In "The Stanley Parable" bestimmt der Erzähler, wo's lang geht

Miriam Helbig

Das Spiel ist grandios, darüber zu schreiben fast unmöglich. fudder-Autorin Miriam Helbig hat es trotzdem getan. Warum man es unbedingt spielen sollte:



Die Russen besiegen, den Gral finden, lila Tentakel verhindern - früher hatten Computerspiele noch echte Enden. Heute gibt es "The Stanley Parable" und die Spielverläufe sind schon mal so vielseitig, wie ein Strauß Wiesenblumen. Das übliche Computer- oder Konsolenspiel glänzt normalerweise mit einer offenen Welt - dahin zumindest geht seit Jahren die Entwicklung. Der Spieler kann sich in einer sogenannten "Sandbox" austoben, er bekommt quasi unbegrenzt viele Möglichkeiten, Spielverläufe und Handlungsstränge geboten. Im Sinne von: "Schreib' dir deine eigene Geschichte!"


"The Stanley Parable" passt einerseits genau in dieses Schema, dann wiederum überhaupt nicht. Weshalb? Es ist schwierig, etwas über dieses Spiel zu schreiben, ohne zu viel zu verraten. In der Ich-Perspektive des Angestellten Stanley beginnt man in dessen Büro. Aus dem Hintergrund ertönt die Stimme eines Sprechers (Kevan Brighting), der Stanleys Gedanken wiedergibt: Alle Kollegen sind verschwunden.

Obwohl Stanley noch nie seinen Schreibtisch ohne Anweisung verlassen hat, begibt er sich ins Labyrinth des Bürogebäudes. Wir laufen durch endlose Gänge, Räume und Treppen, immer begleitet von den Kommentaren des Sprechers. Ein Dialog entsteht nicht - er gibt uns aber Hinweise, Aufforderungen oder Tipps. Denen können wir nun Folge leisten oder es bleiben lassen. Entscheiden wir uns für Letzteres, biegen zum Beispiel an einer Tür mal links statt rechts ab oder laufen in die entgegengesetzte Richtung, entsteht eine neue Geschichte.

Der Erzähler reagiert dann sofort, das Faszinierende daran: Er scheint auf jede Situation vorbereitet zu sein. Mal verhöhnt der Mann im Hintergrund trocken unser Verhalten, dann verliert er sich wieder in Monologen, schimpft gar mit Stanley oder blättert aufgeregt durch seine Manuskripte, weil wir etwas völlig Unvorhergesehenes getan haben. Selbst in andere PC-Spiele schickt uns der Erzähler, in den Weltraum oder in riesige Hallen voller Bildschirme.

Ganz egal, welche Strategie wir wählen, um ihn zu überlisten - der Erzähler ist immer da und lässt keine Zweifel aufkommen: Er hat die Kontrolle über das Geschehen und wir nicht. Das Spiel steuert jetzt den Spieler - und nicht andersrum. "The Stanley Parable" ein Spiel, dass auch nach dem zwanzigsten Mal neue Überraschungen in sich birgt.

Obwohl wir immer nur den Gängen folgen können und Türen hinter uns zufallen, scheinen die Spielmöglichkeiten unendlich. "The Stanley Parable" gehört zu den besten Spielen, die jemals erschienen sind - es ist einzigartig, witzig und unvorhersehbar.



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[Foto: PR]