"Irgendwann werden keine Kinder mehr geboren": Interview mit Autor Michael Nast

Laura Wolfert

"Unsere Generation ist beziehungsunfähig." Mit dieser These provoziert derzeit der Berliner Autor Michael Nast. Am Donnerstag liest er im ausgebuchten Freiburger Paulussaal. Im Interview erklärt er, warum er kein Macho, Ted Mosby ein Verlierer - und der Satz "Männer reifen, Frauen welken" richtig ist:



Herr Nast, Sie schreiben in ihrem Buch, dass Männer - was die Beziehungsfähigkeit angeht - über die Jahre besser gewordern seien. Warum liegt die Beziehungsunfähigkeit ihrer Meinung nach an den Frauen?

Das stimmt so nicht ganz. Ich sage, die Männer sind in so fern besser geworden, als dass sie sich auch mehr reflektieren. Die Emanzipation ist eine tolle Sache, aber für die Frauen war es relativ einfach von der Idee her: Man muss dem anderen Geschlecht gleichgestellter werden. Und für die Männer ist es jetzt eine Herausforderung, da sie aus ihrer Rolle gefallen sind.

Eine Überschrift in Ihrem Kapitel heißt "Männer reifen, Frauen welken" - klingt das nicht etwas sexistisch?

Nein, das ist nicht sexistisch. Das ist die biologische Wahrheit. Alter steht Männern. Mit 19 hatte ich auch ein totales Backpfeifengesicht. Frauen haben zum Beispiel eine ganz andere Fettkonsistenz. Die Haut, das ist alles etwas anders beschaffen. Eigentlich ist das einfach nur so ein Spruch, ein Sprichwort, kein Zitat. Eine biologische Uhr, das haben Männer nicht. Ein Freund von mir meinte aus Spaß: "Vielleicht zeuge ich ja ein Kind, wenn ich 85 bin mit einer 25-Jährigen. Dann bin ich meiner biologischen Verantwortung gerecht geworden." Das ist schon krass. Männer können immer.

Ihr Buch heißt "Generation Beziehungsunfähig". Von welcher Generation sprechen Sie?

Den Generationsbegriff kann man anhand von Jahrgängen gar nicht mehr definieren. Ich habe Feedback von 16 bis 53-Jährigen bekommen. Diese "Generation Beziehungsunfähig" - das ist eher eine Haltung, die sehr viele Leute betrifft.

Beim Lesen macht es den Eindruck, als würden sie das Leben von Mittdreißigern beschreiben, die mit Liebe, Arbeit, Alter, Aussehen unzufrieden sind. Trifft das zu - und woran liegt das?

Na ja, generell erzieht uns die Gesellschaft zu dieser Unzufriedenheit. Wir sollen immer das Gefühl haben, etwas in unserem Leben verbessern zu können. Unsere Wirtschaft ist auf diesem nie endenden Wachstum aufgebaut. Genauso ist es mit uns: Wachstum als Selbstzweck – du kommst nie an. Das ist dieses Perfektionsstreben. Wir suchen den perfekten Partner, den es ja so nicht gibt. Wir gehen aber immer weiter und wollen uns immer verbessern, mit einem Partner, der vielleicht noch besser zu uns passt.

Im Buch vergleichen Sie Ihr Leben mit dem Ihrer Eltern. Inwiefern unterscheidet sich die Generation von Ihnen mit der Ihrer Eltern in Sachen Liebe? Was haben sie besser gemacht?

Besser gemacht ist das falsche Wort. Die Umstände waren einfach anders. Klassisch: Der Mann als Verdiener, die Frau als Hausfrau. Man hat sich gebraucht, unterstützt. Das hat sich natürlich total durch die Emanzipation der Frau verändert. Die Frau steht jetzt auch im Leben. Der einzige Grund, weswegen man heute noch in eine Beziehung kommt, ist der Anspruch nach einer romantischen Liebe.

Wieder so ein Ideal. Die Leute sind nicht mehr bereit, Gefühle zuzulassen, sich zu öffnen - oder verletzt zu werden. Es ist wahrscheinlich emotional einfacher – als Mann –  jede Woche mit einer anderen Frau zu schlafen, als die Energie in eine Beziehung mit all ihren Problemen zu stecken.

Welche Folgen hat diese "Beziehungsunfahigkeit" für nachkommende Generationen?

Die langfrsitige Folge wird sein, dass irgendwann keine Kinder mehr geboren werden. Die Leute sind extrem orientierungslos. Man schiebt es immer weiter raus.

Unsere Gesellschaft wird aus ihrer Sicht ja immer schlimmer. Kann man sagen, dass ich mit meinen 19 Jahren in Sachen Liebe noch verkorkster bin als Sie?

Auf jeden Fall. Ihr seid ja noch konditionierter von der Gesellschaft. Erschreckend ist, dass mir 16-Jährige schreiben, als hätten sie schon bestimmte Erfahrungen gemacht. Als seien sie Mitte 30, hätten gelitten. Das geht doch aber gar nicht.

Sie schreiben, ihr Buch sei kein Ratgeber. Haben Sie denn gar keine Lehren aus ihren Recherchen gezogen?

Letztendlich ist es so, dass wir ab 30 alle mal eine Therapie machen sollten. Nicht im Sinne von "Wir sind total gestört" sondern "Macht mich das Leben glücklich?". Ein professionelles Gespräch wäre da sicherlich mal günstig. Mit 30 hat sich ja auch jede Menge Dreck angesammelt.

Sind Sie selber mal bei einem Therapeuten gewesen?

Ja, das müsste man mal machen.

In Ihrem ersten Kapitel bezeichnet Sie ihren Freund als "Ted Mosby". Können Sie das genauer erklären?

Für mich ist Ted Mosby der Verlierer der Serie. Der Typ sucht ja auch nach diesen Idealen. Er versucht es ja immer wieder und sucht die große Liebe, aber eigentlich steht er ja auf Robin.

Sie sehen eher aus wie Barney Stinson.

Ich, na ja. Mir sagt man eher immer, ich sehe aus, wie der Schauspieler Max Riemelt.

Mal ehrlich: Wie viel Barney steckt denn in Ihnen?

Na ja, vor allem die Männer denken, ich führe hier das totale Rockstarleben und bin jeden Abend auf Sauftour, schlafe mit 80 Frauen. Nein, das ist natürlich nicht so. Auf Tour muss man diszipliniert sein. Mit dem Alkohol muss man aufpassen, sonst geht es mir einfach scheiße. Den Bro-Code, den finde ich aber gut. So bin ich auch zu Freunden.

Sind Sie ein kleiner Macho?

Macho? Hm, nö. Ich interessiere und unterhalte mich gerne mit Menschen. Dadurch habe ich aber  - anscheinend - eine spezielle Ausstrahlung, gerade bei Dates. Da denken die Frauen immer, dass wir total auf einer Wellenlänge sind, weil ich mich stundenlang unterhalten kann. Letztens hat mir eine Frau gesagt, dass jedes Treffen mit mir wie ein erstes Date sei. Das war aber negativ gemeint.

Wir hatten eigentlich so eine Vereinbarung nach dem Motto: Wir sehen keine Perspektive, lass uns einfach Spaß haben, aber nicht jeden Tag sehen, sondern in regelmäßigen Abständen. Vertrautheit darf man da nicht aufbauen, sonst geht es nach hinten los.

Für mich ist immer wichtig: Man trifft sich, isst was und unterhält sich. Dann ist das so ein schöner, runder Abend und dann hat man halt Sex am Ende. Sie wollte halt sofort Sex, kam auch immer erst so um 22 Uhr abends. Hm, ja. Vielleicht waren diese Gespräche wieder zu viel, dass man da Vertrautheit schafft.

Gibt es in unserer Generation denn mehr Teds oder Barneys?

Ich glaube es ist eine Mischung, vielleicht mehr Teds.

Ist das nicht gut, Männer, die auf der Suche nach der großen Liebe sind?

Pf, ne. Barney steht wenigstens zu seinen Grundsätzen. Der macht ja, was er sagt. Und Ted ist jemand: Du hast ein Date mit einem Typen, ihr verabschiedet euch und direkt danach kommt eine SMS von ihm: "Wann wollen wir uns wieder sehen?" Was denkst du da? Aufdringlich! Genau das ist Ted.

Mehr dazu:

Was: Lesung Michael Nast: "Generation Beziehungsunfähig"
Wann:
Donnerstag, 3.3.2016, 20 Uhr
Wo:
Paulussaal [Foto: dpa picture alliance]