Interview mit einem Ex-Hooligan: "Es war wie eine Droge, die ich gebraucht habe"

Daniel Weber

Am Wochenende startet die Fußballbundesliga in ihre 50. Saison. Toni Meyer, der eigentlich anders heißt, wird dann dem FC Bayern die Daumen drücken. In den 80er und 90er Jahren benutzte der Münchner jedoch nur seine Faust. Er war ein Hooligan, der seinen Verein und die Nationalmannschaft zu Auswärtsspielen begleitete, um sich dort mit anderen Gewaltbereiten zu prügeln. Der heute 45-Jährige lebt seit vielen Jahren ein bürgerliches Leben. Über seine Zeit als Hooligan hat er das Buch "Münchner Bande" geschrieben. Daniel Weber hat mit ihm gesprochen.



Mehr als 15 Jahre waren Sie ein Hooligan. Wie hat alles begonnen?

Toni Meyer: Als ich angefangen habe, zum Fußball zu gehen, Ende der 70er Jahre, da gab es den Ausdruck Hooligan noch gar nicht. Da waren wir ganz normale Fans. Anfang der 80er Jahre ist dann die Hooliganwelle aus England rübergeschwappt und hat mich voll erwischt.

Wie wird man vom normalen Fan zum prügelnden Hooligan?

Es ist eine Entwicklung, die man durchmacht. Du entschließt dich ja nicht von heute auf morgen zu so etwas. Es geht bei Jugendlichen meistens darum, sich zu beweisen und Anerkennung zu bekommen. Wenn ich die in meinem normalen Leben nicht bekomme - Schule, Ausbildung - dann hole ich mir die in anderen Feldern. Ich habe mir sie dann durch Prügeleien und diesen Lebensstil geholt.

Woher kam der Spaß an der Gewalt?

Je mehr ich dabei war und zu Auswärtsspielen mitgefahren bin, umso mehr habe ich den Kick gesucht. Um den geht es. Er wurde wie zu einer Droge, die ich gebraucht habe. Du musstest in den Kämpfen deinen Mann stehen. Das hört sich banal an, aber da kamen richtig die Urinstinkte in einem hoch. Wohlgemerkt waren das aber nur Prügeleien mit Hooligans aus anderen Städten, das waren immer so 20, 30 Leute.

Es gab da einen Ehrenkodex, geprügelt wurde nur mit den Fäusten. Auf europäischer Ebene war das etwas anderes. Da musstest du schon aufpassen, dass da keiner mit einem Messer vor dir steht.

Wie blicken Sie heute auf diese Zeit zurück?

Man reflektiert viel. Auf der einen Seite war es eine aufregende Zeit. Es sind aber auch Dinge passiert, die hätte ich nicht erleben sollen. Die beschäftigen einen schon noch länger. Es war ja auch das Drumherum, das in diesem Lebensstil eine Rolle gespielt hat.

Man rutscht schnell in die Kleinkriminalität, kommt mit Drogen in Kontakt. Und da blieben auch einige Freunde von mir auf der Strecke. Bei den Keilereien ist Gott sei Dank niemand gestorben. Aber drum herum. Ob durch Drogen, Selbstmord oder durch einen Unfall. Das sprengt alles, wenn du so Freunde verlierst. Was Schlimmeres habe ich noch nie erlebt.

Was hat schließlich dazu geführt, dass Sie Ende der 90er Jahre aus der Szene ausgestiegen sind?

Es hat verschiedene Einflüsse gegeben. Zum einen die Geburt meines Kindes. Da kommt man am schnellsten ins Denken, wenn man ein kleines Wesen im Arm hat. Dann der Job. Wenn du so ein Leben weiter führst, kommst du immer mehr mit der Justiz in Konflikt. Bis sie dich irgendwann mal aus dem Verkehr ziehen.

Dann auch die körperliche Geschichte. Du kannst ab einem gewissen Alter gar nicht mehr mithalten, wenn ein durchtrainierter 20-Jähriger vor dir steht. Dann auch meine Freundin, die mich fragt, warum ich das tue. Mir war klar, dass ich mich ändern musste, wenn ich ein Leben ohne Stress führen will. Ich musste mich ändern und so werden wie die, über die ich jahrelang gelacht habe.

Verfolgen Sie die Szene noch?

Die große Hooliganwelle ist ja in England und bei uns in Deutschland vorbei. Hooliganhorden wie früher gibt es so nicht mehr. Wenn die sich prügeln, bekommt das fast niemand mit. Die verabreden sich zur Prügelei im Wald oder im Gewerbegebiet. In Russland ist das vielleicht noch etwas anders. Aber bei uns ist das auch durch die erhöhte Polizeipräsenz nicht mehr so, wie es früher war.

Heutzutage wird auch viel über die Szene der Ultras berichtet, die vor allem mit dem Abbrennen von Pyrotechnik im Stadion auf sich aufmerksam machen.

Richtig, aber man darf Hooligans und Ultras auf gar keinen Fall gleichsetzen. Die Zielsetzung von Hooligans ist klar die körperliche Auseinandersetzung mit anderen Gruppen. Die Ultras wollen vor allem in der Fankurve im Stadion auffallen. Die zünden Pyros und machen Transparente und Choreographien. Sie definieren sich nicht über Gewalt. Das spielt vielleicht bei Einzelnen eine kleine Rolle. Aber nicht so wie bei Hooligans.

Um den Einsatz von Pyrotechnik im Stadion gibt es eine große Diskussion.

Auch hier muss man aber wieder unterscheiden. Wenn Bengalos Richtung Spielfeld geworfen werden, hat das eine ganz andere Qualität als wenn die im Fanblock gesichert abgebrannt werden. Das muss man differenziert betrachten. Wenn damit geworfen wird, muss eingeschritten werden, klar.

Wo fängt die Sicherheit da an?

In Österreich zum Beispiel ist der Einsatz von Bengalos in dafür vorgesehenen Zonen geduldet und wird von Sicherheitsleuten überwacht. Die Vereine müssen einfach mit diesen Fangruppierungen den Dialog suchen. Egal, ob das jetzt der große FC Bayern oder kleine SC Freiburg ist.

Gehen Sie selbst noch ins Stadion?

Nur noch selten. Es ist heute alles so aalglatt und auf Event getrimmt. Ich schaue Fußball lieber im Fernsehen. Gemütlich auf der Couch mit einem Bier.

Sie arbeiten heute im sozialen Bereich mit gewaltbereiten Jugendlichen zusammen. Kennen die Ihre Vergangenheit?

Ja, und da ich selber in dieser Gewaltspirale drin war, kann ich anders mit Jugendlichen sprechen, die in so eine Richtung tendieren. Ich erkenne das sehr schnell. Meine Worte haben Gewicht. Jugendliche müssen sich ausprobieren, das ist wichtig. Aber ich kann sie auf die Konsequenzen aufmerksam machen. Denn die können ausufern. -

Zur Person


Toni Meyer heißt überhaupt nicht Toni Meyer und war von den frühen 80er Jahren bis in die späten 90er Jahre ein Hooligan. Das Pseudonym benutzt er, weil er in der Öffentlichkeit nicht mit seinem echten Namen auftreten will. Der Autor ist heute 45 Jahre alt, lebt in München und arbeitet im entwicklungspädagogischen Bereich mit Jugendlichen zusammen. Seinen Kick holt er sich heute mit Sport in seiner Freizeit.

Toni Meyer: Münchner Bande
Empa-Verlag
ISBN 9783000342769
398 Seiten
14,90 Euro
Leseprobe: Münchner Bande

 

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