Isolation Berlin im Interview: "Durch Musik kann man aus Schwermut etwas Schönes machen"

Bernhard Amelung

"Believe The Hype" schreibt die taz über die Musik der Band Isolation Berlin. Das Indiepop-Quartett spielt an diesem Mittwoch im Slow Club. Bernhard Amelung hat mit ihm gesprochen - über Körperlichkeit, Schwermut und Freundschaft.


(David Specht, Max Bauer, Tobias Bamborschke, Simeon Cöster (v.l.n.r.)

Tobias, ein Song von euch heißt "Ich muss aus meinem Körper raus". Wie zufrieden bist du mit deinem Körper?

Tobias: In diesem Lied geht es weniger um einen plastischen Körper, sondern um die Entfernung von sich selber. Als ich diesen Song geschrieben habe, kam ich mir unglaublich fremd vor. Die ganze Zeit hatte ich das Gefühl, dass ich aus mir heraustreten muss.

Wie entstand dieses Gefühl?

Das hängt mit einer ganz bestimmten Phase in meinem Leben zusammen. Es gab eine Zeit, da ging es mir richtig schlecht. Meine Freundin und ich hatten uns getrennt und ich habe mich auch von vielen Bekannten getrennt. In dieser Zeit habe ich gemerkt, wer meine wirklichen Freunde sind. Ich habe mich von oberflächlichen Bekanntschaften losgesagt und bin alleine durch Berlin gezogen. Ich habe etwas gesucht, was mir die Schwermut nimmt. Aus diesem Gefühl sind die Songs entstanden.

An welche realen oder fiktiven Orte fliehst du, wenn du aus dir heraus musst?

Ich gehe gerne am Kudamm spazieren oder fahre raus zum Schlachtensee. Das sind Orte, die ich schon lange kenne. Sie mindern meine Nervosität und geben mir eine so tiefe Ruhe, dass ich mich mit mir selber wieder wohlfühle.

Wie muss man in diesem Kontext die Songzeile "Ich bin so fett, ich schlitze mich auf" verstehen?

Das weiß ich nicht genau. Die Songs, die ich schreibe, schreibe ich sehr intuitiv. Dahinter steckt auch kein bewusster Prozess, in dem ich mich selber analysiere und erst dann Verse zu Papier bringe.

Also kein Hass auf die Körperlichkeit?

Nein. Eher meine persönliche Kritik, dass wir alle so sehr aufs Körperliche bedacht sind. Körperlichkeit ist das Wichtigste. Durch Werbung und Medien wird der Körper sehr wichtig. Es heißt ja auch, der Körper sei das wahre Kapital. Das Wort fett beziehe ich auf ein Gefühl von Überfressen sein. Man konsumiert und konsumiert, und eigentlich möchte man alles aus sich heraus lassen.

Ihr habt ja auch den Song "Alles grau, alles kalt" geschrieben. Wie passt dieser in eine Zeit, in der nur Schönheit gilt?

Wenn ich Songs schreibe, versuche ich nicht, das Weltgeschehen zu kommentieren. Ich gehe in mich selber rein, und das Ergebnis sind dann solche Verse. Sie entstehen aus einer unglaublichen Schwermut. Als ich diese geschrieben habe, war es Winter. Mir ging es unglaublich schlecht, und daraus entstand dieser Song.

Isolation Berlin - Alles grau

Quelle: YouTube


Neigst du denn zur Schwermut?

Ja, durchaus. Ich bin auch ein großer Freund der Melancholie. Doch der einzige Weg, mit Schwermut und Melancholie umzugehen, ist die Kunst. Durch Musik kann man aus Schwermut etwas Schönes machen und etwas Positives daraus ziehen.

In Berlin sind aber immer alle in Partystimmung.

Berlin ist eine berauschende Stadt, aber sie kann auch einsam machen. In Berlin spürt man so einen gewissen Vergnügungszwang. Man hat immer das Gefühl, etwas verpasst zu haben. Und wenn es einem nicht gut geht, ist so ein Vergnügungszwang sehr anstrengend.

Erst recht, wenn alle quasi in Echtzeit auf Facebook oder Instagram über ihr Vergnügen berichten.

Ich nutze das nicht. Ich habe auch kein Smartphone. Ich will nicht ständig online sein. Das macht mich fertig. Wenn ich unterwegs bin, will ich für mich sein. Ich schaue nur ab und zu mal ins Internet, wenn ich zuhause bin.

Wie geht dein Freundeskreis damit um?

Die sind alle recht ähnlich. Ich habe einen kleinen Freundeskreis. Das macht einen ruhig. Je mehr Freunde man hat, desto oberflächlicher wird der Kontakt zu den einzelnen Menschen. Sie sind nur für einen da, wenn man mit ihnen unterwegs ist. Geht es einem nicht gut, ziehen sie weiter. Ich finde es wichtig, dass man sich einen Freundeskreis sucht, der bei einem bleibt. Das tut gut.

Ich bin an einem weiteren Vers hängen geblieben. Er heißt "Ich habe endlich keine Träume mehr". Träumen ist doch etwas Schönes.

Träumen schon, aber ein Traum kann sehr belastend sein. Man klammert sich an ihn fest und setzt alles daran, ihn zu erreichen. Und wenn man ihn erreicht hat, ist man kaputt. Oder man zerbricht, gerade weil man ihn nicht erreicht. Wenn man keine Träume mehr hat, wenn man sie los lässt, wird die Angst, sie nicht zu erreichen, kleiner. Das kann sehr befreiend wirken.

Das heißt, du fühlst dich aktuell leicht und befreit?

Das würde ich so nicht unterschreiben. Dieser Song ist ja auch etwas älter. Meine Lieder sind wirklich immer nur Momentaufnahmen. Sie gelten für die Zeit, in der ich sie geschrieben habe.

Isolation Berlin - Aquarium

Quelle: YouTube


Mehr dazu:

Was: Konzert w/ Isolation Berlin
Wann: Mittwoch, 11. November 2015, 20 Uhr
Wo: Slow Club