Jugendleiter im Ferienlager: Sommercamp statt Ballermann

Philipp Barth

Viel Arbeit und Verantwortung – ganz ohne Bezahlung. Wer macht denn so was? Philippe und Mario aus Teningen zum Beispiel. Denn im Sommer ist es soweit: Sie werden Jugendbetreuer im Sommercamp. Der 16-jährige Philippe Lecreq beim Badentreff des Christlichen Vereins Junger Menschen (CVJM), der 18-jährige Mario Meier beim sogenannten Maxx-Camp, dem großen CVJM-Sommerlager mit etwa 250 Teilnehmern. Für beide eine große Aufgabe.



Vor zwei Jahren war Mario Meier noch als Teilnehmer auf dem Maxx-Camp, kannte niemanden und wurde doch schnell integriert. Eine prägende Erfahrung für den angehenden Industriemechaniker, der  sich damals noch kaum traute, auf andere zuzugehen.  „Ich fand die Jugendleiter dort voll cool und locker drauf und die waren gerade mal drei Jahre älter. Sie waren reif, konnten Verantwortung übernehmen, waren aber noch so jugendlich, dass sie Spaß dabei hatten.“


Mario machte den Jugendleiterkurs in Gengenbach. Zu Hause, beim CVJM in Teningen, überzeugte er seinen Freund Philippe Lecreq von der Idee. Der legte dann ein Jahr später in Gengenbach nach. Seit dem vergangenen Sommer üben sich die beiden schon in der Rolle der Betreuer. Gemeinsam mit einem erfahrenen CVJM-ler leiten sie eine Jungschar-Gruppe von Zwölfjährigen, die sich wöchentlich trifft. „Wir wollen das zurückgeben, was uns früher gegeben wurde beim CVJM und den Jungs zeigen, was Gott meint in der Bibel“, sagt Philippe.

Er hat gerade den Realschulabschluss gemacht und beginnt im Herbst seine Ausbildung als Stuckateur. Zwischendurch war er ein Jahr in „schlechten Kreisen“ unterwegs, mittlerweile hat er sich dank der Gruppe gefangen und möchte nun selbst zum Vorbild werden. „Wenn man in Teningen unterwegs ist, trifft man immer wieder die Jungscharkinder. Die gucken sich schon ein paar Sachen ab, da verhält man sich dann schon anders.“ Die Verantwortung und die Erfolgserlebnisse der Gruppenarbeit haben ihm bereits geholfen, Unsicherheiten zu überwinden und Selbstbewusstsein zu tanken. „ Mein Bewerbungsgespräch zum Beispiel ist deshalb ganz locker abgelaufen.“ Als Jugendleiter möchte er nun auch lernen, wie man mit Kindern umgeht, um „später bei der eigenen Familie“ richtig zu reagieren.



Julia Brucker aus Schliengen (Bild unten) ist im Vergleich zu den beiden bereits eine erfahrene Betreuerin. Doch wie sich das erste Mal Jugendcamp anfühlt, weiß die 21-jährige Sozialpädagogikstudentin noch genau. Vor fünf Jahren, gerade einmal 16 Jahre war sie alt, hat eine Freundin sie überzeugt, beim Jugendrotkreuz (JRK) als Betreuerin mitzufahren. Eigene Lagererfahrung hatte sie damals nicht, als Mitglied des Schülersprecherteams am Gymnasium in Müllheim brachte sie aber schon ein wenig Erfahrung im Organisieren mit.

Nach einigen Vortreffen mit dem Betreuerteam fand sie sich plötzlich in der Verantwortung für 70 Kinder und Jugendliche wieder. „Das war eine große Herausforderung und ich habe mich gefragt, ob ich das hinkriege. Aber die Unterstützung des Teams war da. Es hat keiner erwartet, dass ich im ersten Jahr Berge versetze, sondern erstmal mitmache, reinwachse, mich beteilige und Engagement zeige. Ich wurde langsam an die Sache herangeführt.“  Seitdem ist Julia jährlich auf den Jugendcamps dabei, immer irgendwo anders in Deutschland. Seit ihrem dritten Lager fühlt sie sich richtig wohl, auch weil das Kern-Team immer dasselbe ist und teilweise auch private Kontakte entstanden. „Es ist schon so, dass man jeden Abend zusammensitzt, je nachdem auch mal ein Bierle trinkt, redet oder ,Singstar’ spielt.“ Dabei bleiben die Kinder natürlich erste Priorität: Zwei Betreuer haben beim JRK immer Nachtdienst. Das heißt: wach bleiben und striktes Alkoholverbot.

Zwei Wochen auf engstem Raum, von morgens bis abends, untergebracht in Zelten. „Das würde ich nicht jedem zutrauen“, sagt Julia. Sie musste gerade im Umgang mit den Betreuer-Kollegen viel lernen. „Man kann sich nicht aus dem Weg gehen und muss lernen, Probleme anzusprechen und manche Dinge auch einfach mal runterzuschlucken. Die Gemeinschaft gehört dazu und wenn man mit denen nicht klarkommt, dann macht es auch keinen Spaß.“



Diese Erfahrungen stehen den beiden Teningern noch bevor. Mario beschäftigt sich am meisten mit der Frage, ob er als Betreuer überhaupt akzeptiert wird. Denn die Teilnehmer auf dem Maxx-Camp sind bis zu 18 Jahren alt. „Wie reagieren die Leute auf einen, wenn man die letzten Jahre noch als Teilnehmer dabei war und jetzt Verantwortung trägt und auch was zu sagen hat?“ Philippe sieht die Herausforderung in seiner Rolle als Autorität in Glaubensfragen. „Ich bin selbst noch am Lernen und verstehe nicht alles aus der Bibel. Ich habe Angst vor Fragen, über die ich erstmal selbst nachdenken müsste.“

Es warten spannende Aufgaben auf die beiden – aber nicht einmal eine Aufwandsentschädigung. Dafür übernimmt der CVJM die Jugendleiterkurse und wer viel hilft, kann auch mal auf eine Gratis-Freizeit hoffen. „Das ist eben dieses Geben und Nehmen. Deswegen habe ich kein Problem damit, das ehrenamtlich zu machen“, sagt Mario. An seinem Arbeitsplatz waren die Kollegen trotzdem erst mal verwirrt und haben ungläubig gefragt: Du machst das umsonst? „Ich finde das immer so cool, wenn man die Kinder sieht nach dem Treffen und sie sagen, das hat aber Spaß gemacht, nächstes Mal kommen wir wieder. Das ist die eigentliche Motivation. Das ist auf jeden Fall wichtiger als Geld!" Das sieht auch Julia so, die pro Jahr zwei bis drei Wochen ihrer Freizeit investiert. „Es ist einfach ein gutes Gefühl, wenn man den Kindern schöne Wochen bieten konnte, wenn sie sich kennenlernen konnten, Spaß hatten und ich mir sagen kann: Hey, ich habe da ein super Werk getan.“ Auch Julia bekommt keine Vergütung, obwohl sie mittlerweile zum Leitungsteam gehört und die Verantwortung für die Gesamtplanung trägt - von finanziellen Angelegenheiten bis zur Betreuerauswahl. Dafür beteiligt sich das JRK finanziell an ihren Fortbildungen, wie aktuell für die Jugendleitercard.

In Zukunft könnte sich die Studentin vorstellen, beruflich in die Koordination von Jugendarbeit zu gehen. Auch Mario und Philippe haben ihre bisherigen Erfahrungen geprägt. Mario plant nun sogar, nach der Lehre das Abitur nachzuholen und Realschul-Lehramt zu studieren. Dem CVJM will er aber treu bleiben. Genauso wie Julia dem JRK. „Jeder, der einmal dabei war, der bleibt auch dabei!“

Wie wird man Jugendleiter?

Fast alle Jugendorganisationen bieten Sommerlager an und suchen dafür BetreuerInnen. Von der Arbeiter-Samariter-Jugend über den CVJM, die katholische Jugend und das Jugendrotkreuz bis hin zur Gewerkschaftsjugend und den verschiedenen Pfadfindergruppen. Der Deutsche Bundesjugendring (DBJR) vertritt die meisten der Organisationen. Adressen und Informationen gibt es unter jugendserver.de.

Die Jugendleiter-Card (JuLeiCa) wird seit 1998 vom Bundesjugendring ausgegeben. Wer sie möchte, muss festgelegte pädagogische Fortbildungen und einen Erste-Hilfe-Schein nachweisen sowie ehrenamtlich in der Jugendarbeit tätig sein. Die JuLeiCa muss alle drei Jahre erneuert werden. Aktuell sind in Deutschland ca. 105.000 Karteninhaber aktiv. Die Jugendleiter-Card soll die Kompetenzen von JugendbetreuerInnen vergleichbar machen und für hohe Qualität und Transparenz bei der Jugendbetreuung sorgen. Das Landratsamt Lörrach beispielsweise zahlt Jugendgruppen nur noch Zuschüsse, wenn die Betreuer die JuLeiCa nachweisen können. Weitere Infos gibt es unter juleica.de.

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    [Foto 1: Fotolia, Foto 2: privat, Foto 3: Barth]