Julius Steinhoff: Ein Freiburger in Sankt Pauli

David Weigend

Julius Steinhoff (29) kommt aus Freiburg und hat in Sankt Pauli sein Ding durchgezogen: Sein Plattenladen "Smallville Records" wurde zum Kritikerliebling, als Deep House-DJ erobert er die Welt auf die sanfte Tour. Ein Portrait.



Sankt Pauli, Mitte März: Trinker mit verfrorenen Gesichtern schwanken Arm in Arm über den Gehweg an der Hein-Hoyer-Straße. Das Trottoir ist bedeckt von einem pampigen Gemisch aus halbgetautem Eis, Streusalz und Hundekot. Sonntagnachmittag. Die Sonne kommt kurz raus und Julius Steinhoff mit einem Hollandrad um die Ecke.


Er stellt es ab vor dem Plattenladen, den er zusammen mit zwei Freunden gegründet hat. „Komm rein! Willst du ’nen Fencheltee?“ Dann schlappt er in den hinteren Teil des Geschäfts und befüllt den Wasserkocher. Schirmmütze, fast schulterlange Haare, Dreitagebart und ein Bäuerle-Fleck auf dem Pulli: Julius ist Anfang des Jahres Vater geworden.



Der 29-jährige Freiburger hat den Durchbruch geschafft: Seinen Plattenladen Smallville haben die Leser des Szenemagazins De:Bug in der Februar-Ausgabe zum zweitbesten gewählt; das Plattenlabel Smallville Records, auf dem Julius Deep House veröffentlicht, zählten die De:Bug-Redakteure zu den sieben wichtigsten Plattenfirmen des vergangenen Jahres; Reporter der Wochenzeitung Die Zeit besuchten den Laden für ein Porträt; Steinhoff wird als DJ in den angesagten Clubs gebucht. Tel Aviv, Paris, London. „Ich kann inzwischen vom Auflegen gut leben“, sagt er und schenkt Tee ein.



Wie kam es dazu? Die musikalische Sozialisation von Julius, der in der Freiburger Karlstraße aufwuchs und das Friedrich-Gymnasium besuchte, war zunächst geprägt von Punkrock. 1997 wurde er Schlagzeuger der Schülercombo „Stairway to Nowhere“. Man probte und trank in einem idyllisch stinkenden Keller im Alten Güterbahnhof. Bei Konzerten in den Umlandgemeinden kam der elterliche Citroen CX zum Einsatz, in dem Julius die Instrumente verstaute.

Schaut man sich ältere Partyfotos an, sieht man einen Jüngling mit Rastalocken, der sich im Freiburger Waldsee herumtreibt: Montage, Root Down, die ganze sogenannte Acid-Jazz-Ecke. Während des Zivildienstes kaufte sich Julius die ersten Plattenspieler. Nächtelang verbrachte er in jenem Haus an der Kronenstraße neben dem Blitzer, wo seine Hip-Hop-Kollegen von der Lazer Posse wohnten: „Wir probierten viel aus. Ich pflückte die Jazzsammlung meines Vaters auseinander und mixte sie mit den ersten Trip-Hop- und Houseplatten, die ich mir angeschafft hatte.“



Mit der diffusen Vorstellung, „irgendwas mit Musik“ zu machen, ging Julius nach Hamburg. Er begann ein Praktikum beim Musikvertrieb Public Propaganda und absolvierte dort im Anschluss eine Ausbildung. Zum zweiten Wohnzimmer wurde für Julius der Golden Pudel Club am Fischmarkt: ein kleiner, familiärer Club, „verranzt, runtergerockt, trotzdem sehr gemütlich“. Nicht nur die Bandmitglieder der Hamburger Schule (Tocotronic, Die Sterne, etc) trafen sich dort, sondern auch die Szene rund um das Dial-Label und Peter Kersten.

Peter und die gemeinsame Freundin Stella waren es auch, mit denen Julius im Mai 2005 den Plattenladen in Reeperbahnnähe eröffnete. Ausschlaggebend für Julius war, dass ihm seine Arbeit als Print-Promoter gegen den Strich ging: „Ich musste Journalisten anrufen und denen Musik schmackhaft machen, die ich persönlich nicht ausstehen konnte. Ein Söldnerjob.“



So kam es zur Gründung der Vinyl-Kleinstadt. „Während der Planungsphase hörten wir immer einen Sampler des Kölner Musikproduzenten Tobias Thomas. Der hieß Smallville“, erinnert sich Julius. „Nicht nur der hat uns gefallen, sondern auch ein Interview, in dem Thomas über diesen Begriff sprach: Das Bild von Techno- und Housefreunden als warmherzige Bürger einer Kleinstadt, in der reger Austausch stattfindet.“

Weg vom stumpfen Raver-Prinzip, hin zu Fencheltee, Hollandrad und Plattenplausch. Dass Julius aus dem linksalternativen Umfeld einer südbadischen Kleinstadt kommt und Sankt Pauli als kiezige Kommune innerhalb der Metropole Hamburg durchgeht, passt da ganz gut ins Konzept.



Der Erfolg des kleinen Ladens und des dazugehörigen Labels hat mehrere Gründe: Die fantasievoll-kindlichen Zeichnungen des Hamburger Künstlers Stefan Marx, der vom Partyflyer bis zum Plattencover alles gestaltet, was von Smallville kommt; die Tatsache, dass der Laden und die Smallville-Feiern zum Schmelztiegel verschiedener Szenen geworden sind; und nicht zuletzt jene Konsequenz, mit der Julius seine Arbeit als DJ verfolgt.

Dazu gehört sein Credo, nicht gleich „mit der Keule auf die Zwölf zu hauen“, sondern über die Nacht hinweg eine Spannung aufzubauen, in der sich das Tempo allmählich steigert. „Man braucht dafür schon ein geduldiges Publikum, das es zu schätzen weiß, wenn man die billigen Effekte beiseite lässt.“



Wenn man Julius beim Auflegen beobachtet und beim organischen Wachsen seiner Beats zuhört, etwa im Februar im Berliner Watergate-Club, versteht man, was er damit meint: Kurz nach Mitternacht, als die Party erst beginnt, kommen aufgekratzte Gäste und fordern „Hits auf die Glocke“. Julius bremst sie: „Macht mal langsam, wir haben noch die ganze Nacht Zeit.“ In den nächsten Stunden demonstrieren er und sein DJ-Partner Dionne, dass sie ihre Musik leben und lieben. Wenn einer auflegt, geht der andere auf die Tanzfläche zum Schwoofen und andersherum.

Einige Stunden später legt Julius einen seiner neuen Songs auf: „Something like wonderful“. Ausgangspunkt ist eine durchlaufende Synthesizer-Klangfläche. „An der habe ich am PC so lang gebastelt, bis sie so schön war, dass ich mich reinlegen wollte.“



Dann kommen, ganz ohne Hektik, Bass und Schlagzeug dazu. Die Leute auf der Tanzfläche schreien und werfen die Arme in die Luft. Julius hat sie doch gekriegt. Auf die sanfte Tour.

[Fotos: Karsten Krause, David Weigend, Stairway to Nowhere; Zeichnung: Stefan Marx]

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