Is' ja irre: Wie es ist, mit einer psychischen Krankheit zu leben

fudder-Redaktion

Jede achte Krankschreibung in Deutschland geschieht wegen einer psychischen Krankheit. Doch obwohl die Zahl der Betroffenen stetig wächst, mangelt es noch immer an gesellschaftlicher Akzeptanz. Vier Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von fudder erzählen von ihren Erfahrungen:

 

Ich habe eine posttraumatische Belastungsstörung

Stell Dir vor, Du willst in den Supermarkt, aber Du stehst vor der offenen Tür und es geht nicht. Deine Beine gehorchen nicht. Es ist wie gegen eine unsichtbare Wand aus Glas und Angst anzugehen. Kleine, alltägliche Situationen, die für andere Menschen selbstverständlich sind, stellen mich oft noch vor Probleme, die unbewältigbar erscheinen.

Eine posttraumatische Belastungsstörung ist oft wie eine unsichtbare Hülle (und Hölle), unberechenbar und zermürbend. Flashbacks kommen und gehen, wann sie wollen. Wegen der täglich auftauchenden Zustände, die unheimlich viel Kraft und Konzentration kosten, musste ich mein Studium vor zwei Jahren abbrechen und versuche mich seitdem, über Wasser zu halten und die Alltagshürden zu meistern.

Ich habe zwiespältige Erfahrungen gemacht, offen mit der Krankheit umzugehen. Den Menschen, die mich nur etwas oberflächlicher kannten, war sie wohl etwas unheimlich oder sie wussten nicht, wie sie damit umgehen sollten. Diese Distanzierung und die daraus resultierende Einsamkeit hat das Leben neben den sowieso schon belastenden Angstzuständen für mich oft noch schwieriger gemacht. Deswegen spreche ich eigentlich nur noch mit engen Freunden ausführlicher darüber und bei Bewerbungsgesprächen erwähne ich die Problematik gar nicht mehr. Auf der anderen Seite merken es aufmerksame Beobachter sowieso, wenn man plötzlich wie „weggetreten“ ist, zittert oder langsamer arbeitet. Mit die schlimmste Erfahrung seit Ausbruch der Störung ist das Gefühl, sich nicht so recht auf sich selbst verlassen zu können, weil man nie weiß, wann die nächste Attacke kommt. Und so wird es einem auch nie langweilig. :)

Auf der anderen Seite lernt man die schönen Momente der Ruhe viel mehr zu genießen und deren Wert zu schätzen. Wie überhaupt das Leben an sich, wenn man der wiederkehrenden Todesangst schon häufiger begegnet ist. Wie heißt noch das Sprichwort: „Wenn Du Mitleid willst, such Dir eine Krankheit, die man sieht.“ Ich habe die Erfahrung gemacht, dass viele Menschen „normale, soziale Erwartungen“ (wie z.B. Pünktlichkeit) an einen stellen, obwohl sie von den Einschränkungen wissen. So als „dürfte“ man zwar eine Krankheit haben, aber bitte keine realen Auswirkungen im reibungslosen Alltag der Anderen.

Das Problem der Unsichtbarkeit der seelischen Leiden. Seit über zwei Jahren mache ich Traumatherapie, einen Klinikaufenthalt habe ich auch schon hinter mir, aber mit verschiedenen Arten von Panikzuständen kämpfe ich immer noch. Sie werden auch langsam etwas schwächer und verändern sich, aber es ist ein langer Weg.

Es sind oft winzige Schritte, die die großen Erfolge bedeuten. Endlich nicht mehr eine Stunde weinen. Endlich weniger Angst im Supermarkt. Etwas mehr Energie, weniger Lähmungszustände. Ein Moment der Freude. Sich Stück für Stück seinen ganzen Alltag zurückerobern. Ich wurde oft gefragt: Sag mal, wie hält man das aus über so lange Zeit? Keine Ahnung, manchmal gar nicht. Aber wenn ich ein Rezept nennen müsste, würde ich sagen, zwei Dinge dürfen nie verloren gehen: Humor und Hoffnung.

Ich habe eine bipolare Störung

Erst dachte ich, ich hätte einfach nur Depressionen. Ich bin seit Jahren immer mal wieder wochen- und monatelang von Panikattacken, Antriebslosigkeit, Müdigkeit, Leere und Selbstmordgedanken gejagt. Dabei gibt es an Depressionen kein „einfach nur“.
Als ich mit der Therapie anfing und mehr auf meinen Kopf achtete, realisierte ich aber, dass es noch dieses andere Extrem gibt: die Manie. Wie auf Speed kann ich nächtelang kaum bis gar nicht schlafen, bin tagsüber aber trotzdem ungewöhnlich fit, hab' Lust auf vielen Menschen, viel Alkohol, viel Geldausgeberei, viel Sex, viel Kunstschafferei. So tiefgründig ich mich in den depressiven Phasen hasse, so find ich mich in manischen Zeiten einfach nur großartig.

Meine Konzentration macht dafür Urlaub. Ich schaffte es nicht, meinen Uniaufgaben vernünftig nachzugehen, besonders das Verfassen von zusammenhängenden Texten fiel mir schwer. An manchen Tagen war es so schlimm, dass ich mit meinem Dozenten darüber sprach. Er reagierte mit Verständnis und akzeptierte das eher unbefriedigende Essay als bestandene Studienleistung. Damit nahm er mir einen enormen Teil meines Drucks ab.

Sowohl meine Therapeutin, als auch meine Psychiaterin diagnostizierten bei mir Hypomanie, genauer: Bipolarität Typ II. Ich bin manisch depressiv. Obwohl ich beim Antritt meiner Therapie niemals Medikamente nehmen wollte, merkte ich, dass dieses Weigern stur und vor allem ungesund war. Ich gab nach und bekam Seroquel verschrieben.

Mein Umfeld reagierte unterstützend bis ignorant hierauf. Meine Eltern verstanden nicht, warum ich denn bitte glaubte, psychisch gestört zu sein, ich hätte doch alles schön im Leben. Und diese Medikamente seien ja wohl völlig unnötig, ich würde mich nur von ihnen abhängig machen und meinen Körper zerstören (damit meinten sie, ich könnte zunehmen). Teilweise fühle ich mich wie in einer anderen Sphäre gefangen. Ich merke nicht, dass ich andere mit meinen Taten auf die Schuhe trat. Dass das ständige Reden vom Tod während depressiver Phasen meinen Angehörigen Sorgen bereitet. Und dass meine Egotour während der Manie auch auf Kosten anderer stattfindet.

Ich habe gelernt, mehr auf mich, meinen Kopf, meinen Bedürfnissen und den Konsequenzen meines Handelns zu achten. Ich habe gelernt, dass es okay ist, wenn ich vier Tage lang mein Zimmer nicht verlassen möchte, wenn mir nicht danach ist. Ich habe gelernt, dass es keine gute Idee ist, unendlich viel Alkohol zu trinken, wenn es mir ohnehin schon scheiße geht. Aber ich  habe vor allem auch gelernt, dass eine psychische Störung nichts ist, wofür ich mich schämen sollte.

 

Ich habe Probleme

Ich war in 15 Jahren bei einem Psychiater, zwei Krankenhäusern, drei Therapeuten, und diversen Beratungsstellen. ADS, Depression, Borderline, Angststörung und „nicht substanzgebundene Abhängigkeit“ wurden mir zugeschrieben. Dafür bekam ich vier Psychopharmaka, zwei „Aufenthalte“, und x Jahre Psychotherapie. Geändert hat das nichts.

Jedenfalls flüchte ich viel. Ich bin aus oder vor zahllosen Smalltalks, Partys, Flirts, Vorstellungsgesprächen, Lernsessions, Praktika, Jobs, Seminaren, Referaten, fremden Betten, Freundschaften, Hobbys, Verwaltungsakten, Beratungsgesprächen, familiären und romantischen Beziehungen und medizinischen Behandlungen geflüchtet, entweder äußerlich, durch, nun, flüchten, oder innerlich, durch erstarren, schweigen.

Ich tat das, weil sie mir sinnlos, surreal, unmöglich, langweilig, peinlich, gefährlich, panikerregend oder aussichtslos erschienen. Ich mache bei allem, was ich doch tue, viele Fehler, ignoriere Termine und versuche Aufgaben, die ich nicht schaffe, unter den Tisch fallen zu lassen, weil es mir peinlich ist und sinnlos scheint, meine uralten, unlösbaren, unerklärlichen Probleme mitzuteilen, und ich nicht zur Last fallen will.

Mal ist es besser, mal schlechter, aber es war nie lange gut, trotz aller Unterstützung von Familie, Freunden, Dozenten, Arbeitgebern. Heute hat die Hälfte meiner alten Freunde promoviert, während ich nachts im Gewerbegebiet zum Jobben aufschlage und dort als Saboteur verdächtigt werde, wenn ich einfache Tätigkeiten nicht hinkriege.

Ursachen und Wirkungen verschwimmen. Partygespräche beispielsweise sind schwierig, wenn man sich für sein Leben schämt, also meide ich sie, stelle viele Fragen, oder bin verschlossen, nervös und defensiv.  Immer flüchten und meiden ist aber nicht gut für Laune und Selbstvertrauen. Teufelskreise und Zwickmühlen. Ich würde mich gerne nicht dauernd furchtbar fühlen, regelmäßig einem netten Hobby nachgehen, und nicht allein und arbeitslos sein.

Ich arbeite dran.  

Ich hatte Depressionen

Ich kann nichtmal sagen, wann oder womit es anfing. Natürlich sucht und findet die Therapie ein traumatisierendes Kindheitserlebnis als Projektionsfläche. Kaum ein Vierteljahrhundert nach diesem Erlebnis bemerkte ich, daß etwas nicht stimmt, ohne es näher beschreiben zu können. Ich konnte noch nie gut einschlafen, meistens trotzdem irgendwie aufstehen und habe es bisweilen sogar verschoben, Aufgaben zu verschieben. So weit, so studentisch. Alles war großartig: Nach Fehlschlägen ein Studium das ich mochte und das mich zurückmochte, meine Traumfrau die Wirklichkeit geworden war, wenig später eine tolle gemeinsame Wohnung – kurzum: an den Umständen hat es wohl eher nicht gelegen.

Unbemerkt hatte sich aber eine Leere eingeschlichen in Leben und Seele, hatte sich breitgemacht und nahm anderen Dingen Platz und Luft. Klingt nebulös, ist es auch. Ich kann nicht sagen, wann und warum ich erstmals den Wikipediaartikel zu Depression las, geschweige denn mit welchem Ergebnis. Aber ich weiß, daß ich plötzlich ein Referat zu einem Uniseminar nicht vorbereiten konnte. Ich konnte den Text nicht lesen. Ich starrte das Buch an, lief Kreise, verzweifelte, war zwei Stunden vor dem Seminar ohne ein Referat zu haben bereits im Raum, damit ein Wunder geschehe und ich es in diesen zwei Stunden fertig bekäme. Der Dozent war dann auch sehr verständnisvoll, als ich die berühmten Worte, es ginge mir „grad nicht so gut“, sprach. Das war das erste Mal, daß ich den Gedanken, irgendwie „anders“ krank zu sein, soweit zugelassen hatte, daß ich es aussprechen konnte, wenn auch ohne „es“ zu benennen. Aus heutiger Sicht ist es erstaunlich, daß das nicht die letzte Univeranstaltung für die folgenden Semester war.

Von hier an dauerte es nur gut ein Jahr, bis ich es schaffte, zur psychotherapeutischen Beratung des Studierendenwerks zu gehen und kaum 10 weitere Monate später tatsächlich eine Therapie samt Medikation zu beginnen. Bis dahin war jegliche soziale Interaktion nur noch pure, alle verfügbare Energie beanspruchende Schauspielerei. Es gab vielleicht noch zwei oder drei Menschen, vor denen ich nicht diese diffuse Angst hatte, diese Mischung aus einer Art „fear of missing out“ und bedrohlicher Ablehnung. Eine Ablehnung, die es nicht gab, die aber Ablehnung meinerseits erzeugte, die durchaus real war, ohne daß ihre Opfer merken konnten, was wirklich los war, wie einsam ich war, mitten unter ihnen. Wenn ich einigen davon heute seufzend sage „Ich hatte solche Angst vor Euch!“, dann ist das für die meisten neu. Gefolgt von allerlei „Aha!“

All' das wäre, wenn ich es bemerkt hätte, noch verängstigender gewesen, als die schaurig schönen Weinkrämpfe, die kamen, wann sie wollten, augenscheinlich, aber immer zur rechten Zeit, in geschützten Momenten zurückgezogener Zweisamkeit. Ein Tränenmeer, eine verkrampfte Seele, die sich nicht anders entspannen konnte, als danach.

Tage an der Uni begannen mit einer ritualisierten Mensa-Verabredung und endeten mit dem Kaffee danach. In die Bibliothek traute ich mich längst nicht mehr, um ungelesenen und ungeschriebenen Texten aus dem Weg zu gehen, die ich nichtmal mehr anstarren, geschweige denn bearbeiten konnte. Wenn ich doch mal Buchstabentasten in der richtigen Reihenfolge drücken konnte, kamen dabei einige meiner bisher besten Texte heraus, aber das war nicht planbar, nicht vorhersagbar.

Ich war, ohne es bemerken zu können, auf dem Fahrersitz meines Lebens zum Passagier geworden, hatte die Hände vom Steuer und den Fuß vom Gas genommen, war nur dabei statt mittendrin. Ich schaute zum Fenster herein und staunte, wie schön wir es hatten – eigentlich, ich schaute meine Partnerin an und staunte, welches Glück ich hatte – eigentlich. Ich lag rum, guckte und staunte. Dabei war ich wie ein kleines Kind: ohne eigenen Willen, sondern mit Bedürfnissen. Ohne Entscheidungskraft. Beinahe ein Pflegefall. Jedenfalls kein Partner. Kein Freund, kein Kommilitone, kein Kollege, nichts.

All dies so erkennen und beschreiben zu können ist direktes Ergebnis der vielen Therapiesitzungen und aus etlichen Gesprächen mit Freunden. Es stellte sich schnell heraus: gefühlte 95 Prozent der Leute, denen ich erzählte was ich hab' und wie es mir geht, wussten genau was los ist – aus eigener Erfahrung, und erzählten ihre eigene Geschichte. Das half dabei zu erkennen, daß es diese unendliche Einsamkeit, in der ich mich wähnte, gar nicht gab, und daß es völlig ok ist, sich damit Hilfe zu holen und darüber zu reden. Die Medizin half zu erst, wieder schlafen zu können – eigentlich eine Nebenwirkung, aber das entscheidende, große Ding. Wenig später setzte der Effekt ein, der als „stimmungsaufhellend“ bezeichnet wird.

Auch verschwand allmählich die Angst, eher eine unerträgliche Nervosität und bodenloses Mißtrauen, die fremde Menschen und insbesondere ihre Geräusche auslösten. Dämliches Gequatsche im Bus oder auch nur lautstarker Fußgängerverkehr im heimischen Treppenhaus. Die Tränen waren mir wahrscheinlich ohnehin bereits ausgegangen, die diffuse Angst verschwand allmählich, alle anderen Gefühlsoptionen – Empathie, Liebe, Genuß, Langeweile – waren allerdings auch wie betäubt. Kurz gesagt: Zombies funktionieren, sie sind allerdings Zombies.

Der Beginn der Medikation war zwar schon ziemlich erstaunlich gewesen, er war aber nichts verglichen mit ihrem Ende. Ganz plötzlich: Selbstbewußtsein, klare Sicht und Aktivität. Das Perfide war ja, daß ich alles bei vollem Bewußtsein erlebte, es aber weder ändern noch artikulieren konnte. Und jetzt wurde Rückzugsraum zu Aktionsraum. Ich kann wieder studieren und hätte sogar die Kraft, abzubrechen. Ich kann schöne und angenehme Dinge, kleine wie große, genießen, anstatt nur so zu tun, und unangenehmes vermeiden, rechtzeitig gehen und die letzten drei Bier weglassen.

Alte gute Freunde sagen mir, ich sei wieder der alte, wieder wie vorher. Aber das stimmt nicht. Vielleicht gab es gar kein „vorher“. Und „wieder der alte“ bin ich auch nicht. Ich bin ein noch Besserer!

#isjairre

Im vergangenen Oktober hat fudder-Autorin Hengameh Yaghoobifarah als @Sassyheng das Hashtag #isjairre in die Welt gesetzt. Seither tauschen sich Menschen auf Twitter über ihre oft schlechten Erfahrungen im Umgang der Gesellschaft mit psychischen Krankheiten aus. Bereits innerhalb der ersten acht Stunden kamen mehr als 3000 Tweets zusammen. Vorbild von #isjairre ist das Hashtag #aufschrei, unter dem Frauen auf Twitter über Alltagssexismus berichtet haben.

Mehr dazu:

[Collage: Hengame Yaghoobifarah]