Jubelhölle oder Fußballhimmel - ein Pro und Kontra zum Public Viewing

Tamara Keller & Marius Notter

Public Viewing mit 13.000 Menschen: Die einen freuen sich schon seit Wochen, die anderen kriegen die Krise. Die fudder-Autoren Tamara Keller und Marius Notter vertreten die beiden Parteien:



Fünf Gründe warum ich mich auf das Public Viewing heute Abend freue:

1. Wie ein zweites Fasnacht:

Zu Public Viewing muss man nicht lange im Kleiderschrank suchen: Entweder das Deutschlandtrikot, oder man bindet sich einfach die passende Flagge um und voilá: Das perfekte Outfit steht. Wer keins von beidem besitzt, malt sich einfach ein paar Deutschlandflaggen auf die Backen oder lackiert nach Vorlieben die Fingernägel.

Alternativ kann man sicher spontan im Ein-Euro-Laden die passende Perücke oder Blumenkette abstauben. Auf jeden Fall ist es ein Muss, zu zeigen für welche Mannschaft das Herz schlägt.


2. Gemeinschaftsgefühl - Wir sind der zwölfte Mann


Jeden Tag alleine vor dem Fernseher sitzen, das kann doch jeder. Doch die Gelegenheit, gemeinsam mit 13 000 Freunden die Nationalmannschaft anzufeuern, bekommt man nur alle zwei Jahre. Wir sind der zwölfte Mann. Das hat auch nichts mit übertriebenem Patriotismus oder Nationalismus zu tun. Ich bin einfach stolz, unsere Jungs anzufeuern. Sie sind momentan das Sahnehäubchen des deutschen Fußballs. Sie vertreten uns in Brasilien.

3. Public Viewing bedeutet Stadion-Atmosphäre

Bei brühender Hitze auf dem Public-Viewing-Gelände im Freien darauf warten, dass das Spiel anfängt und nebenher ein Bierchen zischen. Klingt zwar nicht gerade wie der größte Komfort, aber den Zuschauern in den Stadien muss es doch ähnlich gehen. So kann ich wenigstens ein bisschen die brasilianische Stadionluft vom eigenen Land aus schnuppern -  oder mir es zumindest besser vorstellen. Alleine vor dem Fernseher? Langweiliger geht's nicht!

4. Beim Public Viewing triffst du jeden

Ob alte Schulfreunde, der nette Nachbar von nebenan oder der absolute Fußballexperte. Beim gemeinsamen Fußball schauen trifft man sämtliche Altersklassen, Schichten und die verschiedensten Typen an. Hin und wieder ein bisschen Multi-Kulti und das ein oder andere Pseudoexpertengespräch neben dem Spiel stören mich nicht. Ganz im Gegenteil: So lassen sich auch gut neue Bekanntschaften schließen oder eventuell alte Kontakte wiederbeleben. Ein gemeinsames Thema hat man ja bereits: das Fußballspiel.

5. Die Umstände im Land nicht aus den Augen verlieren

Mir ist natürlich auch bewusst, dass die Situation in Gastland nicht gerade zum Feiern einlädt. Seit längerem protestieren die ärmeren Schichten dagegen, dass die Regierung lieber Geld in neue Stadien steckt als etwas gegen die vorhandene Massenarmut zu tun. Fast keine Demonstration verläuft ohne Verletzte. Doch ich gehe zum Public Viewing, weil ich mich für das Spiel interessiere.

Ich bin zwar auch ganz klar dagegen, dass ein großer Teil der brasilianischen Bevölkerung unter der WM zu leiden hat, doch von hier aus kann ich zum jetzigen Zeitpunkt nichts daran ändern. Trotzdem versuche ich mich neben der WM, soweit es die Medien zulassen, mich über die politische Situation in Brasilien weiter zu informieren. So habe ich die Geschehnisse auf meinem persönlichen Schirm, während ich auf die leinwand gucke.

Autorin Tamara Keller, 19, ist zurzeit fudder-Praktikantin und freut sich auf das erste Spiel der deutschen Mannschaft.



Fünf Gründe warum Public Viewing die Hölle ist:

 

1. Public Viewing ist ein schlechter Fasnet-Verschnitt

Fasnet ist geil: Verkleiden, singen, Umzüge, jahrhundertealte Tradition. Sich für ein Gruppenspiel fürs Public Viewing das Gesicht anzumalen, ein Deutschland-Trikot anziehen und sich eine Deutschland-Flagge umhängen, ist einfach nur peinlich. Deshalb spielen “Jogis-Jungs” auch nicht besser. Du siehst dann nach dem Spiel höchstens aus wie ein durchgeschwitzter, besoffener, abgestürzter Superheld. Glückwunsch.


2. "Gemeinschaftsgefühl" ist Fußball-Nationalismus

“Mir haben geschtern gewonne!” - Nein, hast du nicht. Du hast gar nichts gewonnen. Du hast überteuertes Bier auf einem schattenlosen Public-Viewing-Zirkus gesoffen. Sonst nichts.

“Während der WM kann man wenigstens mal stolz auf Deutschland sein”.
Bei solchen Aussagen würde ich mich am liebsten aus dem nächsten Fenster werfen, um der Ignoranz und Dummheit dieser Menschen zu entfliehen, denn warum zu Hölle “darf” man jetzt mal stolz auf Deutschland sein? Weil da ein paar unterdurchschnittlich intelligente Kerle einer 150-Euro-Kugel hinterher rennen? Nein. Danke. Und jetzt pack deine fünf-auf-fünf-Meter-Flagge ein. Zieh dir was Normales an. Und schau Sport.


3. Es gibt nichts ungemütlicheres als Public Viewing

Fußballspiele schauen in praller Sonne oder in einer kühlen Nacht, mit hunderten oder tausenden anderen besoffenen Proleten, die mir ihr Bier und ihre unnötig dahergelallten Kommentare überschütten, machen so ein Public Viewing extrem ungemütlich. Außerdem würde ich den Ball auch ohne Fernglas gerne sehen - und das kann ich nicht, wenn ich beim Massen-Public-Viewing bin, dafür ist die Leinwand meistens zu weit weg oder zu klein.


4. Auf WM-Proleten verzichte ich gerne

Sie sind überall, in jeder Kneipe und auf jedem Public-Viewing-Gelände: WM-Proleten die absolute keine Ahnung von Fußball haben, aber jeden Pass und jede Entscheidung des Schiris kommentieren.
Diese scheinbaren Fußballexperten sind meistens auch noch so dicht, dass sie spätestens nach der 20. Minute rumgrölen, Bier durch die Gegend schütten und spätestens nach der 70. Minute mit dem Kopf auf dem Biertisch liegen. Ich habe auch keine Ahnung von Fußball, aber ich halte während des Spiels wenigstens meine Schnauze.


5. Proteste gegen die WM werden unterdrückt

Erinnerst du dich an die Demonstrationen in Brasilien 2013, gegen die Fußball WM 2014, bei denen mehrere hundert Menschen verletzt wurden? Ja? Diese Demonstrationen gibt es jetzt wieder. Sogar bei der Eröffnungsfeier zeigte ein indigener Junge ein Spruchband, das auf die “Abgrenzung” seines Volkes aufmerksam machte.

Diese Szene wurde im Fernsehen dann mal schnell rausgeschnitten. Schon mal reflektiert, was du mit deinem Public-Viewing-Gefeier bewirkst? Du bestätigst die FIFA darin, dass es scheißegal ist, was in den Veranstaltungsländern passiert. Hauptsache der Ball rollt. Schäm dich.

Autor Marius Notter, 21, ist freier Mitarbeiter bei fudder.de und jetzt schon genervt von der WM 2014.

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