Indien ist überall

Manuela Müller

Indien ist in! RTL2 überschwemmt uns mit Bollywood-Epen, die Buchindustrie mit indischer Literatur, was die Mode angeht, hat Indien schon seit den 68ern großen Einfluss. Dass aber auch die indische Musik mehr als nur Panjabi MC zu bieten hat, versucht uns DJ Keralaboy alias Sherry Kizhukandayil (Foto: Mitte) aus Heidelberg näher zu bringen. Manuela hat sich mit ihm über Bollywood, die Clubszene in Indien und mehr unterhalten.



Wie seid ihr auf die Idee gekommen, Partys mit indischer Musik zu machen?

Sherry: Ende 2001 gründete ich das Projekt Ambassador Network, welches sich zum Ziel gesetzt hat, in den Bereichen Booking, Design, Events und Promotion "Indian Styles" zu supporten. Das heißt, seit Ende 2001 veranstalten wir indische Partys, unterstützen junge indische Künstler aus dem deutschsprachigen Raum und vermitteln indischen Bands aus dem Ausland Auftritte hier in Deutschland. In den letzten fünf Jahren konnte ein blühendes und kreatives Netzwerk aufgebaut werden. Das Ganze startete mit einer Party, die noch unter dem Namen "The Sounds of Taj Mahal" lief im Mai 2002, damit wollte ich aufmerksam machen auf "Ambassador Network" bei der südasiatischen Community, aber auch den Deutschen zeigen, wie vielfältig und cool indische Musik sein kann. Die Resonanz war unglaublich: Über 900 Leute feierten den ganzen Abend zu indischer Musik, man bedenke das war 2002, vor Panjabi MCs Megahit und vor dem Bollywoodhype!

Wie haben die ersten Bombay Boogie Nights im Vergleich zu heute ausgesehen?

Sherry: Es gibt keine großen Unterschiede zur ersten Bombay Boogie Night im Januar 2003 und 2006. Wir haben von Anfang an zum Ziel gesetzt, verschiedene Musikstile zu präsentieren, haben uns nicht beschränkt z. B. auf Bollywood und Bhangra, wie viele andere Veranstalter es machen. Was ich auch nicht gut finde, dass auf vielen indischen Partys, auch Black Music gespielt wird, was ja überhaupt nichts zu tun hat mit Indien. Wir spielen also neben Bollywood und Bhangra, auch elektronische Musik mit indischem Touch, südindische Musik, indische Clubmixe und vieles mehr. Wir wollen das Publikum von Anfang an bis zum frühen Morgen mit indischer Abwechslung zum Rocken bringen! In den letzten Jahren hatten wir sehr viele Künstler/innen aus dem In- und Ausland. Der bekannteste Künstler hier ist ja Panjabi MC und dieser hatte seinen ersten Deutschlandauftritt bei uns in Heidelberg, zwei Monate später eroberte er die Charts. Im nächsten Jahr werden wir verstärkt indische Live-Bands präsentieren, da in letzter Zeit einige wirklich interessante Acts entstanden sind.

Profitiert ihr vom Bollywood-Hype oder nervt der euch eher?

Sherry: Es ist schon schön zu sehen, wie Indien in aller Munde ist, so erreicht man noch mehr Menschen, welche sehen, dass wir nicht nur begabte IT-Inder, Armut, heilige Kühe und so haben, sondern auch wunderschöne Musik machen, herzergreifene Filme produzieren, und in diversen Dokus wurde das Land Indien auch in einem anderen Licht gezeigt. Wir selber profitieren jetzt nicht sehr von diesem Hype, denn wir machen ja das nicht wegen des Hypes, sprich auch vor dem Hype waren die Partys von uns gut besucht und wir haben abseits von Hypes und Trends eine Bombay-Boogie-Night-Gemeinde aufgebaut. Wie sagt man so schön "Trends kommen und gehen", aber wir werden auch weiterhin Musik auflegen, veranstalten und aktiv sein, wenn der Hype zu Ende ist.

Solche Geschichten haben ihre guten Seiten, wie z. B. dass jetzt viele Deutsche etwas mit den Begriffen Bollywood, Indien und Bhangra anfangen können. Die schlechten Seiten sind bei solchen Hypes, dass das Thema ausgebeutet wird, bis nichts mehr gehen wird: Es gibt eine Welle an billigen Bollywoodpartys, Ipods im Bollywoodstyle werden verkauft, DJs werden am DJ Pult belagert wegen RTL2 Filmmusikwünschen, diverse Bollywoodmagazine, die alle eigentlich nur das selbe berichten und – der Bollywoodhype wird nur um eine Person aufgebaut Mr. Shah Rukh Khan...

Woher hast du deine Plattenauswahl? Kommt jeder an den Sound der Bombay Boogie Nights ran?

Sherry: Durch unser Netzwerk bekommen wir regelmäßig per Post direkt Sachen geschickt von den Künstler/innen und Labels aus aller Welt. Ansonsten schaue ich auch regelmäßig bei unserem Plattenladen hier in Heidelberg nach neuen Scheiben. Die meisten Sachen aus der Bollywood- und Bhangramusikwelt bekommt man beim Inder um die Ecke. Bei den elektronisch indischen Sachen und Clubremixen wird es schon schwerer. Einen kleinen Einblick vom Bombay-Boogie-Night-Sound gibt es ja auf der ersten Bombay Boogie Night Compilation zu hören, nächstes Jahr kommt Vol.2 und eine Mix-CD soll jetzt auch regelmäßig veröffentlicht werden, die man dann bei den Partys bekommt. Die Leute fragen nämlich ständig: Ich möchte die Musik auch zu Hause hören oder im Auto;-)

Was ist zur Zeit deine Lieblingsplatte?

Sherry: Bollywood: Der Soundtrack "DON"
Bhangra: K.S. Bhamarah "The Return"
Asian Underground/Indian Electro: MIDIval Punditz "MIDIval Times"
Indian Hip Hop/Soul: Rishi Rich Project "The Project"

Wer waren Wegbereiter der indischen Musik in die Clubszene?

Sherry: Die wichtigste indische Clubszene ist auf jeden Fall, die aus UK. Alle anderen Länder richten sich nach dem Sound, Style etc. aus dem britischen Königreich. Einer der wichtigsten Motoren sind die DJs und Radiomoderatoren Bobby Friction und Nihal, welche mit ihrer wöchentlichen Radioshow auf BBC Radio 1 über 200 000 Zuhörer weltweit haben. Sie haben einfach das richtige Gespür für gute Clubmusik. Des weiteren gehören sie zu den gefragtesten indischen DJs weltweit, da sie logischerweise durch ihre Radioshow immer auf dem aktuellsten Stand sind in Sachen indischer Clubmusik. In London präsentieren sie außerdem ihre eigene Partyreihen Bombay Bronx (mehr indischer Hip Hop / Bhangra / Soul) und Friction (mehr elektronisch / alternativ).

In Indien haben beide jeweils schon eigene Compilations herausgebracht, welche in den Top 3 der indischen Charts waren. Dank einer von Bobby Friction zusammengestellten Compilation für einen Bollywoodfilm fand auch der Hit "Mundian to bach ke" von Panjabi MC seinen Weg nach Indien. Durch diese Compilation namens "BOOM", bekam im allgemeinen der indische Sound aus England, neue Fans aus dem Heimatland Indien. Wir und die Bombay-Boogie-Night-Besucher in Heidelberg hatten auch immer sehr viel Spaß mit Bobby Friction und Nihal, und beide sind auch am 2. Dezember zu Gast auf der ersten Bombay Boogie Night in der Hauptstadt. Wir hoffen, dass wir auch bald die beiden sympathischen Jungs den Freiburgern präsentieren können.

Wie sieht die Clubszene in Indien aus?

Sherry: Am meisten geht etwas in den Metropolen Bangalore, Mumbai (Bombay), New Delhi, Chennai und Pune. Auch in Indien unterscheidet man gerne kommerzielle Musik und Underground. Es gibt sehr schicke und moderne clubs, aber auch eine alternative Szene. Die Städte Bangalore und Mumbai bezeichnet man gerne als Rockstädte, das kann ich persönlich auch nur bestätigen. In Bangalore durfte ich mit 3000 indischen rockfans auf einem Unigelände zu lokalen Bands rumspringen und indische Rockmusik genießen! Das Nachtleben in Indien ist sicherlich entwicklungsfähig, aber ist auf jeden Fall auf dem richtigen Weg, und es gibt jetzt schon für jeden etwas.

Was habe ich auf einer deiner Bombay Boogie Nights in Deutschland zu erwarten?

Sherry: Die Indienfans erwartet ein ultimativer und energievoller Karma-Soundmix aus Bhangra, Bollywoodsound, Asian Underground, indischem Hip Hop und Soul, Reggeaton und Ragga. Die Besucher bekommen bei den Bombay Boogie Nights einen Hauch von Indien, sprich leckeres indisches Fingerfood, indische Deko, indische Visuals und einen breiten Einblick in verschiedene indische Musikstile.

Wie würdest du euer Publikum beschreiben?

Sherry: Das Publikum macht die Bombay Boogie Nights so besonders: Wir haben meistens eine Mischung aus jeder Zielgruppe, sei es Hip Hopper, Weltmusikfreunde, Elektrofans, RTL2-Bollywoodanhänger, Indienurlauber, Hippies, Südasiaten und andere Nationalitäten. Jeder kann kommen und sich auf indische Musik freuen!


Was: Bombay Boogie Night
Wann: Freitag, 17. November 2006, ab 22.00 Uhr 
Wo: Waldsee Freiburg
Musikstil: Bollywood, Bhangra, Desi Hip Hop, Masala Soul
Line Up: DJ Keralaboy, DJ Pinju, Bollywood Dance Show by Sheela, Flying Dholis (Bhangra Percussion), LiliOM (Deko)
Web: http://www.bombay-boogie.de/" titel="">Bombay Boogie