Interview mit Cyrus Farivar zum NSA-Abhörskandal: "Wir wissen noch nicht, was das bedeutet"

Martin Jost

Vor zwei Jahren stellte der amerikanische Tech-Journalist Cyrus Farivar sein Buch "The Internet of Elsewhere" in Freiburg vor. Im fudder-Interview sagte er damals, Deutsche misstrauten eher Unternehmen beim Umgang mit ihren Daten, Amerikaner dagegen der Regierung. Wir wollten von ihm wissen: Wie wird der NSA-Abhörskandal in den USA gesehen? Wann kommt die Empörung? Und steigt die Wertschätzung für den Datenschutz?






Wie schätzen die US-Amerikaner es ein, dass Sicherheitsbehörden Metadaten über praktisch die gesamte elektronische Kommunikation sammeln?



Cyrus Farivar: Ich fürchte, die meisten - nicht besonders technikaffinen- Menschen können sich nicht ausmalen, was das Datensammeln bedeutet und wie weit es über das hinaus geht, was früher möglich war. Einigen ist es schlicht egal. Es herrscht die Einstellung vor: „Ich habe nichts zu verbergen, was ist so schlimm daran?“ Das macht mich traurig.

Auf der anderen Seite hat in der letzten Woche der Kongress Vertreter des Justizministeriums sehr scharf befragt. Vielleicht kann wenigstens er die Haltung der Regierung beeinflussen. Opposition gibt es durchaus vonseiten der Technologie- und Rechtsexperten. Die American Civil Liberties Union und die Electronic Frontier Foundation haben Gerichtsprozesse angeschoben, die ohne Edward Snowdens Enthüllungen nicht denkbar gewesen wären. Und ich hoffe, dieser Widerstand nimmt noch zu.

Würdest du sagen, die Einbußen bei der Privatsphäre sind ein fairer Preis für die angeblich höhere Sicherheit?

Nein, das finde ich nicht. Eine Handvoll Bösewichte zu schnappen ist nicht diese massive, flächendeckende Übewachung von über 300 Millionen Amerikanern wert. Ein Beispiel ist das automatische Scannen und Speichern von Autokennzeichen. Allein der Landkreis Marin County hat in einem halben Jahr 617.000 Nummernschilder gescannt – um 27 gestohlene Autos zu finden. Ich habe für einen Artikel auf arstechnica um die Herausgabe meiner eigenen Kennzeichen-Daten gebeten, die teilweise unbegrenzt gespeichert werden.

Und es scheint überzeugende Beweise zu geben, dass das FBI mehr falsche Terroranschläge verhindert hat als echte.

Warst du von Edward Snowdens Enthüllungen überrascht?

War ich, ja. Ich wusste oder glaubte zu wissen, dass die Regierung Überwachung durchführt. Aber ich dachte – naiv? –, dass sie viel gezielter vorgehe als Telekommunikationsdaten von jedem einzelnen Amerikaner zu sammeln. Es ist wichtig, das zu wissen und eine Debatte darüber zu führen. Ich hoffe wirklich, dass PRISM eingestellt wird.

Wie hast du dein Verhalten online geändert, seit du von den Ausmaßen der NSA-Spionage weißt?

Ich versuche ohnehin, online wenig Spuren zu hinterlassen. Ich nutze ab und zu ein kostenpflichtiges VPN mit wechselnden IP-Adressen, aber ich surfe nicht grundsätzlich mit Tor. Leider ist Verschlüsselung noch viel zu umständlich für die meisten normalen Nutzer. Wenn es einen Service von der Qualität von G-Mail gäbe, aber mit Ende-zu-Ende-Verschlüsselung, wäre das ideal. Ich fürchte, das wird noch eine Weile dauern.

Du hast ein Buch über das Internet in ganz verschiedenen Gesellschaften geschrieben. Findest du immer noch, dass die USA ein Land sind, dessen Bürger relativ große Freiheitsrechte und Privatsphäre genießen?

Ich glaube, das amerikanische Internet ist ziemlich frei – in dem Sinne, dass nichts zensiert ist und die Leute nicht viel von den Überwachungsmaßnahmen mitbekommen.

Meine Erfahrungen in Deutschland haben mir gezeigt, dass es andere – und ich finde, bessere – Möglichkeiten gibt, Datenschutz anzugehen. Ich finde es großartig, dass Deutsche Anspruch darauf haben, ihre bei Firmen und Regierungen gespeicherten Daten einzusehen, sie zu verändern oder löschen zu lassen.

In den USA gilt in der Rechtsprechung bisher die so genannte “third party doctrine” – demnach hat man jeden Anspruch auf Schutz seiner Daten verwirkt, wenn man sie einmal irgendeiner Institution zur Verfügung gestellt hat. So eine Regel würde in Europa niemals durchgehen – und ich hoffe, dass sie auch hier abgeschafft wird.

Zur Person


Cyrus Farivar
ist Technologiejournalist und Autor des Buches “The Internet of Elsewhere”. Er war unter anderem Redakteur und Moderator der Sendung “Spectrum” bei der Deutschen Welle. Heute lebt er in Oakland, Kalifornien, und ist Leiter des Business-Ressorts beim Technikmagazin http://arstechnica.com/author/cyrus-farivar/" titel="">Ars Technica. Eine ungekürzte Version des Interviews auf Englisch hat fudder-Autor Martin Jost in seinem Blog veröffentlicht: Interview with Cyrus Farivar: "Better ways of thinking about data protection".

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[Bild 1: dpa; Bild 2: cc: by-nc-sa David Sasaki]