Interview mit Sascha Madsen: "Madsen ist wie richtig leckeres Essen"

Carolin Buchheim

Sascha Madsen ist Drummer der gleichnamigen Band, die er zusammen mit seinen beiden Brüdern Johannes und Sebastian und Freund Niko betreibt. Am Samstag kommt die Band ins Haus der Jugend. Ein Gespräch über Lieblingsmusik, schlechte Rezensionen - und David Bowie.



Wie würdest Du den Sound von Madsen einem gehörlosen Menschen beschreiben?

Sascha: Hm. (Überlegt lange.) Ich finde, Madsen ist wie richtig leckeres Essen, das nicht perfekt ist. Man nimmt mal ein bisschen zu viel oder zu wenig von dem einen oder anderen Gewürz - aber es schmeckt einem richtig gut. Ich glaube, ich würde dem gehörlosen Menschen mein Lieblingsgericht kochen und ihm oder ihr so erklären, wie Madsen sich anhört.

Wäre das ein Essen, was Eure Mama gekocht hat?

Es gibt schon Sachen, die meine Mama gekocht hat, die ich sehr gerne selbst koche und die auch meine Kinder jetzt super finden. Ich würde das aus Lust und Laune und nach der Saison entscheiden. Meine Spezialität ist Lasagne - mit Bio-Tier, fürs gute Gewissen.

"Kompass", der Titelsong Eures neuen Albums, ist für Eure Mama. War das eine Überraschung für sie?

Nein, nein, unsere Mama kennt alle Madsen-Lieder, bevor sie veröffentlicht werden - sie kriegt alle Demos zu hören. Sie war total gerührt und ganz baff und hat sich gefreut. Wir sehen uns  ständig, der Madsen-Proberaum, unser Hauptquartier, ist immer noch unser Elternhaus, da kriegt sie viel mit.

Zwischen welchen beiden Alben anderer Künstler würdest Du "Kompass" in Deiner Plattensammlung einordnen?

Links davon steht auf jeden Fall was von Kyuss. Ich muss aber überlegen, welches Album. (Überlegt lange.) Hm, vielleicht einfach das "Best of". Rechts davon. (Überlegt nicht so lange.) Rechts davon steht Bob Dylans "Blonde On Blonde".

Wo Du gerade Kyuss sagst: Ihr habt mal auf dem Southside gespielt, als Queens of the Stone Age auch dort gespielt haben. Sieht man sich bei solchen Gelegenheiten Backstage? Hängt man mit Josh Homme rum? Findet man das immer noch cool - oder härtet man da ab?

Man sieht sich da schon und nein, nein, nein, da härtet man nicht ab! Das findet man immer noch cool, nein: saucool! Wir verfallen geradezu in eine Schockstarre, wenn wir Leute treffen, die wir so sehr verehren. Grundsätzlich lassen wir aber lieber alle Leute in Ruhe, damit die nicht anfangen müssen, sich sogar Backstage hinter Security-Personal zu verstecken. Ein gutes Vorbild sind da die Foo Fighters: Dave Grohl läuft da total locker rum und lässt sich die Kaffeemaschine erklären und ist zu jedem freundlich. Der netteste Mensch im Rockbusiness – auch, wenn ich mich noch nicht getraut habe, ihn anzusprechen.

Lass uns aber weiter über das Album reden. Der Einstiegssong "Sirenen" ist ja ein richtiges Brett. Macht es besonders viel Spaß, derart dicken Rock zu spielen?

Rein vom körperlichen Anspruch her: Ja, es macht Spaß, sich so zu verausgaben. Aber insgesamt macht es keinen Unterschied. Wenn wir Demos aufnehmen wissen wir ja oft noch gar nicht, was aus dem Song wird, in welche Richtung der sich entwickelt. Wir gehen ja nicht an einen Song ran und nehmen uns vor, voll auf die 12 zu gehen. Das passiert einfach so.

Bei "Sirenen" wussten wir allerdings sehr schnell, dass das ein echter Madsen-Song wird und dass wir den auch als Opener fürs Album nehmen würden. Wir hatten ja zwei Jahre nix neues, und mit so einem Song rauszugehen, fanden wir gut. Das ist ein Song, über den würden wir uns als Fans einer Band freuen, nach so einer Pause. Eben sowas – und eben gerade nicht "Küss mich".



Letztes Jahr habt Ihr zehnjähriges Bandjübiläum gefeiert. Wie würdest Du Eure musikalische Entwicklung beschreiben?

Es gibt da schon einen roten Faden. Aber der öffnet sich immer weiter – wir gucken immer mehr musikalisch auch nach rechts und links, was es so gibt. Über "Labyrinth" meckern ja Leute gerne – zu poppig! – aber ich finde das Album super. Wir haben die Scheuklappen immer mehr abgelegt, mehr zugelassen. Wenn man anfängt, Musik zu machen, ist das, was man selbst macht, das allergeilste und alles andere doof. Diesen Gedanken wird man immer mehr los. Es ist einfach schön, auch andere Sachen zu hören und sich inspirieren zu lassen – auch wenn einem was absurd vorkommt.

Gestern Abend haben wir zum Beispiel zusammen aufs Dschungelcamp gewartet und dabei diesen Deluxe-Musiksender geguckt. Da lief "Best of 80s" – und wir haben uns total gefreut, da waren so geile Sachen dabei, die heute niemand mehr machen würde. Nicht nur, was Musik und Gesang angeht, sondern auch in den Videos.

Klar, damals hatten Plattenfirmen noch Geld für Videos!

Wir können uns da eigentlich nicht beklagen. Wir haben schon immer viele Videos gedreht. Auch wenn das Budget kleiner wird – die Produktionsfirmen werden besser. Man kann mit weniger Geld bessere Videos machen. Wir haben irgendwann aus Trotz angefangen, selber Videos zu drehen, das sieht man dann aber auch – macht aber hoffentlich auch den Charme der Sache aus und ist lustig. Für "Küss mich" und "Sirenen" haben wir gute Videos, die sind auch mit guten Leuten gemacht.  

Das Album hat zum Teil echt vernichtende Kritiken gekriegt.

(unterbricht) Natürlich! Deutsche Rockband! Stempel drauf, fertig! Wenn ich Kritiken durchlese – was ich gerne mache! – kann ich nach dem ersten Satz sagen, ob der Autor die Platte gehört hat oder nicht. Das ist vielleicht in 15 Prozent der Fall. Uns gibt's seit elf Jahren und ich nehme an, deswegen gibt's auch keinen Kritiker, der nicht schon eine vorgefertigte Meinung über uns hat. Der legt die Platte ein und weiß schon, wie er die Platte finden will. Der skippt die Platte durch und schreibt die Rezension. Aber wenn jemand richtig hinhören würde, denke ich, dann würde die Hälfte der Rezensionen anders aussehen.

Welche Musik mögt Ihr sonst so?

Da kann ich ganz kurz drüber reden oder zwei Stunden! Johannes hatte gerade Geburtstag, wir haben ihm die "Five Years" von David Bowie auf Vinyl geschenkt. Ich hab mir die "Blackstar" auf Vinyl gekauft, als sie noch erschwinglich war und hab jetzt lange Zeit nichts anderes gehört. Wir haben schon immer als Band gerne Bowie gehört, aber jetzt, nach seinem Tod und diesem Abschied, ist es gerade doch ziemlich extrem. Grandiose Musik! "Lazarus" hat echt einen magischen Sog. Das Video hab ich mir nicht angeguckt als es rauskam, und dann ist er gestorben. Ich hatte richtig Angst vor dem Video, weil es so schräg und scary war. Ich bin froh, dass ich den Song so lange gehört hatte vorher - ohne diese Bilder.



Wie funktioniert Songwriting bei Euch?

Die Songs kommen zum allergrößten Teil von Sebastian. Bei "Sirenen" hatten wir schon das Riff, das sich dann aber noch drei Mal verändert hat. Im Studio haben wir das Lied darum entstehen lassen. Das ist die schönste Art und Weise, wie Songs entstehen. Oft hat Sebastian aber auch schon einen fertigen Song im Kopf und nimmt ihn auf mit dem, der gerade da ist.

Wo kannst Du dann als Drummer Deine Kreativität ausleben?

Wenn wir anfangen, einen Song für die Band zu erarbeiten, bringt jeder wieder seins rein. Da halten wir uns nicht stumpf an Demos. Das muss ja auch so sein – das macht eine Band aus.

Was macht Euch als Band sonst aus? Ist es das Brüder-Ding?

Sicher auch. Das spielt eine Rolle – positiv wie negativ. Wenn wir uns in den Haaren haben und da irgendwas ungeklärt ist, dann nehmen wir das mit in den Proberaum oder sogar mit auf die Bühne. Das ist halt scheisse. Konflikte muss man eigentlich vorher klären – bevor man zur Arbeit geht (lacht). Unsere Energie kommt schon irgendwie daher, dass wir uns um sie keine Sorgen machen. Ausser, dass wir zu allem, was wir machen, so gut vorbereitet wie möglich gehen.

Was heißt das – zum Beispiel jetzt, wo Ihr zum zweiten Teil Eurer Tour startet?

Für die Tour kommt man durchs Proben in Schwung. Im Festivalsommer lässt es sich manchmal nicht vermeiden, dass man auch mal ein Konzert ohne Proben spielt, aber wir merken immer wieder, dass das nichts ist für uns. Wir sind eben eine probefreudige Band. Wir müssen zwei Tage zusammen im Proberaum Gas geben - dann klappt's garantiert. Einfach so laufen lassen - das ist nichts für uns.



Mehr dazu:

  • Was: Madsen
  • Wann: Samstag, 30. Januar 2015, 20 Uhr
  • Wo: Haus der Jugend
  [Fotos: Promo - Marco Sensche]