Interview mit Martin Sonneborn: "Freiburg ist extrem spießig geworden!"

Marius Buhl

Er ist Satiriker, Krawallpolitiker und Journalist: Am Freitag kommt der Gründer der Partei DIE PARTEI, Martin Sonneborn, nach Freiburg. Mit fudder-Redakteur Marius Buhl sprach er vorab über die vielen Schweizer auf dem Freiburger Weihnachtsmarkt, Totalausfall Oettinger und das spießige Freiburg. Außerdem riet er fudder.de, vom Internet abzusehen:



Herr Sonneborn, in Freiburg macht ihre Partei ganz schön Wirbel seit Simon Waldenspuhl in den Gemeinderat gewählt wurde. Verfolgen Sie das Treiben der Freiburger Kollegen?

Ja selbstverständlich, wenn sich etwas in den Medien niederschlägt, kriegen wir das mit. Insgesamt sind wir aber 15.000 Parteimitglieder, Herrn Waldenspuhl kenne ich daher noch nicht persönlich. In Freiburg werden wir uns aber bestimmt treffen und über die Probleme in Freiburg sprechen.

Welche Probleme?

Die Nähe zur Schweiz zum Beispiel.

Stimmt, momentan sind wirklich viele Schweizer auf dem Weihnachtsmarkt.

Ich würde die zurückschicken. Die Partei will sowieso eine Mauer um die Schweiz errichten. Andererseits sollten die Freiburger aber auch dankbar sein, dass die Schweizer den Glühwein wegtrinken. Das Zeug ist ja lebensgefährlich.

Was wissen sie sonst über Freiburg?

Freiburg kenne ich aus den Neunzigern, als Freunde von mir dort studierten, das hat seinerzeit gut gefallen. Momentan ist es aber extrem spießig geworden, so ein verschnarchtes grün-linkes, wie sagt man, Bürgertum. Deshalb glaube ich, dass es die Partei hier ganz besonders braucht, um Strukturen aufzubrechen. Außerdem mag man die Schwaben hier nicht, auch dafür bietet unser Wahlprogramm Abhilfe: Wir wollen den Stuttgarter Talkessel fluten, da würde auch der VfB unter gehen.

Was genau erwartet Freiburg, wenn Martin Sonneborn kommt?

Ein unaufgeregtes Multimedia-Spektakel, Krawall und Satire. Ich schildere den jungen Leuten, viele sind ja gerade in Baden-Württemberg perspektivlos, wie man es schaffen kann, ins Europa-Parlament gewählt zu werden, wie man eine Partei gründet und sich 10 Jahre lang an der Spitze hält.

Warum kommen eigentlich nur junge Menschen zu Ihnen?

Wir haben nichts gegen junge Leute, das ist doch ein gutes Zeichen. Wir wollen diesbezüglich auch das Wahlrecht ändern. Wählen soll man in Zukunft ab 12 und bis 52. Wir versprechen uns davon erdrutschartige Veränderungen in der politischen Landschaft. Das kommende Wahlklientel ist unseres, die Alten sterben weg und dann werden wir die absolute Mehrheit haben.

Was muss passieren, dass sie sagen: Freiburg war toll!?

Ich glaube nicht, dass das passieren kann.

Ist es anstrengend, immer lustig, immer ironisch sein zu müssen?

Ich fände es eher anstrengend, immer Ernst sein zu müssen. Anstrengend ist die derzeitige Dreifachbelastung: Europaparlament, Lesereise und dann schreib' ich gerade noch ein Buch fertig. Aber auch nicht so anstregend, dass ich mich in der Gefahr sehe, tatsächlich ernst zu werden. Ich bin aber immer so, wie ich eben bin: im Parlament, auf Lesungen, daheim.

Sind sie nun Politiker oder Komiker?

Ich bin an erster Stelle Mitglied des europäischen Parlaments. Das, was ich dort mache, nennen wir Politainment. Ich glaube, dass herkömmliche Politiker aussterbende Dinosaurier sind. Wer heutzutage im Parlament kein Kamerateam dabei hat, kann praktisch nichts mehr bewirken. Wir hingegen machen Turbopolitik, morgens gefilmt, abends bei Spiegel TV. Das ist moderner Populismus.

In einem dieser SpiegelTV-Beiträge haben sie dem baden-württembergischen Ex-Ministerpräsident Oettinger böse mitgespielt. Sie sprachen ihn auf sein Filbinger-Zitat an, auf eine trunkene Autofahrt und baten ihn auf Englisch zu antworten. Was haben Sie gegen den Mann?

Oettinger ist ein Totalausfall. Der Mann ist EU-Kommisar für digitale Entwicklung. Das heißt, dass man sich in Deutschland vom Netz verabschieden kann. Das gilt im Übrigen auch für fudder.de. Ich würde mir eine Druckerpresse besorgen. Oettinger ist ein 61-jähriger Mann, der sich nach eigenen Angaben von seinem Sohn das Internet erklären lässt. Wenn ich rechne, müsste sein Sohn so um die 40 sein. Ein 40-jähriger, der Ahnung vom Internet haben soll, ist mir noch nicht begegnet. Wenn der 13-jährige Enkel es ihm erklärt hätte, würde ich ihn Ernst nehmen. So nicht.

Wie oft sind sie in Brüssel?

Momentan so alle vier Wochen, ich bin ja noch auf Lesereise. Ab dem ersten Februar wohne ich dann aber dort.

Mit wem kooperieren sie in Brüssel?

Ich habe eine Anfrage von Nigel Farage, dem Chef der UKIP, erhalten, mit ihm eine Fraktion zu gründen. Es müssen pro Fraktion 7 Staaten vertreten sein und ihm war ein Lette abgesprungen. Ich habe ein halbe Stunde überlegt, weil es sehr reizvoll ist, wenn man in jeder politischen Situation sagen kann: "Wenn ihr das nicht so macht, wie ich das will, trete ich zurück!" Ich habe meinen Beitritt dann mit einer Forderung verknüpft: Ich komme gerne, aber er muss die Fraktion EFDD, so heißt die, in ‘Sonneborns EFDD’ umbenennen. Dann habe ich nie wieder irgendwas von ihm gehört. Er hat jetzt einen Polen gefunden, der mitmacht. Der Pole ist mir aufgefallen, weil er die Ansicht vertritt, dass man Frauen durchaus manchmal schlagen dürfe.

Ihre politischen Ziele?

Ich plane von Brüssel aus die europäische Machtübernahme. Danach wollen wir auch Deutschland übernehmen: Fähige Mathematiker in der Partei haben ausgerechnet, dass wir, wenn wir unser Wahlergebnis weiter verdoppeln wie bislang, 64 weitere Bundestagswahlen brauchen, bis wir die absolute Mehrheit haben im Land.

Dann leider ohne Martin Sonneborn...

Nein, ich werde einbalsamiert.

Zum Schluss, Herr Sonneborn, noch ein paar persönliche Fragen: Treiben Sie Sport?

Das beantworte ich nur, wenn es mir Wählerstimmen in Freiburg bringt.

Das kommt darauf an: Wenn sie sagen, dass sie Klettern, Mountainbiken und anderen Outdoorsport betreiben, dann ja.

Ich klettere, gehe Mountainbiken und betreibe anderen Outdoorsport.

Was für Musik hört Martin Sonneborn?

Nationalhymnen.

Warum sind sie so schlagfertig?

Das ist eine schwer zu beantwortende Frage, auf die ich jetzt mit einem extrem mäandernden Satz mit parataktischem Satzbau antworten würde, wenn ich noch die Kraft hätte. Die habe ich aber bestimmt am Freitagabend in Freiburg wieder.

Zur Person

Martin Sonneborn ist Journalist, Politikerund Satiriker. Er war Chefredakteur des Satiremagazins Titanic, Außenreporter der heute-Show, schrieb in einer Satirerubrik für den Spiegel - und gründete 2004 die Partei DIE PARTEI. Als Chef derselben wurde er 2014 ins EU-Parlament nach Brüssel gewählt. Dort fällt Sonneborn immer wieder auf. So gingen seine Befragungen, unter anderen von Günther Oettinger und Tibor Navracsics durch die Medien. Sonneborn ist 49 Jahre alt und verheiratet.



Foto: dpa

Mehr dazu:

Was: Martin Sonneborn, Lesung
Wann: Freitag, 5. Dezember, 20 Uhr
Wo: E-Werk, Eschholzstraße
Eintritt: 12 bis 15 Euro