Interview zu Intersexualität: "Wir müssen verstehen, dass es nicht nur zwei Geschlechter gibt"

Anna Lob

Die Dokumentation "Intersexion" wird am Freitag in der Uni Freiburg gezeigt. Zu Gast ist Lucie Veith vom Bundesverband Intersexuelle Menschen. Fudder hat mit ihr gesprochen.

Mehr als 160.000 Menschen in Deutschland sind nach Schätzungen von Selbsthilfeverbänden intersexuell. Oft werden sie Opfer von Menschenrechtsverletzungen. Am Freitag ist Lucie Veith bei der Filmvorführung von "Intersexion" an der Uni Freiburg zu Gast. Veith kämpft seit Jahren gegen die Diskriminierung von Inter* Menschen in Deutschland und weltweit. Für den Einsatz wurde er_sie im Oktober mit dem "Preis für das Engagement gegen Diskriminierung 2017" der Antidiskriminierungsstelle des Bundes ausgezeichnet.


Was bedeutet Intersexualität?

Lucie Veith: Der Begriff von Intersexualität oder auch Intergeschlechtlichkeit ist ein Regenschirmbegriff. Darunter verbergen sich Menschen, Geschichten und Körper, die nach der medizinischen Definition nicht in das Schema männlich oder weiblich passen oder eine Mischung von beidem darstellen. Es gibt Menschen, deren äußeres Genital nicht der Norm entspricht, es gibt Menschen, die äußerlich eindeutig männlich oder weiblich aussehen, die aber innere Organe haben, die nicht erwartungsgemäß sind. Die XY-Frauen zum Beispiel, dort ist äußerlich ein weiblicher Körper zu erkennen, auf der anderen Seite haben diese Frauen aber vielleicht keine Eierstöcke und keinen Uterus, sondern unter Umständen Hoden, die im Bauchraum liegen. Es werden auch Kinder geboren, deren Geschlechtsteile äußerlich nicht den medizinischen Normen entsprechen. Die haben keine funktionalen Störungen, sind auch nicht krank, sondern zeigen einfach eine Varianz der geschlechtlichen Differenzierung. Intersexualität ist auch klar von Transsexualität abzugrenzen. Dort ist dann ein sogenannter eindeutiger Körper vorhanden, aber die Selbstwahrnehmung ist eine andere.

Jeder Mensch wird mit seinem eigenen Geschlecht geboren und die Aufgabe ist es, im Laufe der Pubertät seinen eigenen Körper kennenzulernen und ihn anzunehmen. Bei intergeschlechtlichen Menschen wird dort aber leider oft sehr früh und menschenrechtswidrig eingegriffen. Das passiert zum Beispiel durch Eltern oder Mediziner, die ihre Vorstellungen von Geschlechtlichkeit auf das Kind übertragen und versuchen, aus einem scheinbar uneindeutigen Körper ein Normgeschlecht herzustellen. Diese Praxis hat sich seit den 1930er Jahren etabliert und besteht bis heute. Das entspricht häufig nicht dem Potenzial und dem Willen der Kinder. Das Geschlecht ist etwas Höchstpersönliches und diese Zuweisungen passen später meist nicht zum Erleben der Kinder. Warum lassen wir also zu, dass so ein Elend geschieht?

"Nach unserer Verfassung darf niemand aufgrund seines Geschlechts diskriminiert werden und hier muss der Staat eingreifen."

Das Bundesverfassungsgericht hat sich jetzt für eine sogenannte "Dritte Option" für den Geschlechtseintrag bei der Geburt ausgesprochen. Reicht das aus?

Zum einen hat das Bundesverfassungsgericht festgestellt, dass die derzeitigen Regelungen eine Benachteiligung aufgrund des Geschlechts darstellen. Kinder mit einem uneindeutigen Genital bekommen bei ihrer Geburt keinen positiven Geschlechtseintrag – das bedeutet, sie bekommen kein Geschlecht eingetragen und kein Geschlecht haben diese Kinder nun auch nicht.

Den Sonderstatus, der jetzt geschaffen werden soll, brauchen wir, um diese Kinder zu schützen. Nach unserer Verfassung darf niemand aufgrund seines Geschlechts diskriminiert werden und hier muss der Staat eingreifen. Das ist außerdem eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, deswegen müssen wir darüber reden. Formulare müssen umgestellt werden, in den Schulen, im Bildungswesen und in der Gesundheitsversorgung. Wir müssen verstehen, dass es nicht nur zwei Geschlechter gibt, sondern ganz viele verschiedene Körper und Identitäten. Jeder hat ein Grundrecht, seine Identität frei zu entwickeln. In Deutschland haben wir die komfortable Situation, dass das Grundgesetz damals anhand der Allgemeinen Erklärung für Menschenrechte der Vereinten Nationen entwickelt wurde und es ist wichtig, diese Grund- und Menschenrechte zu schützen.
"Man muss sich das mal vorstellen: Da werden Genitalien von Kindern zerschnitten und dann schönheitschirurgisch ein Normgeschlecht aufgebaut."

Gemeinsam mit Amnesty International beklagen Sie Menschenrechtsverletzungen an intersexuellen Menschen in Deutschland. Dabei wird unter anderem von Folter gesprochen.

Genau. An diesem Prozess war ich maßgeblich beteiligt. Ich komme aus der Selbsthilfe und der Beratung und hatte dabei immer wieder mit Menschen zu tun, die als Kinder operiert wurden, obwohl sie nicht krank waren. Eine Genitaloperation – auch bei Kleinkindern – ist immer mit Qualen und vielen Schmerzen verbunden. Man muss sich das mal vorstellen: Da werden Genitalien von Kindern zerschnitten und dann schönheitschirurgisch ein Normgeschlecht aufgebaut. Zur Sicherung dieser Anpassung werden dann häufig auch hormonproduzierende Organe entfernt. Damit werden die Kinder auch für ihr Leben unfruchtbar gemacht und das zu einem Zeitpunkt, an dem noch nicht klar ist, wie diese Kinder sich entwickeln. Eltern wird ein solches Vorgehen nach der Geburt angeboten und unter Schock willigen sie ein, aber das was da passiert, dient nicht dem Kindeswohl. Sondern es dient dazu, dass die Gesellschaft die Illusion von Zweigeschlechtlichkeit aufrecht erhalten kann. In einem Bericht für den UN-Ausschuss gegen Folter, unmenschliche Behandlung und Strafe habe ich acht solcher Fälle vorgelegt. Alle wurden auch alle tatsächlich als Folter eingestuft.

"Für einige ist es vielleicht verstörend, von Menschenrechtsverletzungen in Deutschland zu sprechen."

Im Oktober 2017 wurden Sie für Ihren Einsatz von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes ausgezeichnet. Ist das für Sie ein Genugtuung nach all den Jahren?

Das ermutigt mich tatsächlich, weiterzumachen. Eine Genugtuung ist es jedoch nicht, ich mache das schließlich nicht für mich. Ich finde es unerträglich, dass dieser Zerstörung von Körpern nicht Einhalt geboten wird und das ist ja nur eine Form der Diskriminierung dieser Menschen in Deutschland. Es gibt beispielsweise keine Erwachsenenmedizin für intergeschlechtliche Menschen. Im Kindesalter werden diese Körper also manipuliert, aber im Erwachsenenalter ist niemand in der Lage, diese Körper auch sachgerecht zu versorgen. Eine Gleichstellung ist da noch lange nicht erreicht. Das hat eben auch das Bundesverfassungsgericht festgestellt und anerkannt, dass das eine staatliche Aufgabe ist. So lange es keinen gesetzlichen Schutz für alle Kinder gibt, ist das für mich persönlich unbefriedigend.

Was können die Besucher von der Veranstaltung am Freitag und Ihrer Beteiligung an der Diskussion erwarten?

Ich denke, dass "Intersexion" – der Film, der am Freitag gezeigt wird – ein ganz spannender Film ist, für jeden, der sich zumindest ein Bild machen möchte. In dem Film kommen Menschen zu Wort, die einem Geschlecht zugewiesen wurden, aber es sind auch Menschen dabei, die aufwachsen durften, wie sie waren. Das Fremde wird unbedeutend und leichter zu verstehen, wenn wir Menschen kennenlernen und persönliche Geschichten hören. Für einige ist es vielleicht verstörend, von Menschenrechtsverletzungen in Deutschland zu sprechen. Betroffene kennen zu lernen, kann da eine ganz neue Welt eröffnen. Wer sich außerdem vielleicht bei Amnesty engagieren möchte und sich für dieses wichtige Thema einsetzen möchte, hat bei der Veranstaltung sicherlich die Gelegenheit Motivation zu finden.
Lucie G. Veith, 62 Jahre, lebt und arbeitet als Inter* Expert_in und organisiert bundesweit die Aufklärungs- und Bildungsarbeit zum Thema Inter*. Lucie ist Menschenrechtler_in für Fragen der Diskriminierung und der Grund- und Menschenrechte intergeschlechtlicher Menschen. Er_sie berät aktuell den Familien- und Kinderrechtsausschuss des deutschen Bundestages und unterstützt die Amnesty International Kampagne "Zum Wohle des Kindes". Im Oktober 2017 wurde Lucie Preisträger_in des "Preis für das Engagement gegen Diskriminierung 2017" der Antidiskriminierungsstelle des Bundes.

  • Was: Die Queer Gruppe der Amnesty-International-Hochschulgruppe Freiburg zeigt den Film Intersexion. Im Anschluss findet eine Diskussion mit Lucie Veith statt.
  • Wann: Freitag, 2. Februar um 19 Uhr
  • Wo: Universität, KG I, Hörsaal 1015