Interview mit Rocko Schamoni: "Die ganze Welt sagt OMG. Das ist doch scheiße!"

Marius Buhl

Rocko Schamoni: Lichtgestalt des Hamburger Untergrunds. Punk. Entertainer. Romanautor. Multitalent. Am Freitag liest er im E-Werk aus seinem Buch "5 Löcher im Himmel". Im fudder-Interview spricht er über seine Depressionen, die gigantische Gleichschaltungsmatrix Internet und erklärt, warum alle jungen Leute nach Halle ziehen sollten.


Foto: Kerstin Behrendt

Rocko, gerade verlassen deutschlandweit tausende Schüler das Gymnasium mit Abitur. Was rätst du?

Rocko Schamoni: Alle bitte nach Halle ziehen! In Halle gibt es nichts, es ist blutleer, die Geschichte der Stadt ist ungeschrieben. In Halle gibt es ganze Straßenzüge, die leer stehen – mit wunderschönen alten Gründerstilvillen. Die jungen Leute könnten eine Stadt wie Halle prägen. Dort, wo alle sind, ist es doch unfassbar langweilig. Diese Fixierung auf Berlin sorgt doch nur dafür, dass Deutschland wie Frankreich zentralisiert wird. Berlin ist überfüllt, reizüberflutet, versnobt und verhypt - und alle anderen Städte bluten aus.

Und was würdest du empfehlen zu tun: Studium, Gap Year, Ausbildung?

Ich finde es gut, wenn Leute sich Zeit lassen: Welt anschauen, orientieren, versuchen zu begreifen, was das Leben für sie sein kann. Ich wusste sehr früh, was ich werden wollte, mit 15 schon. Wirklich umgesetzt habe ich es erst später.

Du hast die Schule abgebrochen und angefangen zu töpfern.

Ich bin vom Gymnasium und wollte Musik machen. Meine Eltern haben gesagt: Du machst eine Ausbildung. Da habe ich mich fürs Töpfern entschieden, etwas Besseres habe ich nicht gefunden. Töpfern ist mit 17 unfassbar langweilig. Heute bin ich froh darüber. Ich habe noch immer einen Brennofen, darin brenne ich jetzt Fließen.

Was lernt man vom Töpfern?

Kontemplation. Es ist eine Tätigkeit, die dich sehr stark zur Ruhe bringt, weil du ganz bei dir und bei der Beziehung Mensch - Material bist. Es erdet, wie man sagt und hat etwas sehr Meditatives.

In einem Interview mit dem Stern hast du vor sechs Jahren beklagt, dass die jungen Leute sich nicht auflehnen, du sagtest damals, der Höhepunkt des Oberflächlichen sei erreicht. Wie ist es heute?

Kennst du das unfassbar inflationäre Akronym OMG? Oh my god, oh my god. Alle Jugendlichen zwischen 15 und 25 sagen das. Warum? Weil das amerikanische Fernsehen sagt, dass das cool ist. Dann übernimmt es das deutsche Fernsehen, das niederländische und das französische und dann landet es im Internet. Und dann rennt die ganze Welt rum und sagt OMG. Das ist doch scheiße. Das ist Gleichschaltung.

Wir leben in einem Zeitalter der maximalen Kommerzialität.  Die Leute sind durch das Internet darauf geschaltet, auswechselbare Positionen einzunehmen. Sie benutzen die gleichen Sprachdukti, Floskeln, Kürzel. Dabei sterben die sogenannten Freaks aus. Es gibt keine zerzauselten, sonderbaren, eigenartigen Gestalten mehr, die die Innenstädte bevölkern und sich außergewöhnlich verhalten. Und niemand lehnt sich gegen Missstände auf.

Über was könnte man sich denn aufregen?

Dazu muss ich zuerst sagen: Es ist heute extrem schwer, zu rebellieren, weil die Quantität der Informationen so mannigfaltig ist. Bevor man rebelliert, muss man sich erstmal aussuchen, gegen was überhaupt. Das war früher einfacher: Da startete Amnesty eine „urgent action“ und dann gab es ein paar tausend Menschen, die da waren.

Aber auch heute gibt es Themen, nehmen wir die Waffenlieferungen: Deutschland ist der drittgrößte Rüstungshersteller und Waffenexporteur der Welt, der Bundessicherheitsrat winkt Millionen-Deals durch. Dadurch sterben Menschen auf der ganzen Welt.  Unser Land ist voll von Waffenfirmen, aber keiner tut was. Dabei kann man nachlesen, wo diese Firmen sitzen. Es gibt ein Buch von Jürgen Grässlin, Schwarzbuch Waffenhandel. Da steht alles drin.

Zudem verstehe ich nicht, warum niemand diese Hühner-KZs und Schweinemastbetriebe aufbricht und anzündet. Wobei, das passiert ja, aber eben viel zu selten.

Du selbst bist in die PARTEI eingetreten, hast dich bei der Bundestagswahl 2005 in Hamburg aufstellen lassen. Ist der Schritt in eine Partei eine Lösung?

Nein. DIE PARTEI hat für das, was ich gerade angeprangert habe, keine unmittelbaren Lösungen. Und die Begehung einer normalen Partei ist noch uninteressanter. Mir ging es gerade ja eher um Bürgerprotest und zivilen Ungehorsam. Eine Partei ist eher eine Ansammlung von Leuten, die sich lobbyistisch betätigen wollen.

Zu dir: Moritz von Uslar zitiert dich in einem Text für "Die Zeit" wie folgt: „Ich bin ein sehr ausfransender Mensch!“ Was meinst du damit?

Daran erinnere ich mich, da fehlte aber die Hälfte des Zitats. Der zweite Teil ist der Release des Spruchs. Er geht so: "Ich bin ein sehr ausfransender Mensch - und die Fransen sind meine Talente." Der Satz meint folgendes: Ich habe sehr viele Interessen und Talente, für meinen Geschmack sogar zu viele. Wenn ich allem nachgehe und nachgebe, springe ich von einem zum nächsten. Ich beneide Menschen, die an einer Sache dran bleiben und dabei unfassbar gut werden. Ich kann das leider nicht, ich bin vielleicht zu neugierig.

Als dein Vorbild hast du Harald Juhnke benannt, den du “König der Verworfenen“ nennst. Wieso?

Von Juhnke stammt der vielzitierte Satz: „Meine Definition von Glück? Keine Termine und leicht einen sitzen.“ Ein großartiger Satz.

Warum?

Weil er sich verweigert. Weil er sich ausschaltet aus dem „Abliefernmüssen“ und dem Terminkalender – und sich in ein gepflegtes Pennertum verabschiedet.

In Freiburg liest du am Freitag aus deinem neuen Buch, es heißt “5 Löcher im Himmel“. Worum geht’s?

Es geht um einen Typen, der 65 Jahre alt ist und der zurück schaut aufs Leben. Er fragt sich, warum er aus der Bahn geraten ist. Er liest sein Tagebuch von damals und begibt sich auf eine Reise in die Vergangenheit. Dabei kommt er seiner Ich-Werdung auf die Spur. Das ist sowieso immer die Frage, wenn etwas schief gelaufen ist: „Was war das da am Anfang?“

Kriegt man den Wagen durch Reflektion zurück aufs Gleis?

Daran glaube ich nicht. Ich habe Depressionen, ich habe viele Therapien gemacht, ich habe es nicht geschafft. Ich habe durch Psychoanalyse besser verstanden, warum ich Depressionen habe. Weg gegangen sind sie nie. Es gibt Leute, die sagen, Psychoanalyse wird deine Probleme nicht lösen, sie macht dich allenfalls ein wenig trauriger. Das stimmt schon so.

In einem Interview hast du die Depressionen als Quell deiner Inspiration bezeichnet. Kann man ein wirklich gutes Buch schreiben, wenn man rundum glücklich ist?

Vielleicht gibt es sehr wenige, die das können. Ich brauche den schwarzen Sack auf meinem Rücken aber. Viele der guten Schrifsteller sind Getriebene, sie haben ein Loch in sich. Die meisten haben als kleine Kinder eine Grundscharte mitbekommen. Seit da haben sie einen anderen Blick auf die Welt und daraus schöpfen sie. Die Menschen denen es immer gut geht, die immer schmunzeln haben das Bedürfnis gar nicht, sich kritisch oder hart über die Welt zu äußern.

Sind die Leute im Süden besser gelaunt als die im Norden?

Sicher. Gerade Freiburg ist ja die Wohlfühlstadt, im Positiven wie im Negativen. Es ist wunderschön, aber hier fällt dir bestimmt schnell die Decke auf den Kopf. Tocotronic haben ja nicht umsonst gesungen: „Ich weiß nicht warum ich euch so hasse – Fahrradfahrer dieser Stadt.“

Ist Freiburg eine Stadt wie Halle?

Nein, überhaupt nicht. Freiburg ist viel reicher, satter. Oder gibt es bei euch leerstehende Straßen, kann man an der Geschichte Freiburgs noch mitschreiben?

Nein.

Eben.

ZUR PERSON

Rocko Schamoni ist als Tobias Albrecht in Lütjenburg großgeworden. Er brach die Schule ab, lernte das Töpfern. Dann zog er nach Hamburg, in die Welt des Rocks. Er war mit den "Goldenen Zitronen" und den "Toten Hosen" auf Tour und gründete den "Pudel Club", der deutschlandweit bekannt wurde.

Nebenher komponierte er für Elfriede Jelinek, gründete zusammen mit Jacques Palminger und Heinz Strunk das Spaßtrio Studio Braun und drehte mit Helge Schneider den Film "00 Schneider - Im Wendekreis der Eidechse". Er veröffentlichte über zehn Alben, schrieb sechs omane, darunter ganz aktuell seinen neuesten: "5 Löcher im Himmel".

Mehr dazu:

Was: Rocko Schamoni - Lesung "5 Löcher im Himmel"
Wann: Freitag, 17. April 2015, 20 Uhr
Wo: E-Werk, Eschholzstraße, 79115 Freiburg

Rocko Schamoni
5 Löcher im Himmel
Piper Verlag, 2014
ISBN-10: 3492056296 [Foto: Kerstin Behrendt]