Interview mit Sänger und WG-Bewohner Clueso: "Ich bin ein kleiner Hippie!"

Marius Buhl

Der Sänger Clueso lebt in einer kommunenartigen 7er-WG - inklusive Pfandflaschenstapel und leerem Kühlschrank. Im fudder-Interview outet er sich als Hippie, wehrt sich gegen die Behauptung, er sei zu alt für eine WG - und erklärt, warum es auch geil wäre, wenn alle Mitbewohner Kinder hätten:

 

Clueso, du bist deutschlandweit ein Star, füllst große Konzerthallen, hast mit Udo Lindenberg den Superhit "Cello" aufgenommen. Du könntest wie Udo im Hotel wohnen. Oder in einem Berliner Loft. Oder in einer Villa im Grünen.

Ja?

Man hört, du lebst in einer 7er-WG.

Ja, das stimmt. In Erfurt. Wobei: Grade ist einer meiner Mitbewohner nach Leipzig gezogen, wir sind nur jetzt nur noch zu sechst.

Schon bei WG-Gesucht inseriert?

Nein, wir wollen erstmal zu sechst bleiben, das siebte Zimmer wird ein mobiles Zimmer. Da pennt jetzt oft ein befreundeter Künstler, der eine Fluchtmöglichkeit sucht.

Deine Mitbewohner - sind das alte Freunde oder Leute aus Castings?

Meine Mitbewohner sind hauptsächlich Leute, die ich aus der Schulzeit kenne. Alles Künstler! Zwar nicht aus meiner Band, aber irgendwie haben die meisten mit dem Projekt Clueso zu tun. Dirk zum Beispiel. Mit Dirk habe ich schon direkt nach der Schule zusammengewohnt. Wir sind zuhause raus, er hatte keinen Bock Koch zu werden - und ich hatte keinen Bock auf die Friseurausbildung mehr.

Dann hat er Fotos gemacht und ich Musik. Gelebt haben wir von nichts. Jetzt wohnen wir wieder zusammen. Er macht die ganze Clueso-Grafik, die Visuals, den Video Live Content. Er ist ein absoluter Künstlertyp.

Wer wohnt noch bei euch?

Tino. Auch ihn kenne ich aus der Schulzeit. Er ist meine Muse, meine Inspiration. Vor der Tür stehen sein Quatt und seine Feuerwehr, die Gefährte wechseln aber oft. Er ist ein Typ, der einfach mal nach Thailand fährt, wenn ihm danach ist.

Dann ist da noch ein anderer Freund, ein junger Typ. Er war bei der Band Kraftwerk damals das vierte eingetragene Mitglied. Er hat für die den ganzen VJ-Content gemacht. Jetzt ist er oft weg, in Asien oder Amiland.

Norman Sinn, ein weiterer Mitbewohner, kenne ich aus der Hiphop-Zeit. Mit ihm habe ich in Schmalkalden auf einem Parkplatz gefreestylt.

Insgesamt sind das alles Leute, die mich unheimlich inspirieren.

Du lebst da deinen Traum.

Absolut. Meine Kumpels immer um mich rum, das ist perfekt. So wird man nicht alt.

Und wie läuft's mit dem Putzplan?

Es gab da mal eine Website, da standen Sätze drauf, die in einer WG nie fallen würden: "Sind noch Pfandflaschen da?" oder "Geil, du hast mir mein Lieblingsjoghurt mitgebracht!" Da musste ich lachen und an unsere WG denken.

Wie in jeder stinknormalen Studenten-WG stehen hier Pfandflaschen rum, wir haben einen großen Gemeinschaftskühlschrank, der aber oft von irgendjemand leergefuttert ist. Natürlich gibt's bei uns auch Ärger. Wie in jeder echten WG. Auch in der Kommune 1 gab's ja Stunk. Unsere Erfahrung ist: Man muss da ständig drüber quasseln.

Was magst du am gemeinschaftlichen Wohnen?

Das Ankommen, das Daheimsein. Ich mag den Ort, den Place. Andere haben einen Hund, der Heimatgefühl symbolisiert, wir haben die WG. Im Sommer hängen wir draußen, sitzen am Lagerfeuer oder spielen Tischtennis. Und immerzu wird gequasselt. Man könnte sagen: Wir denken erst beim Reden, nie davor. Das ist geil. Man ist hier frei!

Casper rappt im Lied 'Alles Verboten' mit Marteria ziemlich spöttisch über WGS: '...morgens in der WG-Küche zu neunt, generell WGs, Hippietum..."

Haha, das ist bei uns Normalzustand. Wir hängen immer in der Küche, philosophieren die Nächte durch. Dann rennen wir halbnackt durch die Wohnung, wir haben auch eine Sauna. Und fast immer sind irgendwelche Gäste da: Max Prosa zum Beispiel - oder Wolfgang Niedecken von Bap.

Ich find das geil, das gibt mir Input. Ich bin ein kleiner Hippie.

Wie sieht so ein Clueso-WG-Tag aus?

Oh je, es gibt hier keinen Alltag. Das ist geil - aber auch ein Problem. Was viele nicht wissen: Wenn man Kunst macht, braucht man Gärungszeit. In der daddelt man vor sich hin, liest ein Buch schaut Filme und Serien und wartet auf Inspiration. Ich nenne das "Gesundes Hängen".

Irgenwann stürmt man dann aber in sein Zimmer, läuft heiß. Dann braucht man Alltag - man muss die Türe schließen, Hausaufgaben machen, die Ideen heimbringen.

Das alles verläuft zyklisch.

Auch dein Tonstudio, der Zughafen, ist WG-ähnlich aufgebaut.

Ja. Auch dort gibt es das Prinzip Gemeinschaftsraum. Es gibt viele Arbeitszimmer, Hostelräume für Gäste. Es ist unser organisatorisches Zuhause. Die Denkweise ist aber ähnlich wie in der WG daheim.

In einer 7er-WG ist es laut. Du wirkst aber in deinen Lieder eher wie ein sehr stiller, nachdenklicher Typ.

Lustig, dass du das denkst. Ich bin überhaupt nicht still. Wenn die Leute wüssten, wie ich hier mit meinen Homies rede...

Im Ernst: Ich bin schon sehr nachdenklich, aber keiner, der aus dem Fenster starrt und wartet, bis was passiert. Ich kann sehr laut und aufgedreht sein. Gerade lerne ich eher das Stillsein.

Bist du mit deinen 35 Jahren nicht bald zu alt für eine WG? Jetzt ist doch die Zeit, in der man Häuser baut und Kinder kriegt.

Ich kann mir alles vorstellen. Wenn ich Familie habe, muss ich schauen, ob das Prinzip WG noch taugt. Ich sehe das an Kumpels, die Kinder haben. Die brauchen dann Mittagsschlaf, haben einen eigenen Rhythmus, da braucht man eine zweite Tür. Die Idee gefällt mir aber trotzdem: Alle hier haben Kids, dann rennen draußen 30 Kinder rum, wir machen Musik, das wäre geil.

Vielleicht ist die Erfurter Zeit aber auch irgendwann rum. Das ist schon eine verpennte Stadt hier. Ich kann auch loslassen.

Erfurt, Freiburg. Die Städte sind ähnlich groß.

Ihr habt aber viel mehr Hippies! Wobei da die Frage ist: Wie alternativ und kommunig ist Freiburg wirklich. Vielleicht ist die Stadt auch eher ein Kunstprojekt, nur noch eine Idee. Das ZMF mochte ich aber immer sehr gerne, ich war schon ein paar Mal da. Die Stimmung war immer richtig geil, wir haben da mit Blumentopf mal richtig abgerissen, das Zelt wurde zum Kessel, alle haben geschwitzt. Hoffentlich wirds wieder so geil.

Clueso - Freidrehen



Mehr dazu:

Was: Clueso
Wann: Samstag, 11. Juli 2015, 20 Uhr
Wo: Zirkuszelt auf dem ZMF
Tickets: 44,20 Euro

[Foto: Christoph Koeslin/Veranstalter]