Jedes sechste Kind in Freiburg lebt in Armut

Lisa Bannert

Seit zwei Wochen hängen in der Stadt Plakate, die auf Kinderarmut hinweisen sollen. Wer steckt dahinter? Was versprechen sich die Macher von ihrer Kampagne? Ein Gespräch mit Jack Huttmann, Geschäftsführer der Freiburger Arbeiterwohlfahrt (AWO) über ein großes Problem, das auch in Südbaden tabuisiert wird.



Herr Huttmann, was hat Sie veranlasst, gerade jetzt diese Kampagne über Kinderarmut in Freiburg zu starten?

Die AWO betreibt seit 1973 Kindertageseinrichtungen, in denen Kinder betreut, gefördert und gebildet werden. Diese befinden sich alle in den so genannten strukturell stark belasteten Stadtteilen. Früher nannte man die soziale Brennpunkte. Dort leben die A-Familien.

Was soll das sein?

A wie arm, arbeitslos, alleinerziehend, ausländisch. Und A wie ausgegrenzt. Dass wir mit armen Kindern arbeiten, ist nichts neues. Aber die Kinderarmut hat sich in den letzen Jahren stark vermehrt.

Was hat es mit den Plakaten auf sich, die zur Zeit auf den Litfaßsäulen der Stadt zu sehen sind?

Die Plakate hat die Werbeschmiede Münchrath ehrenamtlich gestaltet, unser neuer Partner. Diese Kinderreimsprüche sind nun in Freiburg an über 220 Standorten zu sehen. Ich finde diese Reime gelungen, da sie die Armut nicht prostituieren. Es wird einfach darauf aufmerksam gemacht, dass es in unserer schönen Stadt auch arme Kinder gibt. Nicht nur eines oder zwei, sondern sehr viele.

Inwiefern sind diese Kinder benachteiligt?

Der Zugang zu Bildungsangeboten wird ihnen quasi unmöglich gemacht. Bildung kann vieles sein. Dazu gehört auch Schwimmen, ein eigenes Fahrrädle oder die Möglichkeit, ein Instrument zu erlernen. Kinderarmut verhindert eine positive Entwicklung. Es sind diese denkbar schlechten Rahmenbedingungen, die die Kinder benachteiligen.



Woran merken Sie, dass sich die Kinderarmut verschlimmert hat?

Zum Beispiel daran, dass Kinder zu lange zu kleine Schuhe tragen, bis die Schuhe zerfallen oder schmerzhaft werden. Oder die Eltern kaufen zu große Schuhe zum Reinwachsen. Anderer Fall: Kinder haben keine jahreszeitengemäße Kleidung. Im Winter fehlt der Pullover. Kinder erzählen, dass sie kein eigenes Zimmer haben.

Ist man gleich arm, wenn man als Kind kein eigenes Zimmer hat?

Drei, vier Kinder in einem Zimmer sind zumutbar. Das hatten wir früher auch in Deutschland. Aber die Kinder, von denen ich spreche, haben noch nicht einmal ein eigenes Bett. Es geht weiter, dass sie Montagfrüh hungrig in die Kindertagesstätte kommen. Nicht ein Kind, es werden immer mehr. Sie werden außerdem falsch ernährt, mit viel zu kalorienhaltiger Nahrung. Daraus resultiert dann auch eine anfällige Gesundheit dieser Kinder. Die Eltern scheuen sich, zum Arzt zu gehen, manchmal können sie sich das nicht leisten.

Warum ist diese Armut für uns so schwer sichtbar?

Weil sie immer mit Scham verbunden ist. Das ist auch ein Sinn der Kampagne: Kinderarmut sichtbar machen. Denn sie ist versteckt. Wenn Sie durch die Kaiser-Joseph-Straße laufen, sehen Sie vielleicht jemanden, der bettelt, aber sie sehen keine armen Kinder. Auch unter den Kindern entwickeln sich Schamgefühle, die sie kompensieren und überspielen. Oder sie lügen ein bisschen. So wie Lisa, die sagt, sie fliege nach Pisa, statt ins Schwimmbad zu gehen. In Wirklichkeit ist sie gar nirgendwo. Weder hier noch dort, weil sie arm ist.



Wen soll die Kampagne ansprechen?

Alle. Wenn wir eine nachhaltige Bekämpfung von Kinderarmut in Freiburg wollen, müssen alle an einem Strang ziehen. Zuerst die Politik. Aber auch Kirchen, Verbände und alle gesellschaftlichen Gruppierungen. Die Wirtschaft will ich ebenso im Boot haben. Vier Freiburger Firmen gehen mit gutem Beispiel voran.

Wie kann man Kinderarmut bekämpfen?

Da ist zunächst mal die Kinder- und Jugendhilfe. Der Gemeinderat hat schon beschlossen, dass die Versorgung von Kindern unter drei Jahren wesentlich verbessert werden soll. Das ist prima. Doch hat der Gemeinderat nur den quantitativen Ausbau beschlossen. Das heißt: jedes Jahr 200 neue Plätze in den Freiburger Kindertagesstätten. Doch wenn die Qualität so bleibt, wie sie jetzt ist, wird diese Maßnahme nicht ausreichen, um den Kindern zu helfen.

Wieviel müsste die Stadt dafür zusätzlich investieren?

Millionen. Das ist natürlich ein Batzen angesichts der Tatsache, dass die Stadt  gerade jetzt versucht, keine neuen Schulden zu machen. Außerdem ist bezahlbarer Wohnraum vonnöten. Da steht die Stadt in der Pflicht. Es ist für arme Familien tödlich, dass die Mieten gerade überall ansteigen.

Was ist noch verbesserungswürdig?

Die Arbeitsmarktpolitik. Und die Migrationspolitik. Auch wenn Freiburg sich als offene und tolerante Stadt bezeichnet, gibt es da noch zu viele Vorbehalte. Außerdem müsste das Land Baden-Württemberg die Schulpolitik ändern. Der Bund müsste die materielle Ausstattung der Kinder verbessern.



Welche Reaktionen kamen bisher auf Ihre Kampagne?

Positive. Man begrüßt es sehr, dass so ein Tabuthema öffentlich gemacht wird. Diejenigen, die davon noch nichts wussten, teilen uns ihre Betroffenheit mit. Andere fragen: Wie können wir helfen? Das ist wunderbar. Da gibt es die Bereitschaft, etwas abzugeben, an Kinder, die wenig zu essen haben oder wenig Kleidung.



Wie geht die Kampagne weiter?

Mit einer Postkartenaktion. Diese Postkarten legen wir aus. Auf vier sind die Kinderreime von den Plakaten zu sehen. Eine Karte ist leer. Auf die kann man selber einen Spruch schreiben und an uns schicken. Die besten veröffentlichen wir auf unserer Website.

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