Zwei Lörracher haben in Sizilien überwintert – und eine Fotodoku draus gemacht

Gina Kutkat

Zwei Selbstständige, zwei Motorräder, ein Pickup, eine Kamera: Der Fotograf Markus Edgar Ruf und seine Freundin Claudia Peters haben den Winter in Sizilien verbracht. Im Interview spricht Ruf über die Reise und die Bilder.

Ihr wart von Dezember bis Februar mit einem Pick-Up-Truck, zwei Motorrädern und einer Leica-Kamera unterwegs. Nicht gerade leichtes Gepäck…

Markus Edgar Ruf: Es ist für uns die ideale Form des Reisens. Wir haben beide schon sehr viele Trips gemacht, entweder nur mit dem Motorrad oder nur mit dem Auto – und es fehlt einfach immer etwas. Hat man nur das Auto dabei, fällt einem als Motorradfahrer eine tolle Strecke auf, die sich toll befahren ließe. Ist man mit den Motorrädern unterwegs, muss man auch bei Regen fahren und hat begrenzten Stauraum.

Ich habe vorher lange auf diese Leica gespart, weil ich eine Kamera wollte, die mich nicht komplett limitiert. Sie hat nur ein Objektiv und ist klein. Ich hatte sie permanent umhängen, weil es eine riesige Motivvielfalt in Sizilien gibt und ich mir Zeit nehmen wollte, mal ohne Kundenauftrag zu fotografieren. Claudia hat einen Foto-Crashkurs von mir bekommen und auch einige der Bilder geschossen – damit ich auch mal auf einem Foto drauf bin.

"Es gibt auch Bilder, die sehr persönlich sind und überhaupt keinen dokumentarischen Charakter haben."

Herausgekommen ist eine Fotoreihe, die ihr "Den Winter übersprungen" genannt habt. Was sollen eure Bilder aussagen?

Unser Ziel war es, das Gefühl, das wir in Sizilien hatten, auf den Bildern einzufangen. Wir wollten keine Reisedokumentation im herkömmlichen Sinn machen. Wir haben uns weder an Denkmälern noch Pilgerstätten orientiert, sondern haben uns Treiben lassen. Meine Freundin ist in Sizilien geboren und kennt sich dort gut aus. Es gibt auch Bilder, die sehr persönlich sind und überhaupt keinen dokumentarischen Charakter haben. Wenn ich meine Freundin zum Beispiel auf der Fähre nach dem Aufstehen fotografiert habe.

Ihr habt euch dazu entschieden, die Bilder ohne Text zu veröffentlichen, warum?

Die Bilder sollen für sich sprechen. Es gibt eine Vielzahl von Reiseführern, die einen eher generellen Blick auf ein Land haben. Da wir aber einen unkonventionellen Weg gewählt haben, wollten wir das Ganze nicht zu Tode planen. Deshalb haben wir keinen Online-Blog oder längere Texte produziert: Es sollte nicht zur Belastung werden, sondern Spaß machen.

"Man wird nirgends auf der Welt so offen empfangen wie in Sizilien."

Wie sah denn euer unkonventionelles Reisen aus?

Die ersten zwei Wochen haben wir in einer Air-BnB-Wohnung verbracht, um runterzukommen. Danach haben wir spontan entschieden, wohin wir fahren. Ohne Plan, ohne Route. Dieses Treibenlassen, das eher unkonventionelle Reisen, war uns sehr wichtig. Es hat sich angeboten, die Insel sternförmig zu erkunden: Wir waren erst im Westen der Insel, dann haben wir in den Bergen übernachtet und sind dann nach Catania rüber, das ist an der Ostküste. Anschließend waren wir noch im Norden und sind dann nochmal in den Osten zurück.

Wie nah seid ihr den Menschen und der italienischen Lebensweise gekommen?

Meine Freundin spricht fließend Italienisch, sie ist der Türöffner für alles gewesen. Wobei man nirgends auf der Welt so offen empfangen wird, wie in Sizilien. Wir hatten immer eine Menschentraube um uns herum und wurden oft zum Essen eingeladen. Ich habe den Satz auf Italienisch gelernt "Entschuldigung, dürfte ich ein Porträt von Ihnen machen?" und damit viele Leute angesprochen. Ganz oft habe ich aber auch einfach fotografiert – zum Beispiel im Vorbeilaufen – und die Menschen danach angesprochen. Dadurch haben die Bilder nicht diesen typischen Porträtcharakter, weil die Stimmung anders ist, wenn jemand nicht weiß, dass er fotografiert wird.

Gibt es einen Moment, der eure Sizilienreise am besten zusammenfasst?

Es gab eine Schlüsselsituation: Als wir mit der Fähre zurückfahren wollten, haben wir um 15 Uhr eine SMS bekommen mit der Info, dass sie nicht fahren wird. Wir sollten uns ein oder zwei Tage später bereit halten – so läuft das in Sizilien. Ich habe sofort gedacht: "Super, noch einen Tag länger". Das hatte ich bisher nie auf meinen Reisen, irgendwann habe ich mich immer auf Zuhause gefreut. Dieses Mal wäre ich gerne länger geblieben. Das Gefühl, morgens in der Sonne einen Espresso zu trinken, der zu 99 Prozent gut schmeckt, das Leben auf der Straße zu genießen und diese Lebensqualität zu spüren – das fehlt in Deutschland komplett.

In eurer Beschreibung heißt es "Zwei Selbstständige starten den Versuch des Überwinterns". Ist der Versuch geglückt und wenn ja, wo überwintert ihr nächstes Jahr?

Es hat super geklappt, wir konnten die sechs Wochen gut genießen und werden das auf jeden Fall nächsten Winter wiederholen. Effektiv habe ich vielleicht zwei Tage gearbeitet, die Fotoserie zählt da nicht dazu. Dafür hat sich eine Menge angestaut, das muss ich jetzt abarbeiten. Wir sind tatsächlich am überlegen, ob wir nochmal Sizilien anpeilen, aber auch Japan und Südafrika stehen zur Auswahl.
Markus Edgar Ruf, 35, studierte Fotografie und Grafikdesign an der FHF in Freiburg. Dem selbstständigen Fotograf gehören zwei Büros für Konzeptionelle Fotografie & Gestaltung – eins in Freiburg und eins in Lörrach.

  • Was: Foto-Ausstellung "Den Winter übersprungen"
  • Wann: ab 27. März
  • Wo: Piano – la Bottega in Lörrach