Josef Hader: "Wieviel Faschist steckt in jedem von uns?"

Anselm Müller

Am Sonntag gastiert Josef Hader, einer der wichtigsten Kabarettisten Österreichs, im Freiburger Theater. Wir haben uns vorab mit ihm unterhalten - über seinen Aufenthalt in der Diskothek Landhaus, Mittelmaß im Kabarett und das kleine faschistische Arschloch in jedem von uns.



Herr Hader, was wissen Sie von Freiburg?

Bestimmt mehr als viele Nichtfreiburger. Ende Juni 1979 und 1980 war ich als Siebzehnjähriger für zwei Tage in Freiburg. Ich hatte gemeinsam mit vielen anderen den ersten Preis der Reinhold-Schneider-Stiftung gewonnen und wurde zu einer Podiumsdiskussion nach Freiburg eingeladen. Den Preis erhielt ich für einen Essay über das Thema: „Die katholische Kirche nach dem zweiten vatikanischen Konzil“. Das Preisgeld investierte ich in Müller-Thurgau und Heidelbeerwein. Die Nacht verbrachte ich in der Diskothek Landhaus (später Unverschämt, H3, Divino, Humboldtstr. 3, d. Red.) in welcher ich auch mein Preisgeld investierte.

Welche Alternative zum Beruf des Kabarettisten würden Sie wählen?

Entweder würde ich als Kellner in einem ruhigen Café in Wien arbeiten oder, auch in Wien, als Bediensteter der städtischen Bücherei. Da ist es nämlich auch recht ruhig.

Sie halten die Welt nur aus…

Weil ich muss.



Der Unterschied zwischen Film und Bühnenprogramm?

Ist der zwischen Militär und Egomanie. Ein Filmset ist strukturiert wie eine Kompanie. Wenn der Aufnahmeleiter schreit, stehen alle auf Befehl still oder fangen mit dem Reden an. Auf der Bühne kann ich meine Egomanie ausleben, da ich bestimme, was gesagt wird, wann das Publikum lachen soll und ich die Zügel in der Hand habe. Auf jeden Fall ist es für mich nicht gesund, nur eines von beiden über einen langen Zeitraum zu betreiben.

Worüber haben Sie sich zuletzt aufgeregt?

Das war gestern. Da wollten zu viele Leute gleichzeitig was von mir.

Gibt es Menschen, die Sie verachten?

Verachten ist zu viel, aber am Schwersten zu ertragen ist für mich die Kombination von Glatt und Arschloch.

Welche Menschen beneiden Sie?

Die, die unbeirrt ihren Weg gehen und sich nicht beeinflussen lassen.

Was ist für Sie Humor?

Die Möglichkeit, mich auf eine Weise auszudrücken, die mir im Alltagsleben sehr oft nicht gelingt. Bei meiner Arbeit quatscht mir einfach keiner dazwischen.



Welche Kollegen aus der Kabarettszene können Sie nicht leiden und welche mögen Sie?

Ich mag diese mittelmäßigen Kabarettisten nicht, die alles kritisieren und schlecht reden, aber gleichzeitig keinen eigenen Standpunkt beziehen. Sie erinnern mich mit ihren Tiraden an die Naziveranstaltungen. Im Gegensatz hierzu mag ich sehr Kollegen wie Georg Schramm, Rainald Grebe und Gerhard Polt.

Sie thematisieren immer wieder den Faschismus in Ihren Programmen und Filmen. Warum?

Eine Frage, die ich mir immer wieder stelle, ist: Wieviel Faschist steckt in jedem von uns? Zu sagen, wie das oben angesprochene mittelmäßige Kabarett: Das sind die Bösen, wir sind die Guten, ist für mich zu platt. Diese Argumentation ist in ihrem Fundament latent faschistoid. Die spannendere Herangehensweise ist, zu schauen, welche faschistoiden Prägungen jeder Mensch in sich trägt.

Könnten Sie das konkretisieren?

Das Umfeld, in dem ich mich bewege, ist ein antifaschistisches. Trotzdem gibt es generelle Tendenzen im öffentlichen Diskurs, die das kleine faschistische Arschloch in jeden von uns nähren. Für mich ist das Phänomen, das Leben als ständigen Aufstieg oder geradlinige Entwicklung zu beschreiben, eine dieser Neigungen. Ein andere ist die allgegenwärtige Sehnsucht nach einfachen und glatten Lösungen, die vergisst, dass Probleme meist komplex und oft auch sehr unglatt gelöst werden müssen. Als letzten Aspekt würde ich die Glorifizierung der Durchsetzungskraft als erstrebenswerte Charaktereigenschaft ansehen.



Gerade diesem Hang der reibungslosen Lösung widerstehen Sie. Welcher politische Impetus treibt Sie auf die Bühne?

Ich meine, dass private Ereignisse und Geschichten politische Verhältnisse adäquat widerspiegeln. Deswegen schaue ich mir die Wunder und Irrungen des Lebens an und welche Blüten diese treiben. Ich versuche, Menschen an die Thematik des Todes oder andere unangenehme Dinge heranzuführen, mit denen sie nicht im Alltag gestört werden wollen. Durch den Witz schaffe ich eine Distanz, die diese Bereitschaft erhöht. Ich benutze zur Erklärung dieses Umstandes gerne das Bild des Fußballers, der während eines Spiels plötzlich zum Zuschauer wird. Genauso sind diese Phänomene nur dann ertragbar, wenn der Witz sie aufbereitet und der Mensch zum Zuschauer seiner Existenz wird.

Ihre Bühnen- und Filmcharaktere scheitern oft an den Verhältnissen. Warum verfallen sie trotzdem nicht dem Zynismus?

Ein „So ist die Welt“-Zynismus ist unangebracht, denke ich. Die Opposition gegen nichttolerierbare Verhältnisse hat einen Wert an sich. Egal, ob man scheitert oder nicht.

Mehr dazu:

Josef Hader: Website

Was: Hader spielt Hader. Das Beste aus den letzten fünf Programmen
Wann: Sonntag, 21. Dezember, 19.30 Uhr
Wo: Theater Freiburg, Großes Haus, Bertoldstr. 46
Eintritt: 15 / 18 / 22 €