Julian Philipp David: Einer von uns, einer von hier

Carolin Buchheim

Er war der coole fudder-Praktikant mit der Schülerband. Jetzt macht Julian Philipp David Songwriter-Hiphop, hat einen Platten-Deal und kommt am Samstag aufs ZMF. Besuch bei einem, der unermüdlich am Erfolg arbeitet.

Die Menge johlt "Ajooo! Ajooo!" und schwenkt mit den Armen. Es klingt ein bisschen Mannheimerisch, dabei sind wir doch beim Freiburger Festival in der Brauerei Ganter. Auf der Bühne: Julian Philipp David als Aufwärm-Act für Max Giesinger. Die drei Namen sind nicht drei Typen, sondern einer: Julian Schwizler, 25, aus Merzhausen-Au, begleitet von seiner vierköpfigen Band.


Performen, das konnte Julian schon immer

Julian tigert, springt, hüpft mit lockeren Knien über die Bühne und erzählsingt von Au, dem "kleinen Dorf neben einer kleineren Großstadt, wo außer an den Hocks die meiste Zeit nicht viel los war", davon, dass "Oktober wie April ist, nur in kalt", und wie es denn ist, wenn die besten Freunde überall sind, nur nicht da, wo man selbst gerade ist.

Seine Band ist groovig, spielfreudig, tight. Spätestens bei den "Ajooo!"-Rufen ist der Auftritt mehr als nur Aufwärmen: Julian hat die vielen Teenies und ihre Eltern und alle anderen, die eigentlich nur für Giesinger gekommen sind, gepackt.

Leute bei einem Gig musikalisch abholen, mitnehmen, mitreißen, ist eins von Julians Talenten. Das konnte er schon, als Lingulistig, seine Band aus Schulzeiten, nicht mehr nur beim selbstorganisierten "Willkommen Daheim!"-Festival im ausverkauften Schmitz Katze auf der Bühne stand, sondern bei I EM Music in Emmendingen als Vorband von Jan Delay. Mit Tonomat 3000 schaffte er es zu den Jazzopen in Stuttgart, als Vorband von Max Herre. Klein gedacht, das hat Julian nie.

Lust auf Menschen, Quatsch und Experimente – aber gut müssen sie sein

Ein paar Wochen später sitzt er am Küchentisch in seiner WG in Mannheim-Jungbusch, dem liebenswert-verwahrlosten Stadtteil zwischen Neckar, Kanal und Luisenring, und sinniert über das Konzert. "Das war schon ziemlich gut", sagt Julian. "Mein erstes Konzert in Freiburg in dieser Konstellation." Bei Giesingers Auftritt kam er noch mal auf die Bühne. Eigentlich wollte man gemeinsam Freestylen, doch Julian war die Sache zu heiß: "Beim Freestylen rutscht mir schon mal totaler Quatsch raus, der Kopf ist dabei ausgeschaltet. Ich wollte echt nicht, dass das einzige Video im Internet von meinem Auftritt in Freiburg vielleicht lausig ist." Gut abliefern ist ihm wichtig, also hat er lieber eine Strophe aus einem Song gerappt, während Giesinger in Englisch radebrechend freestylte. Auch das ist Julian: bedacht.

Dass Julian Musik fürs Leben machen wollte, war nicht immer klar – sonst hätte er nicht bei fudder den Journalismus ausprobiert. Doch nach dem Abi an der Freien Waldorfschule Wiehre entschied er sich für die Popakademie. "Man kann dort sehr viel über das Musikgeschäft lernen und sehr viele Menschen kennenlernen", sagt er. Musiker und Produzenten aus dem Umfeld der Akademie sind an so unterschiedlichen Acts wie Frida Gold, Get Well Soon, Cro und Joris beteiligt.

Die erste Goldene gab’s für nen Giesinger-Song

Auch Julian schreibt Songs für andere – auch für Max Giesinger. An diesem Montag wartet er auf den DHL-Mann, der ihm für die Arbeit am Giesinger-Song "Nicht so schnell" die allererste Goldene Schallplatte liefern wird. "Das ist lustig und schön und ein bisschen seltsam", sagt er. Und eigentlich wollte er das gar nicht erzählen, es klingt ja wie inszeniert.

Mannheim-Jungbusch, ungefähr das genaue Gegenteil von Au, hat Julian ins Herz geschlossen. Im türkischen Supermarkt ein paar Häuser weiter wird er mit Witzen und Handschlag begrüßt, die Buddys wohnen um die Ecke und in der veganen Kneipe gegenüber gibt’s einen ordentlichen Hummusteller. In Julians WG-Zimmer hängen über dem Arbeitsplatz mit Rechner, Keyboard und Lautsprechern Platten an der Wand: Die beiden Alben von Lingulistig, die EP von Tonomat 3000, der Band aus Studienzeiten, und seine Solo-EP: "Herbst", so ganz richtig Vinyl.

Fünf Songs sind drauf, Musik für und über Momente dazwischen. Zwischen Fernweh und der Sehnsucht nach Zuhause, zwischen Jugend und Erwachsensein, Studium und Leben. "Songwriter-Rap" nennt das die Plattenfirma, ganz falsch liegen sie nicht. Oft hört er die Frage, ob "das denn noch Hiphop sei". Das findet Julian doof. "Auch wenn etwas vielleicht mal nicht so klingt, sind Gefühl, Technik und Haltung dahinter Hiphop."

Für immer DIY

Seit dem Frühjahr 2016 hat Julian einen Deal mit Universal Music. Das ist heute keine Garantie mehr für irgendwas, klar. "Aber es schafft Luft für die Arbeit." Zum Songschreiben ziehen Julian und sein Freund und Co-Produzent Jens Schneider sich immer mal wieder in eine Gartenhütte im schwäbischen Warmbronn zurück. In Julians Rechner auf dem Küchentisch steckt das Ergebnis: mehr als ein Dutzend Songs, mehr als genug für ein Album. Beim Durchhören fallen ihm Sachen auf, die besser gingen, aber eigentlich wäre er bereit. Doch wann das Album erscheinen soll, steht noch nicht fest.



Gerade ist die Single "Solange er schreibt" erschienen, das Video dazu haben Julian und der aus Freiburg stammende Sebastian Jalsovec (er war einst bei Gonzales La Familia Rapper "K zum B") im Geisterdorf Manheim in NRW gedreht, das bald dem Braunkohletagebau zum Opfer fallen wird. DIY, trotz Major-Deal. Auch das ist typisch Julian: Gute Leute dazuholen und gemeinsam coole Sachen machen. Das Stop-Motion-Video zu "Traurige Kids" drehte er gar mit Freunden auf einem Schreibtisch.



Über den Sommer stehen ein paar Festivaltermine an, das ZMF ist das klare Highlight. Dann geht’s im Herbst für Julian auf erste große Tour, 14 Termine in Clubs zwischen Bremen, Köln und Stuttgart. Eigentlich war das schon fürs Frühjahr angesetzt. "Es war dann aber doch noch zu viel", sagt er. Das Verschieben ist ihm schwer gefallen, aber wenn, dann richtig. Lieber jetzt.

Julian-Style, eben.
  • Was: Julian Philipp David
  • Wann: Samstag, 8. Juli, 20.30 Uhr
  • Wo: Spiegelzelt auf dem ZMF