Interview mit Dekan Bruns zum Platz der Alten Synagoge: "Das ist für eine Universität kein zuträglicher Zustand"

Carolin Buchheim

Vor dem Kollegiengebäude II am Platz der Alten Synagoge prallt der Alltag von Jura- und VWL-Studierenden auf den von zum Teil wohnungslosen Menschen, die dort ihre Zeit verbringen oder dort nächtigen. Manche Studierende fühlen sich von ihren Nachbarn so sehr gestört, dass sie auf eine Lösung des Problems drängen. Adressat der Probleme ist für Jurastudierende der Dekan der juristischen Fakultät. Welche Probleme gibt es auf dem Platz und im KG II? Carolin Buchheim hat mit Dekan Alexander Bruns darüber gesprochen:



Herr Dekan, ganz direkt formuliert: Streben Sie eine Vertreibung der Menschen an, die auf dem Platz der Alten Synagoge leben oder dort ihre Zeit verbringen?


Dekan Bruns:
Die Universität hat nicht den Auftrag, Sozialprobleme zu lösen, die der eigentliche Grund für das Leben der Menschen auf dem Platz sind. Die Universität hat die Aufgabe, Studierenden und Mitarbeitern einen anständigen Studien- und Arbeitsablauf zu gewährleisten.

Vor 20 Jahren, als ich nach Freiburg gekommen bin, gab es ein vergleichbares Problem am Bertoldsbrunnen, wo Freiburgs Geschäftsherz schlägt. Das war den Geschäftsleuten ein Dorn im Auge, weil es die Kunden störte und geschäftsschädigend wirkte. Die Geschäftsleute haben es geschafft, die Stadt dazu zu bewegen, die Leute zu vertreiben. Und dann sind sie in die Eisenbahnstraße gezogen, und zu uns, vor die Tür des KG II an den Platz der Alten Synagoge. Vertreibung ist keine Lösung.

Ich habe für das persönliche Schicksal der Menschen großes Verständnis und Mitgefühl: Diesen Menschen muss man helfen. Ich habe in der bisherigen Diskussion nie so richtig verstanden, wieso die Hilfe, die man diesen Menschen offensichtlich geben muss, sich darin erschöpft, sie dort liegen zu lassen. Da muss Sozialarbeit geleistet werden, das muss die Stadt machen.

Ich finde, man darf die Menschen dort nicht einfach liegen lassen. Nicht, weil sie polizeilich weg gehören, sondern damit ihnen geholfen wird.

Beschreiben Sie die Nachbarschaft zwischen Mitarbeitern und Studierenden, die im Kollegiengebäude II zu tun haben, und den Menschen auf dem Platz. Welche Probleme gibt es?

Das Zusammenleben ist seit 20 Jahren ein Problem, dass in mehr oder weniger gleicher Form nahezu ohne Unterbrechung in ähnlichen Ausprägungen vorhanden ist. Es geht in der Hauptsache darum, das Flaschen und Müll herumliegen und ans Gebäude uriniert und gekotet wird. Die Menschen trinken Alkohol, bis sie volltrunken sind, und haben teilweise Hunde dabei. Im Sommer führt das - wie man sich vorstellen kann - zu beträchtlichem Gestank.

Im Winter ist die Geruchsbelästigung nicht ganz so stark, dafür erleichtern sich die Menschen auf den Toiletten. Das wäre – abgesehen von der Frage einer Verletzung des Hausrechts - an sich kein Problem, wenn die Räumlichkeiten normal genutzt würden. Es ist im vergangenen Winter wiederholt vorgekommen, dass sich Personen, die sonst vor dem Gebäude gelagert haben, in den Toiletten eingeschlossen haben. Das führte zu einem ziemlichen Gestank, weil diese Menschen sich nicht waschen - oder nicht die Gelegenheit dazu haben.

Ich verstehe, dass Menschen sich auf dem Klo einsperren, weil ihnen kalt ist oder sie Zuflucht suchen. Ich verstehe aber auch, wenn Studierende oder meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sich nicht aufs Klo trauen, weil es dort stinkt, oder wenn sie nicht durch einen bestimmten Eingang reingehen, weil sie angepöbelt werden, durch Fäkalien laufen müssen oder mit Flüssigkeiten bespritzt werden, wie es kürzlich vorgekommen ist. Das ist für eine Universität kein zuträglicher Zustand.

Mit welchen konkreten Beschwerden sind Studierende und Mitarbeiter denn an Sie herangetreten?

Es gibt seit Jahren - und in den vergangenen Wochen und Monaten gehäuft - Beschwerden von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die sagen, dass sie den Westeingang des KG II oder den Ausgang der Tiefgarage nicht benutzen, weil sie befürchten, dort angepöbelt zu werden. Das sagen auch Studierende, die sich jedes Mal dreimal überlegen, ob sie dort langlaufen.

Ich bin selbst auch schon angepöbelt worden. Wenn das ein- oder zweimal vorkommt, dann kann man darüber hinwegsehen, aber wenn sie jeden Morgen, wenn sie an ihren Arbeitsplatz gehen, zum Gruß einen Pöbelspruch hinterher gerufen kriegen, dann fühlen sie sich gestört.

Es ist mir neulich auch berichtet worden, dass zwei behinderte Studierende ob ihrer Behinderung angepöbelt worden sind.

In Kommentaren auf fudder beschwerten sich Studierende auch darüber, dass ein Lernen im Juristischen Seminar durch die hohe Lärmbelästigung unmöglich sei.

Das Lärmproblem ist überhaupt nicht primär: die physikalischen Probleme sind größer als die akustischen. Die Menschen auf dem Platz mögen manchmal auch Lärm machen, das ist im Sommer anders als im Winter, wenn mehr Hunde da sind oder Leute sich streiten. Wir haben als Universität in Innenstadtlage durch Demonstrationen, Gaststätten oder Straßenmusik ganz andere Lärmbelästigungen.

Machen Sie sich Sorgen um die Außenwirkung der Universität?

Es geht auch um Gäste - und nicht nur um die aus Harvard. Wir haben Gäste aus ganz Europa, aus Japan, aus Übersee. Für die ist es schlicht unverständlich, das Menschen vor dem Haupteingang unserer Universität lagern. Es geht mir aber in erster Linie um unsere Studierenden und unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Wie viele Studierende haben sich denn bei Ihnen offiziell beschwert?

Wir haben in den letzten Wochen vielleicht acht bis zehn konkrete Beschwerden erhalten.

Wenn ich Studierenden darauf anspreche, sagen die mir: 'Wir haben nichts gegen die Leute persönlich, das sind arme Menschen, denen wir helfen müssen, aber es kann nicht sein, dass man auf dem Weg in die Universität an einem Schlachtfeld vorbei läuft, das schlimmer aussieht als eine Bahnhofsunterführung.'

Vor zweieinhalb oder drei Jahren hat der Jahrgangsbeste bei der Absolventenfeier in seiner Rede darüber gesprochen und uns vor der versammelten Festgesellschaft, den Absolventinnen und Absolventen und ihren Eltern gesagt, dass es ein Unding sei, dass die Universität mit so einer Situation konfrontiert sei, ohne dass das abgestellt würde oder ein Versuch der Besserung unternommen werde.

Wenn die Belästigungen so massiv sind: Wie kommt es, dass es bisher keine Anzeigen von Studierenden gab und die Polizei die Lage auf dem Platz als friedlich bewertet?

Ich kann nur darüber spekulieren, warum sich die Studierenden nicht so lautstark äußern, dass es zu einem polizeilichen Einschreiten kommt: Unsere Studierenden wechseln alle vier Jahre, und dieses Problem ist schon viel älter.

In den Jahren 2000 bis 2002 haben Studierende sich über die Lage auf dem Platz beschwert. An einer Unterschriftenaktion haben sich damals rund 1.600 Studierende und Mitarbeiter beteiligt. Das hat dann zusammen mit weiteren Bemühungen meines damaligen Amtsvorgängers und der Uni dazu geführt, dass sich Polizei und Stadt dieses Problems angenommen haben. Danach trat eine zeitweise Besserung ein.

Studierende sollen aus dem Juristischen Seminar heraus Wasserbomben und Eier auf die Menschen auf dem Platz geworfen haben. Was sagen Sie dazu?

Wenn das wirklich so gewesen ist, dann kann, dann darf das nicht sein. Das ist rechtswidrig, das tut man nicht. Wenn ich wüsste, dass jemand so etwas macht, würde ich einschreiten.

Wie kann denn eine Lösung des Problems aussehen?

Ich will bei solchen sensiblen Fragen nicht die Gesprächsatmosphäre aufheizen, indem ich Vorschläge mache, bevor ich mit den Leuten gesprochen habe, die es etwas angeht und die unmittelbar zuständig sind.

Die Frage ist nur, wie weit ich kommen werde. Ich bin seit dem 1. Oktober Dekan, und die Amtszeit beträgt nur zwei Jahre. Ich gehe aber davon aus, dass es nicht so lange dauern muss, bis die Behörden eine Lösung umsetzen.

Unsere Gesellschaft muss es auch aushalten, wenn jemand sich nicht oder nur im begrenzten Maße helfen lassen will.

Das ist richtig. Aber dann bleibt zum einen immer noch die Frage der Außendarstellung der Universität, und zum anderen ist es auch eine einfache Lösung, es nicht weiter zu versuchen und die Leute mit allen weiteren Begleiterscheinungen vor der Universität liegen zu lassen. Das kann in einem Sozialstaat nicht das Ergebnis sein.

Wie sieht ihr Zeitplan aus?

Ich möchte möglichst zeitnah auf die Stadt zugehen. Wenn ein Problem so lange da ist, ist das keine Frage von Tagen. Aber ich möchte, dass möglichst bald der Kontakt hergestellt wird, damit die Sache nicht über Medien transportiert wird, sondern es konstruktiv weitergeht.

Müssen die Studierende sich vielleicht auch ein dickeres Fell wachsen lassen - und toleranter werden, wenn sie im Studienalltag mit typischen Erscheinungen von Innenstadtleben konfrontiert werden?

Ich weiß, dass wir eine Innenstadtfakultät sind, und dass das eine besondere Situation und Lebenssituation ist, die Konsequenzen hat. Die Stadt macht es sich vielleicht ein bisschen einfach, wenn sie sagt, sie wüsste von nichts. Dann werden sie bald etwas erfahren.

Zur Person

Professor Dr. Alexander Bruns, LL.M. (Duke Univ.) ist Professor für Bürgerliches Recht und Zivilprozessrecht, Direktor desInstituts für Deutsches und Ausländisches Zivilprozessrecht (Abteilung 2). Seit Oktober 2012 ist der 46-Jährige Dekan der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.

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[Foto 1: BZ-Archiv/Ingo Schneider, Foto 2: Privat]