Interview mit Âme: "Wir hinterfragen gerne den Status Quo unserer Szene"

Bernhard Amelung

Ein Track machte das Karlsruher Deephouse-Projekt Âme innerhalb kürzester Zeit einem weltweiten Club-Publikum bekannt: "Rej". Seit zehn Jahren kreiieren Frank Wiedemann und Kristian Raedle gemeinsam den Âme-Sound - der sich mit jeder Veröffentlichung verändert. Am Freitag ist Frank Wiedemann Gast bei der Party zum esten Geburtstag der Partyreihe O(h)rbital im Waldsee. Bernhard hat mit den Âme-Männern über Hits, Traditionen und Detroit gesprochen.



Mit eurer EP "Junggesellenmaschine / Rrose Selavy" nehmt ihr Bezug auf den französischen Dadaisten und Surrealisten Marcel Duchamp. Wo zeigt sich der Einfluss dieser Stilrichtungen in eurer Musik?


Kristian:
Es geht eher um den Einfluss von Marcel Duchamp in unserer Arbeit, auch gerade bei dieser Platte. 'Rrose Selavy' war ja ein weibliches Alias, hinter dem sich Duchamp versteckte, um so die Erwartungshaltungen an seine Kunst zu unterlaufen. Die 'Junggesellenmaschine' war ein Teil des Kunstwerks 'Das Große Glas'. In den letzten 70 Jahren wurde es geradezu mythisch verehrt. Vordergründig geht es dabei um männliche Sexualität, doch der eigentliche Sinn ist verborgen.

Âme - Junggesellenmaschine

Quelle: YouTube


Surrealismus und Dadaismus waren auch eine Ausdrucksform des Protests gegenüber den Konventionen einer traditionstreuen bürgerlichen Gesellschaft. Wo verweigert ihr euch den überkommenen House- und Techno-Traditionen?

Kristian: Wir hinterfragen bei jeder neuen Arbeit, die wir anfangen, gerne den Status Quo in unserer kleinen Szene und beziehen klar Stellung dazu. Wir respektieren Künstler, die mit stoischer Ruhe immer wieder das Gleiche tun können. Doch das entspricht nicht unserem Charakter. Der Dadaismus war sicherlich eine vorrevolutionäre Antwort auf das Grauen des frühen 20. Jahrhunderts. Sich mit so etwas zu vergleichen, wäre, gelinde gesagt, übertrieben. Aus dem Surrealismus haben wir eine Art 'ecriture automatique' mit übernommen, denn unsere Arbeitsweise entspricht vielmehr diesem Prozess, als einem festen Plan.

Und auf welche Weise bejaht ihr Traditionen in euren Stücken? Allen Innovationen zum Trotz gelten House und Techno ja als sehr wertkonservative Genre...

Kristian: Wir denken, dass auf der Basis von House und Techno noch lange nicht alles ausgereizt ist. Man kann dem Ganzen immer noch etwas hinzufügen. Allerdings stehen wir der Schwemme an House-Platten in den letzten beiden Jahren sehr skeptisch gegenüber, da ein ähnlicher Verlauf schon Ende des letzten Jahrhunderts die ganze Musik an den Rand gedrängt hat.

Wer sich durch eure Diskographie der vergangenen zehn Jahre hört, stellt schnell fest: Keine eurer bisher veröffentlichten Studioarbeiten klingt gleich. Wie schützt ihr euch vor Hör- und Produktionsgewohnheiten?


Frank:
Da steckt kein Geheimrezept dahinter. Wir haben einfach kein Interesse daran, uns zu wiederholen. Das kann man zwar naturgemäß nie ganz vermeiden, aber zumindest bei jedem einzelnen Track als Anspruch an sich selbst haben. Es interessiert uns einfach, stetig neue Klänge zu erforschen oder harmonische Einflüsse aus verschiedensten musikalischen Stilrichtungen in unsere Arbeiten mit einfließen zu lassen.

Und wo findet ihr Motive und Themen für eure musikalischen Arbeiten? Welche Bedeutung haben dabei Kunstgattungen wie Kunst oder Film?

Kristian: Motive und Themen findet man in seinem eigenen und natürlich dem gemeinsamen Leben. Dass hierbei Kunst und Film eine große Rolle spielen, kann man nicht von der Hand weisen. Genauso gut können es aber auch andere alltägliche Dinge sein, die uns inspirieren.

Beschäftigt man sich mit eurer Musik, kommt man dennoch nicht umhin, die Stadt Detroit zu zitieren. Wie stark wirkt der 'Sound of Detroit' auf euch ein?

Frank: Natürlich stehen bei uns zuhause einige Detroit Techno-Platten. Wir haben diese Platten auch in unseren Sets gespielt. Dass diese Musik uns beeinflusst, ist daher selbstverständlich. Aber genauso gut könnte ich sagen, dass uns beispielsweise ein Terry Riley beeinflusst hat oder Can oder jede Form von Musik, mit der wir uns beschäftigen. Ich möchte da keinen speziellen Stil hervorheben.

Vor drei Jahren habt ihr auf dem Detroiter Musikfestival Movement gespielt. Inwieweit haben sich eure Vorstellungen von dieser Stadt und ihrer Musik bestätigt?

Frank: Detroit als Stadt ist sehr außergewöhnlich. Wir waren dort zum Beispiel in einem alten Theater, das inzwischen als Parkhaus dient, doch die prunkvolle Stuckdecke blieb bis heute erhalten. Auch gibt es unglaublich viele leerstehende Gebäude und freie Grundstücke. Man bekommt schnell den Eindruck, dass in dieser Stadt nicht alles richtig läuft. Aber das kann wiederum auch ein Nährboden sein für jegliche Art von kreativer Szene, und das war es ja auch.

Seit 'Rej' kein Sommer ohne Welt-Hit, der eure musikalische Handschrift trägt und der auch Jahre später nichts an Wirkungskraft eingebüßt hat. Zu welchem Zeitpunkt wisst ihr, dass ihr einen Hit produziert habt?

Frank: Das ist wirklich schwer zu sagen. Am Ende merkt man es an den Reaktionen der Leute, wenn man den Track zum ersten Mal im Club spielt, auch wenn ihn eigentlich noch niemand kennen kann.

Âme - Rej

Quelle: YouTube


Seht ihr in einem Hit auch die Chance, damit auch neue Hörer für eure Musik zu begeistern?

Frank: Es ist immer schön, wenn man mit seiner Musik die Hörgewohnheiten anderer Menschen beeinflussen kann. Ich denke aber, dass das mit Hits nicht ganz so einfach ist. Da war meist schon ein Wegbereiter-Song im Spiel, der die Ohren vorher schon mal für einen neuen Sound sensibilisiert hat.

Liegt das Produzieren eines Hits auch in eurer Absicht? Verfolgt ihr damit auch so etwas wie einen missionarischen Hintergedanken?

Frank: Wir arbeiten immer aus eigenem Interesse und Antrieb heraus, neues zu entdecken. Mit Absicht oder gar missionarisch machen wir das nie.

Mit jeder weiteren Platte steigt jedoch die Erwartungshaltung eurer Fans. Wie geht ihr damit um?


Frank:
Ich denke oder hoffe, dass wir damit einigermaßen entspannt umgehen. Sonst hätten wir vielleicht auch nach 'Rej' in diesem Sound einfach weitergemacht. Und ich denke auch, dass unsere Fans eben genau diese Abwechslung von uns erwarten.

Anfang April erscheint eure Live-Album auf Innervisions, eurem eigenen Label. Unter welcher Perspektive veröffentlicht ihr diesen Longplayer?

Frank: Wir haben zunächst einmal ein Live-Programm zusammengestellt, das wir gerne veröffentlicht sehen. Zudem haben wir auch schon länger keine CD mit eigener Musik herausgebracht. Eine Strategie steckt da nicht wirklich dahinter.

 

Mit Dixon und Henrik Schwarz habt ihr vor einiger Zeit auch den Stummfilmklassiker 'Das Cabinet Des Dr. Caligari' vertont. Was unterscheidet ein solches Projekt von der Arbeit an Clubtracks?

Frank: Bei einem Filmscore besteht überhaupt kein Tanz-Diktat. Sprich: Man legt im Unterschied zur Arbeit an einem Clubtrack zunächst einmal alle Gedanken an die Tanzbarkeit zur Seite. Ansonsten war die Art, wie wir gearbeitet haben, unserer sonstigen Vorgehensweise nicht so fern. Spannend daran war jedoch, dass wir uns im Vorfeld ein Konzept überlegt hatten. Jedem Charakter im Fil wurde eine Melodie zugewiesen. Dazu haben wir noch Atmosphären und Stimmungen für die jeweiligen Situationen geschaffen, die wir dann in Pierre Henry-Manier per Mischpult dazuschieben konnten. Diese Arbeitsweise hat uns die Grundstruktur geboten, aus der heraus wir dann eigentlich den kompletten Soundtrack improvisiert haben.

Ein erster Schritt weg vom Clubkontext? Wo steht ihr mit Âme in fünf Jahren?

Frank: Wenn wir das jetzt schon wüssten, hätten wir keine Zeit mehr zum Fehler machen. Aber im Ernst: Dem Club werden wir so schnell nicht den Rücken kehren. Dazu lieben wir die Stimmung und Energie, die davon ausgeht, viel zu sehr. Dass wir aber weiterhin unsere Fühler in andere Richtungen ausstrecken, hat damit jedoch nichts zu tun. Ich arbeite zum Beispiel gerade mit Marcel Dettmann an einem Ballettstück, das nächstes Jahr in Berlin aufgeführt wird. Kristian und ich haben das schon vor einigen Jahren gemacht. Solche Seitensprünge waren und bleiben immer interessant.

   

Last-Minute-Verlosung

fudder verlost zwei mal zwei Gästelisteplätze für 1 Jahr O(h)rbital mit Âme und den Gebrüder Teichmann. Wer gewinnen möchte, schickt eine E-Mail mit seinem Namen und dem Betreff
'Âme'
an gewinnen@fudder.de. Einsendeschluss ist Freitag, 16. März 2012, 12 Uhr. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Die Gewinner werden am selben Tag per E-Mail benachrichtigt.

Mehr dazu:

Was: 1 Jahr O(h)rbital mit Âme (live) und den Gebrüder Teichmann
Wann:
Freitag, 16. März 2012, 23 Uhr.
Playtimes:
23-0:30 Uhr Hendrik Vogel
00:30-1:30 Uhr Âme -live
01:30-2:15 Uhr Chris Milla
02:15-5 Uhr Gebrüder Teichmann
Wo: Waldsee Freiburg
Eintritt:
bis 24 Uhr: 11 Euro, danach 14 Euro; Studenten & Azubis: 11 Euro     [Fotos: Promo/Backroom Entertainment]