Interview mit Doris Uhlich: "Der nackte Körper erzählt"

Hengameh Yaghoobifarah

Eine Mischung aus Performance-Kunst, Tanz und einem Hauch von Theater: Die Wienerin Doris Uhlich bringt zwanzig nackte Tänzer_innen aus aller Welt mit nach Freiburg und mit der Aufführung more than naked auch das Fleisch und Fett zum Schwingen. Auch sie selbst wird auf der Bühne sein – ebenfalls nackt und als DJane. fudder-Autorin Hengameh traf die Choreographin in einem Wiener Café und unterhielt sich mit ihr über Nacktheit.

Nacktheit auf der Bühne ist seit dem modernen Theater etwas sehr Gewöhnliches, fast schon Klischeehaftes geworden. Ist das beim Tanz auch so?



Doris Uhlich
: Ja, es gibt immer wieder große und kleine Nacktwellen. Es ist ein Mittel, das man immer wieder und immer mehr findet. Es gibt auch im Tanz unterschiedlichste Facetten der Nacktheit. Ich bin darauf gekommen, dass mich viele nicht oder nicht mehr interessieren. Nacktheit ist auch oft ein Mittel in der äußeren Form. Entweder verlangt es die Rolle, dass man sich auszieht, oder Nacktheit wird zum Zeichen, zum Bild. Es ist oft so: Der Mensch zeigt sich nackt, aber ist nicht nackt auf der Bühne. Ich wollte ausprobieren, was ein nacktes Sein auf der Bühne sein kann.

Gab es bei der Konzeption von Ihrer Seite aus Ängste vor Klischees oder Fremdzuschreibungen?

Es war ein total furchtloser Prozess. Ich glaube, es hat damit zu tun, dass ich schon häufiger mit Nacktheit gearbeitet habe. Auch damals habe ich Nacktheiten gesucht, die nicht auf eine oberflächliche Art und Weise provozieren wollen, sondern die wirklich mehr in einen Menschen eindringen wollen. Kleidung ist nur eine Schicht, die auf der Bühne abgelegt wird, um eine Persönlichkeit besser kennenzulernen. Der nackte alte Körper war auch ein mal Thema – es geht schon darum, Tabus zu brechen, sich aber nicht auf einem Tabubruch auszuruhen, sondern weiterzugehen und ein Material zu finden, das auch mir als Tänzerin Neues an Sehgewohnheiten abverlangt. Bevor es zum Stück more than naked kam, habe ich zwei, drei Jahr lang Workshops zum Thema Nacktheit auf der Bühne gegeben. Mir selbst taugt der Moment der bewegten Nacktheit, einer Nacktheit, die weder zum pornographischen Bild abdriftet, noch zu eitel ist oder zu stilisiert wirkt, sondern wo eben Nacktheit ein Erlebnis wird. Sowohl für mich als Workshopleiterin, als auch für die Leute, die dort am Workshop teilnehmen. Von daher habe ich keine Angst vor Zuschreibungen gehabt, vor allem, weil es sie ohnehin geben wird und man sich da nicht entziehen kann. Während der Workshop-Phase dachte ich: Das muss ein Publikum sehen, das kann nicht nur in einem Tanzstudio hängen bleiben, sondern das muss rausexplodieren in die Welt. Mein Traum wäre eine Naked-World-Tour. (lacht) Und das Verständnis von Nacktheit als Bewegung, die auch gesellschaftlich sein kann, ist wichtig. Für mich ist Theater auch Lebensraum und bei more than naked lebt man die Nacktheit.

Hast du beim Casting darauf geachtet, viele unterschiedliche Körper mitreinzunehmen?

Das Casting war kein Casting. Das war eine Workshop-Gruppe. Der Anspruch innerhalb der Gruppe ist sehr gewachsen. Im ersten Jahr waren es vielleicht acht Teilnehmer, im zweiten Jahr schon weit über zwanzig. Es sind einfach Leute, die Lust auf das Projekt haben. In dem Stück geht es um ein Interesse, das man teilt, nicht darum, ob die Körper dick oder dünn sind. Es geht um die Nacktheit an sich.

Hat die Zusammenarbeit gut geklappt?

Ja, es war sehr intuitiv und wir haben in den zweiundhalb Wochen Proben viel geschafft. Wir haben in dieser Zeit ein wirklich spannendes und großartiges Material gefunden. Zum Thema Fetttanztechnik, den Körper schwabbeln und wabbeln lassen, gleichzeitig aber auch zum Thema „give it away“, alles zu geben. Man hat immer den Körper in seiner Materialität erforscht, sowohl in seiner Weichheit, als auch in seiner Robustheit, Stärke, Möglichkeiten, seiner Explosionskraft und Schubkraft.

Was kann Nacktheit vermitteln, was Kleidung nicht kann?

  Es kommt darauf an, woran du mit der Nacktheit arbeitest. In dem Fall von more than naked kann ich sagen: Wenn man das Stück sieht, weiß man nach zehn Minuten genau, warum die Leute keine Kleidung anhaben. Sie tuen Dinge, die mit Kleidung einfach keinen Sinn ergeben. Das schwingende Fleisch würdest du mit der Kleidung gar nicht sehen.

Ich glaube, durch das Ablegen von Kleidung legt man eine weitere Schicht ab. Man legt Marken ab, man legt sozusagen seine Art, im Alltag wahrgenommen zu werden, ab. Der gewählte Dresscode verschwindet. Kleidung ist prinzipiell ein Statement, in dem Moment, in dem man nackt ist, legt man diese äußere Hülle ab. Es geht allerdings nicht um Natürlichkeit, die man dann zeigt. Ich glaube, auch der nackte Körper hat seine Spuren. Da gibt’s Tattoos, da gibt’s Brust-OPs. Der Körper ist Teil des kapitalistischen Systems geworden, der wird stählern trainiert. Nacktsein ist kein Zeichen von Authentizität, der Körper ist unter der Kleidung einfach die nächste Schicht. Der Umgang mit dem Körper in more than naked hat etwas Neo-Hippieskes. Das erscheint uns angesichts dessen, wie der Körper in Medien gezeigt wird, sehr ungewöhnlich. Im ersten Moment auch befremdlich, im nächsten Moment dann vergnüglich und ein bisschen befreiend. Das Wort Befreiung ist auch so blöd, das hat so einen wahnsinnig pathetischen Output, aber irgendwie trau ich mich, das Wort in diesem Kontext zu sagen. Weil das energetische Dasein so eine große Rolle spielt.

Du begleitest das Stück als DJane. Legst du jedes mal etwas Neues auf?

Ich habe mir am Anfang vorgenommen, etwas zu variieren. Ehrlich gesagt ist das Line-Up so, wie es ist, schon ziemlich gut. Ich lasse es so. Am Schluss habe ich ein bisschen was verändert, da kam noch was dazu.

Was sind deine liebsten Songs auf dem Line-Up?

Es geht drum, keine Spargesellschaft zu sein, sondern beim Energiehaushalt vom Körper alles rauszulassen. Was bedeutet es, im Hier und Jetzt mal die ganze Energie rauszulassen und nicht an die Zukunft zu denken? Immer dieses Haushalten, diese Angst vor Burn-Out... Es kann eine Energieressource sein, die man halt hat, aber vielleicht könnte man mehr darauf vertrauen, dass es einem gut tut, mal alles rauszulassen. Was ist ein gutes Loslassen, in dem Fall? Insofern finde ich „Give it away“ von den Red Hot Chili Peppers für diesem Moment einfach immer geil, weil es so wortwörtlich genommen wird. Wir geben all unsere Power away. Das mache ich gern.

Ich mag in diesem Line-Up wirklich alles, alles ist so speziell. Der Anfang mit „Doing it right“ von Daft Punk, „Everybody will be dancing“, hat für mich einfach etwas sehr Warmes. Da habe ich das Gefühl, da wärmt sich das Fleisch so gut auf. (lacht) Wir kochen auf, bereiten die Schnitzel. Das ist ein schöner Einstieg. Von Ozzie Osbourne „Paranoid“ finde ich auch cool. Das spricht dann auch eine andere Generation an, es geht ein bisschen mehr in den Punk. Und dann gibt es einen Stilbruch, den ich auch total irre finde, wir nennen es die Barockreihe. Nach „Give it away“ steht der Körper schon schweißtriefend mit dem Rücken zum Publikum, wie so eine Fußballmannschaft in einer Reihe. Dann tönt da von dem Film „Le Roi danse“, „Der König tanzt“, über Ludwig XIV, so eine Musik von Lully. Das ist gigantisch, wie eine Hymne, eine Barock-Hymne.

Mehr dazu:

Was: Doris Uhlich - More Than Naked
Wann: Freitag, 21. November 2014, 21:30 Uhr und Samstag, 22. November 2014, 21 Uhr.
Wo: Theater Freiburg, Kleines Haus.
[Foto: Doris Uhlich / Ingo Pertramer]