Interview mit Ömer Toprak

David Weigend

Bevor der leicht erkältete Ömer Toprak (19) unter der Aufsicht Dirk Dufners zu einer Partie Tischkicker antritt, nimmt er sich Zeit für unser Interview. Das Abwehrtalent der Fußballschule spricht über die Doppelherausforderung Abitur+Aufstieg, Türkenwitze von Oliver Pocher und seinen Bruder Harun.



Ömer, du hast dir im Spiel gegen Mainz eine Mittelfußprellung geholt. Wie geht es dir inzwischen?

Danke, ich habe am Montag noch eine Spritze bekommen und konnte in den vergangenen Tagen nicht trainieren. Ich hoffe, dass es heute wieder klappt.

Bist du im Nachhinein froh darüber, dass du in Ingolstadt nicht spielen konntest?

Ich habe mir das Spiel daheim angeschaut und wäre am liebsten aufgesprungen, um der Mannschaft zu helfen. In der Halbzeit dachte ich noch, wir schaffen wenigstens den Ausgleich. Aber wir haben einfach zu schlecht gespielt. Das hat uns der Trainer in der Video-Analyse nochmals vor Augen geführt.

War Dutt arg sauer?

Sauer ist er auf jeden Fall. Ist ja auch normal nach so einer Niederlage.

Jürgen Kohler adelte dich im Sommer im Kicker als „Mann der Zukunft“ und sagte, du seist das Beste, was er in den letzten Jahren im Juniorenbereich gesehen hätte.

Es ist eine Ehre, dass er so etwas sagt. Aber für mich ist es einfach noch viel zu früh, an die Nationalmannschaft zu denken und daran, Kohlers Nachfolger werden zu können. Ich muss mich erstmal beim SC beweisen. Mein Vertrag läuft bis 2012.

Du bist 1989 geboren. Hast du Kohler als Nationalspieler überhaupt noch registriert?

Hm. Eigentlich war die erste WM, die ich richtig verfolgt habe, Frankreich 1998. Aber klar kenne ich Kohler aus der Sportschau, als er bei Dortmund gespielt hat.



Im Oktober warst du bei der Frankfurter Buchmesse zu Gast bei zwei Podiumsdiskussionen. Worüber hast du da geredet?

Es ging um meine persönlichen Erfahrungen zum Thema Integration. Die zweite Diskussionsrunde war mit Joachim Löw, Ümit Özat und Erdal Keser. Es ging um „Identität und Nationalmannschaft“.

Du hast die deutsche Staatsangehörigkeit und kommst aus einer türkischen Familie. Würdest du dich als Deutschtürken bezeichnen?

Es ist schwer, da eine Bezeichnung zu finden. Ich habe türkische Wurzeln. Ich werde als Türke angesehen, aber auch als Deutscher, weil ich hier aufgewachsen bin. Wenn ich in der Türkei bin, habe ich das gleiche Problem. Dort werde ich als Deutscher angesehen, obwohl Türkisch meine Muttersprache ist. Aber eigentlich kann ich mit dem Ausdruck „Deutschtürke“ ganz gut leben.



Du bist in Ravensburg geboren und aufgewachsen. Was hast du zuerst gesprochen – deutsch oder türkisch?

Türkisch. Meine Eltern können auch Deutsch, aber nicht so gut. Ich habe zwei Brüder und eine Schwester. Meine Mutter ist Hausfrau, mein Vater arbeitet in einer Fabrik. In der Schule, mit den Freunden und im Fußballverein kam dann für mich nach und nach Deutsch als Sprache hinzu.

Ali Günes und Suat Türker haben ähnliche Wurzeln wie du.

Als ich jung war, habe ich Ali im Fernsehen gesehen und ihn bewundert – wie er vom SC zu Fenerbahçe wechselte, Meister wurde und Champions League spielte. Es war für mich von Anfang an etwas besonders, mit ihm trainieren zu können. Ich verstehe mich auch menschlich mit ihm sehr gut, ebenso mit Suat Türker.

Sprecht ihr Drei türkisch untereinander?

Ja, das ist doch auch normal. Wobei wir eigentlich dauernd die Sprache wechseln, das ist dann so ein Deutschtürkmix. Bei unseren Franzosen im Verein ist das ähnlich. Aber gerade am Anfang, wenn man die Teamkollegen noch nicht so gut kennt, ist es angenehm, mit jemandem in der Muttersprache reden zu können. So fällt die Integration in den Verein auch leichter.

Was heißt Toprak auf Deutsch?

Erde.

Bist du gläubiger Moslem?

Ja, ich bin sehr gläubig.

Wie machst du es im Ramadan?

Als Leistungssportler ist es sehr schwer, den Fastenmonat richtig zu begehen, auf Trinken und Essen bis Sonnenuntergang zu verzichten. Ich mache es dann so, dass ich als Ersatz dafür eine gewisse Summe an Bedürftige spende.



Als die Buchmesse begann, hat Oliver Pocher einen Witz über das diesjährige Gastland Türkei gemacht. Pocher imitierte einen Türken, der ein Buch in die Hand nahm, planlos auf dem Buchdeckel herumdrückte und sich wunderte: „Hm, funktioniert nicht. Funkloch oder was.“ Wie findest du so was?

Lachen kann ich darüber nicht unbedingt. Aber ich nehme es auch nicht weiter ernst. Das ist nun mal die Art von Pocher. Er verarscht die Leute – nicht nur Türken, sondern so ziemlich jeden. Deswegen fühle ich mich da nicht weiter angegriffen.

Liest du eigentlich gern?

Zur Zeit habe ich Abiturslektüre. Das reicht vollkommen.

Das Abi machst du nächstes Jahr in der Max-Weber-Schule. Welche Fächer hattest du heute?

Wirtschaftsgeographie, Geschichte, BWL und Deutsch. In BWL bin ich eigentlich ganz gut.

Und wo musst du dich anstrengen?

In Mathe und Spanisch. Ich habe auch Nachhilfe, weil ich wegen des Trainings oft den Nachmittagsunterricht verpasse.

Wie schaffst du es, die Schule neben dem Kampf um den Bundesliga-Aufstieg ernstzunehmen?

Ich kann diese beiden Dinge eigentlich gut trennen. Denn ich weiß, wie wichtig für mich der schulische Abschluss ist. Dafür muss ich viel lernen. Wenn ich auf dem Fußballplatz bin, schalte ich einfach um. Und andersrum.

Es kommt also nicht vor, dass du Montagfrüh in der Spanischstunde vor dich hinträumst, weil dich das Duell mit Charisteas eigentlich mehr beschäftigt.

(lächelt) Gut, so was kommt schon manchmal vor. Aber wie gesagt, vorm Abitur habe ich schon den nötigen Respekt. Das will ich ordentlich machen.



Behandeln dich deine Mitschüler anders, seit du bei den Profis spielst?

Nein. Klar bringen sie Sprüche  von wegen „Kohler-Superstar“, aber ich bin in einer tollen Klasse mit 25 Leuten und wir haben sehr viel Spaß miteinander.

Meinst du, dass du das Zeug zum Superstar hast?

Talent hat jeder. Aber man muss was draus machen, Sonderschichten einlegen. Es kommt nicht alles von alleine. Und man muss für den Fußball leben.

Sonderschichten?

Als ich noch in Ravensburg lebte, war ich jeden Tag auf dem Fußballplatz. Zusammen mit meinem Bruder Harun, der nun in Pfullendorf Regionalliga spielt und Rahman Soyudogru, der jetzt bei den SC-Amateuren ist. Schule, Mittagessen, Hausaufgaben und dann kicken, bei jedem Wetter. Zuerst auf der Straße. Manchmal nur zu fünft, das war uns egal, Hauptsache, wir hatten nen Ball; später auf Kunstrasen vom Verein. Der war fünf Minuten von unserer Wohnung entfernt.



Harun ist 21, zwei Jahre älter als du. Wie ist euer Verhältnis?

Unsere Wege sind unterschiedlich. Er freut sich für mich und umgekehrt. Ich denke, er könnte noch höher spielen als Regionalliga. Mittlerweile sehen wir uns leider nicht mehr so oft, wir haben auch noch nicht gegeneinander gespielt in der Regionalliga. Die Pokale, die Harun und ich bisher gewonnen haben, heben unsere Eltern gut auf.

Wo siehst du deine Schwäche?

Ich will im Zweikampfverhalten noch aggressiver werden. Unser Ziel bleibt der Aufstieg. Wir werden alles geben müssen, um dieses Ziel zu erreichen.

Mehr dazu:

Was: SC Freiburg - FC St. Pauli
Wann: Montag, 10. November, 20.15 Uhr
Wo: Dreisamstadion

fudder-Interviews mit (ehemaligen) SC-Spielern: