Jan Delay: Der Chefstyler näselt Freiburg high

Alexander Ochs & Oliver Rath

Nirgendwo in Deutschland ist zur Zeit so viel Funk drin wie bei Jan Delay und seiner Band Disko No. 1. Der nasale Oberstyler aus der Hansestadt überfuhr Freiburg gestern mit seiner Funkwalze, gelungener Lichtregie und einer chefmäßigen Show. [mit Foto-Galerie]



Am Ende des zweistündigen Konzertabends spielt Jan Delay mit seiner Band Disko No.1 den alten Nena-Song „Irgendwie, irgendwo, irgendwann“, zwar fast schon wie erwartet, aber trotzdem wie geschaffen zum kollektiven Schwelgen in Erinnerungen. Die einen erinnern sich an die abgeebbte NDW-Zeit mit dem Original von 1985, die anderen an Jans Reggae-Version von 1999, seiner Startrampe in die Solo-Karriere. Bei dem Stück nimmt Delay schlussendlich das Tempo schön wieder raus, das er zuvor halsbrecherisch vorgelegt hatte.

Nach einem kurzen Intro steigt Jan Phillip Eißfeldt a.k.a. Jan Delay gleich schwungvoll in den fahrenden Zug ein – in den rasenden Konzertshow-Funk-Express, der den Anschluss der neuen Messe ans Straba-Netz überflüssig macht, und zugleich, in Doppelfunktion, in die Retro-Kutsche, die ihn zu immer neuen, gleichwohl alten musikalischen Reisen in die Vergangenheit aufbrechen lässt.

Seine Ausflüge gehen zurück bis in die frühen 70er, in die Zeit von Reggae, Funk und Disco. Doch auch den 80ern und 90ern nähert sich Jan wie immer delayed an – zum einen ehrt er die deutschen Musikgrößen der frühen 80er mit genial dahingenuschelten Anspielungen auf Falco, den syllabischen Minimalismus à la Trio („A-ha, a-ha, a-ha!“) und eben Nena, zum anderen serviert er einen kruden, extrem tanzbaren Mix der späten 80er aus Backstreet Boys („Everybody“), MC Hammer („U Can’t Touch This“) und „Pump Up The Jam“ (von den längst vergessenen Technotronic).

Dieser souveräne und zugleich lockere Umgang mit der Musikgeschichte zeichnet ihn aus. Tausendsassa Jan Delay beweist, wie man eine Mehrzweckhalle mit dem natürlichen Charme einer zu groß geratenen Abstellkammer in einen Dancefloor verwandelt – und das in XL. Disco in Cinemascope.

Der selbsternannte Chefstyler, diesmal im hellblauen Anzug, näselt sich souverän durch seine gut 20 Songs, angefangen vom Miami-Bass-Reißer „Türlich, türlich / Word Up“, den er zusammen mit Das Bo auf die Bretter wuchtet. Der – oder das? – durfte vorher schon eine halbe Stunde Aufwärmprogramm leisten.

Doch zurück zum Geschäft, zum „Showgeschäft“. Mit diesem Funkbrett im Stile der späten 70er, frühen 80er steigt der Meister so richtig ein. „Groovt wie Sau!“, hallt es in mein Ohr. Der Sound ist druckvoll, einfach super, die Musik erstklassig.



Dafür verantwortlich zeichnet seine elfköpfige Band, sie kennt keinen Verspieler oder Aussetzer. Schlagzeug und Keyboard werden geadelt durch fette Bläser, funky Gitarre und wummernde Bässe. Jeder Einsatz sitzt – genau wie die satt-bunten Anzüge der Herren und die silbernen-glamourösen Glitzerroben der drei Backgroundsängerinnen. Ein Spektakel auch für die Augen: Die ausgeklügelte Lichtregie taucht die Bühne in satte Farben, von blau-violett über pink bis tiefrot triefend.

Das Konzert, nein, die Show kennt keinen Hänger, und so rast das nasale Platin aus der Hansestadt zwei Stunden lang nicht im Soultrain durch die Arena, sondern im Funk- und Discoexpress. „Seid ihr angefixt? Dann hol mal die nächstgrößere Spritze raus!“. Das sympathische Großmaul nimmt den Mund voll, und das zu Recht. Mit einem Tanz-, Party- und Discokracher nach dem anderen überrollt er das begeisterte Publikum, treibt zum Mitsingen und Mitmachen an, ganz Motor, bis bei „Oh Johnny“ Kleidungsstücke wie Hubschrauber in der Luft rotieren, ganz Rotor.

Der Zeremonienmeister selber nutzt die Bühne als Laufsteg und scheut keinen Laufweg, mal mit, mal ohne seinen Discostick, und schlägt auch mal die Bongos. „Jetzt gibt’s Löschpapier mit Tropfen drauf!“ Ein von Deichkind geschriebenes und produziertes Medley beamt das Publikum in den nächsten Orbit.

Zwischendrin legt Jan Delay viel Humor und Selbstironie an den Tag, als er – vom Charme der Halle inspiriert? – immer wieder auf die Öffentlich-Rechtlichen zu sprechen kommt und klarmacht: „Wir sind der öffentlich-rechtliche Rave!“. Die GEZ-Gebühren kann man übrigens auch in Geräuschen bezahlen, scherzt die stilsichere Kodderschnauze. Im Angebot: ein hundeähnlich gepresstes „Wouh!“.Später inszeniert der Näselsänger das Freeze-Spiel: ein paar Takte Musik, dann verharren alle abrupt, frieren die Bewegung ein. Amüsant auch die Bandvorstellung, bei der sich jeder Musiker mit zwei, drei witzigen Reimen vorstellt. „Früher hab ich Weed geraucht, bis ich nicht mehr high wurd’/ Heute spiel ich Bass für euch in Freiburg.“

Beim sehr schnell durchgenudelten Hit „Klar“, einer von sechs Zugaben, brodelt der Topf noch einmal, bis dann bei Nenas verlangsamtem Klassiker wirklich alle mitgrölen, spartenübergreifend sozusagen. Der große öffentlich-rechtliche Rave. Ganz groß. Einfach large.






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Foto-Galerie: Oliver Rath (rath-photografie.de)

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