicht ganz ablegen kann und deshalb aufgezogen wird. Dialekt ist in den Augen mancher Stadtkinder schlicht ein Makel, der Jugendliche als bäuerlich und dumm ausweist. Hinterwäldlerisch eben. Sarah sieht das aber ganz anderes: „Ich bin stolz auf meinen Dialekt und werde ihn auch an meine Kinder weitergeben!“



Bauwagen

In den Dörfern, in denen es keine Jugendräume gibt, helfen sich Jugendliche oft selbst: Sie kaufen einen alten Bauwagen und funktionieren ihn zum Jugendtreff um. Drinnen machen sie es sich mit ausrangierten Sofas und klapprigen Tischen vom Sperrmüll gemütlich. Oft findet man in den Bauwagen auch Fernseher und Spielekonsolen. Die meisten Bauwagen stehen außerhalb eines Dorfes, damit es auch laut werden kann, und sich nicht ständig Erwachsene einmischen. Ärger gibt es trotzdem immer wieder.