Iran: Die erstickte Online- Revolution

Eva Hartmann

Ausländische Journalisten werden an ihrer Arbeit gehindert oder gleich ganz ausgewiesen, inländische Online-Aktivisten, die die Welt mit Informationen aus Teheran versorgten, verschwinden einfach. Das iranische Regime hat es gschafft, die Proteste in der Stadt selbst, wie auch im Internet zu ersticken. Eva hat das Ganze online verfolgt und mit Iranern in Freiburg und Teheran gesprochen.



„The revolution will not be televised – it’s online“ – so lautet der Slogan, der in aller Kürze zusammenfasst, womit sich in den vergangenen Wochen dutzende Artikel in diversen Print- und Onlinemedien beschäftigt haben: Die Proteste im Iran sind die ersten, deren Organisation und Verlauf durch Onlinedienste wie Twitter, YouTube und Facebook in einer ganz neuen Weise für jedermann einseh- und miterlebbar sind.


Aber wie fühlt sich das an, welche Eindrücke bekommt man von dem, was im Iran gerade passiert, wenn man ungefilterte Videos und Nachrichten plötzlich genau so selbstverständlich in seiner Twitter-Timeline anzeigen lassen kann, wie die mehr oder minder trivialen Statusmeldungen seiner Online-Freunde?

Seit drei Wochen verfolge ich ein gutes Dutzend Accounts, von denen ich einigermaßen sicher bin, dass die Twitterer dahinter tatsächlich echte Protestler sind. Sie versorgen mich seither mit äußerst subjektiven, aber, wie ich denke, authentischen Nachrichten. So lese ich Verabredungen zu Demonstrationen genau so mit, wie ich Links zu unzenzierten Twitter- Foto- Seiten und YouTube- Videos folge –und teilweise ansehe.

Ich sah Neda Soltani sterben und ich guckte mir an, wie ein junger Mann inmitten von Schreien und Schüssen einem Kopfschuss erlag, während mindestens sechs andere junge Männer mit ihren Handykameras draufhielten. Beides entsetzt mich sehr und ich kann mich nicht recht entscheiden: Einerseits halte ich es nur schwer aus, diese Bilder anzusehen, andererseits fühlt sich das Nicht- Angucken wie ignorant- bequemes Augenverschließen an.



Dann, deutlich bemerkbar vor allem nach dem Tode Neda Soltanis, ändert sich der Tenor vieler Tweets. Vor allem Warnungen vor von Regierungsagenten geführten Fake-Accounts nehmen zu und auch Meldungen über Verhaftungen von Twitterern häufen sich.

Ein Beispiel ist Twitter- User @persiankiwi, der zuletzt in einer panischen Salve von Tweets von brutalsten Hetzjagden mit Äxten berichtete, vom Abtransport der vielen Leichen mit Lastwagen. „Sie haben einen von uns, sie werden ihn foltern und Namen bekommen. Wir müssen schnell weg hier, wissen nicht, wann wir wieder Internetzugang haben werden.“ Fünf Minuten später folgt ein Stoßgebet an Allah – seitdem herrscht Stille in @persiankiwis Twitterstream.

Und auch auf der flickr- Seite von mousavi1388 , der zuvor Fotos aus der Mitte der Proteste postete, gibt es seit dem 21. Juni keine neuen Updates mehr. Was ist mit ihm passiert? Es wird immer schwieriger, unter den noch aktiven Accounts zwischen manipulierten und echten zu unterscheiden oder zu mutmaßen, was mit plötzlich verstummten Online- Aktivisten passiert sein mag.

Auch die  wenigen iranischen Twitterer, über deren Identität ich mir nach wie vor einigermaßen sicher bin, scheinen zunehmend Schwierigkeiten zu haben, Feind von Freund zu unterscheiden. Die immer weniger werdenden Accounts derer, die ich für echte Protestler halte, nehmen einen ähnlich dramatischen Unterton an, wie die von @persiankiwi: Überall Polizei – Hetzjagden mit Knüppeln – Miliz lauert  in Seitenstraßen– Telefone werden abgehört. Und immer wieder: Müssen schnell weg hier, alles sehr gefährlich.

Was geschieht da gerade? Wie sieht das Leben in Teheran wirkich aus? Und vor allem: Wie geht es hier lebenden Iranern, wenn sie  derlei Nachrichten lesen?
Diese Fragen versucht meine iranische Freundin Touran* zu beantworten, indem sie bei ihren Verwandten in Deutschland und Teheran nachhört.

Tourans Cousine Romina* studiert in Teheran. Ihr Handy funktioniert schon seit Tagen nicht mehr; SMS und Anrufe kann sie weder absetzen, noch empfangen. Mit einem gewissen Galgenhumor lacht sie: „Die Telefonanbieter stört der Ausnahmezustand hier wenig. Meine Telefonrechnung läuft trotzdem weiter, obwohl ich die Dienste gar nicht mehr nutzen kann“.



Nichts zu lachen hatte hingegen Tourans andere Cousine und Rominas Schwester, Atefeh*, die in Kassel studiert. Vergeblich versuchte sie, Romina am Wochenende nach den Präsidentschaftswahlen telefonisch zu erreichen. Auch auf facebook erhielt sie keine Antwort auf ihre Nachrichten; Rominas letzter Eintrag ist etwa zwei Wochen alt. Dann endlich wird in ihrem Elternhaus in Teheran der Hörer abgenommen: Atefehs Familie geht es gut.

Dass aber alle Angst haben, wird deutlich, als Atefeh sich am Telefon über Ali Chamenei aufregen will: „Das hier ist nicht der richtige Ort, um solche Dinge zu besprechen“, murmelt ihr Vater nur hastig und wechselt das Thema.

Die Angst ist berechtigt. Angeblich werden Facebook- und Twitteraccounts von Regierungs-Agenten gehackt, Telefone abgehört, Nachrichten zurückverfolgt. Atefeh will das gar nicht glauben. Doch jüngste Ereignisse zeigen auch in ihrer Familie, dass mit dem Regime nicht zu spaßen ist – zurzeit noch weniger als ohnehin schon.

Vor ein paar Tagen stand bei Atefehs Tante plötzlich die Polizei vor der Tür und nahm sie mit zum Verhör. Die Beamten hatten herausgefunden, dass die alte Frau bei einem von den USA aus sendenden, iranischen Fernsehsender angerufen hatte, um sich an einer politischen Diskussion zu beteiligen. Sie kam zwar mit einer Verwarnung davon, musste aber ihren Satelliten- Receiver abgeben. Ein glimpflicher Ausgang, denn oft sieht man Menschen, die im Iran verhaftet werden, nie wieder. Sie verschwinden einfach.

Gemeinsam mit Touran treffe ich Sara* – eine Iranerin, die seit Oktober in Freiburg studiert. Sara hat zu ihren Freunden im Iran vorwiegend über Facebook Kontakt und erzählt uns, was sie darüber so mitbekommt. Sie macht sich Sorgen. „Manchmal hört man tagelang nichts von den Angehörigen, dann bekommt man wirklich Angst.“



Eine Freundin wurde vor kurzem bei einer Demonstration in Teheran verletzt. „Dabei hat sie es noch nicht mal richtig zur Demo geschafft“, meint Sara kopfschüttelnd. „Sie und ein paar Freunde hatten gerade das Auto geparkt und wollten zu Fuß weiter zum Ort der Demonstration gehen. Da wurden sie von einer Gruppe Polizisten aufgegriffen und verprügelt.“ Saras Freundin ist dabei mit ein paar starken Prellungen noch glimpflich davongekommen, doch andere Demonstranten haben weniger Glück.

Mit Tränengas, Schlagstöcken und Wasserwerfern gingen Polizei und Miliz in den letzten Tagen auch auf Kleinstgrüppchen los, jagten die Protestierende durch die Straßen. Viele Verkäufer, Ladenbesitzer und Anwohner zeigten sich solidarisch, boten den flüchtenden Demonstranten in ihren Häusern und Geschäften Schutz.

Manchmal folgten ihnen die Polizisten aber hinein, schlugen die komplette Einrichtung kurz und klein und führten die Leute ab. Auch in Saras Bekanntenkreis soll so etwas vorgekommen sein. „Meine Mutter hat mir am Telefon erzählt, dass sie einen Bekannten von uns, der demonstriert hatte, aus seinem Versteck geholt und mitgenommen haben. Seitdem gibt es kein Lebenszeichen von ihm. Es ist schrecklich.“

Das, was bei uns in Form von Tweets und YouTube- Videos von all diesen Ereignissen ankommt, entsetzt Sara: „Es sind Bilder wie aus einem schlechten Film“, sagt sie fassungslos.

Und doch sind Plattformen dieser Art für sie fast die einzige Möglichkeit, auf dem neuesten Stand der Ereignisse zu bleiben und sich zu vergewissern, wie es ihren Freunden im Iran geht. „Ich wüsste gar nicht, was ich ohne Facebook machen würde.“, sagt Sara. Und im Gegensatz zu uns, die wir über die Authentizität der auf diesen Kanälen verbreiteten Nachrichten nur mutmaßen können, weiß sie: "Ich bin grundsätzlich eine skeptische Person, aber meine Facebook-Kontakte kenne ich alle persönlich. Wenn die etwas schreiben, dann glaube ich das und dann weiß ich, dass es sich so zugetragen haben muss.“



Die Demonstrationen in Teheran nehmen ab, immer weniger Menschen trauen sich noch auf die Straße. Auch Atefehs Schwester Romina, die anfangs jede Demo besucht hat, bleibt jetzt zu Hause. „Es ist zu gefährlich. Die Polizisten sind sehr aggressiv geworden. Teilweise schlagen sie unbeteiligte Passanten zusammen, die nur zum Supermarkt gehen wollen. Am besten geht man nur zu zweit raus. Sobald man als etwas größere Gruppe unterwegs ist, befürchtet die Polizei eine erneute Protestaktion und schlägt die Leute auseinander.“

Der Alltag stellt sich langsam wieder ein. Die Menschen gehen wieder zur Arbeit, an den Universitäten laufen die Vorlesungen weiter. Fürs Erste scheint das Regime der Islamischen Republik die Massen durch Gewalt gezähmt zu haben. Es bleibt zu hoffen, dass es wenigstens einigen Protestlern gelingt, den Rest der Welt weiterhin über die Ereignisse im Iran auf dem Laufenden zu halten.

 

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[*Namen von der Redaktion geändert.]