fudder-Interview

In diesem Workshop in Freiburg sollen schwarze Jugendliche gestärkt werden

Valentin Heneka

Ein Workshop im Freiburger Jugendzentrum LetzFetz bietet Empowerment für Schwarze Jugendliche an. Trainer Tsepo Bollwinkel erklärt, was Empowerment ist und was es mit dem Kolonialismus zu tun hat.

Der Workshop in Freiburg richtet sich an Schwarze Jugendliche zwischen 12 und 16 Jahren. Was ist eigentlich Schwarz?

Tsepo Bollwinkel: Ganz wichtig: Schwarz ist keine Hautfarbe. Es gibt keine schwarze Hautfarbe. Schwarz ist ein politischer Begriff, den sich Menschen selbst ausgesucht haben, die eine Erfahrung teilen. Als nicht-weiße Menschen sind sie von Rassismus sowie, über die Generationen hinweg, vom Kolonialismus betroffen. Dass die überwältigende Mehrheit dieser Menschen eine dunklere Hautfarbe hat, ist dabei nicht das Wesentliche.

Wichtig ist, dass "Schwarz" eine Selbstbezeichnung ist – im Gegensatz zu den vielen anderen Wörtern für diese Gruppe von Menschen. Im deutschen Sprachgebrauch hat sie sich in den letzten 30 bis 40 Jahren in Empowerment-Prozessen herausgebildet. Sie wehrt sich gegen jede Fremdzuschreibung, im Sinne von: Moment, wir sagen selbst, wer wir sind und nicht ihr. Um diesen Charakter zu markieren wird "Schwarz" in diesem Zusammenhang immer groß geschrieben, auch als Adjektiv.

"In jeder und jedem von uns schlummern Ressourcen, die uns stark und kräftig machen."

Was ist Empowerment?

Empowerment lässt sich am besten mit Selbstermächtigung übersetzen – was schrecklicher klingt, als es ist. Es bedeutet, dass von Marginalisierung, Diskriminierung oder Unterdrückung betroffene Menschen sich Räume schaffen und daran arbeiten, sich die Macht, die ihnen von der Gesellschaft nicht zugestanden wird, zurück zu holen.

Wo setzen Sie dabei an?

In jeder und jedem von uns schlummern Ressourcen, die uns stark und kräftig machen. Für Jugendliche ist wichtig, dass sie diese Ressourcen in sich finden. Die Gesellschaft sagt ihnen, dass sie schwach sind und drängt sie in eine Opferrolle. Da müssen die Jugendlichen wahrnehmen und sich aktiv bemühen, ihre Stärken zu finden.

Als Gemeinschaft teilen wir – ich bin ja auch Schwarz – eine lange Geschichte, in der Stärke zu finden ist. Dafür muss man die Geschichte aber kennen oder wissen, wo man suchen muss. In Ländern, in denen mehrheitlich Schwarze Menschen leben, wird die Geschichte mündlich weitergegeben. In Deutschland ist das nicht der Fall, viele Jugendliche haben nur ein Schwarzes Elternteil oder gar keins, etwa weil sie adoptiert wurden. In der Schule lernen die Jugendlichen diese Geschichte erst recht nicht.

Haben Sie ein Beispiel?

Als meine eigenen Kinder klein waren, war es für sie wichtig, eine Gegenfigur zu den ganzen weißen und mehrheitlich männlichen Schöpfern technischer Errungenschaften zu haben. Zu wissen, dass Menschen mit ihren Erfahrungen auch Dinge erschaffen haben. An jeder Verkehrsampel war es früher ein riesiges Fest – denn die Ampel wurde von Garrett Morgan, einem Schwarzen US-Amerikaner, erfunden.

Schulbücher, in denen bei Wissenschaft, Erfindungen, Erfolg und Kreativität nur alte weiße Kerle zu sehen sind, machen Schwarze Jugendliche schwach. Da setze ich das Empowerment dagegen und sage: Doch, das gibt es alles und du kannst das auch.

"Weiße haben unter anderem das Privileg, mit ziemlich wenig Weltwissen durch die Gegend zu latschen."

Inwiefern teilen Afrodeutsche und Schwarze Geflüchtete gemeinsame Erfahrungen?

Die Lebenswirklichkeiten unterscheiden sich, aber die Erfahrungen sind dieselben. In deutschen Institutionen wird ihnen aufgrund der Hautfarbe unterstellt, dass sie keine Deutschen sein könnten oder Deutsch als Fremdsprache sprechen würden. Auch vor der Disco stehen alle zusammen draußen und kommen nicht hinein, egal ob hier geboren oder gerade erst angekommen. Auf beide werden die gleichen Stereotypen angewendet und die Jugendlichen nicht als Individuen wahrgenommen. Jeder Schwarze junge Mann ist ein potentieller Sexualstraftäter, jede junge Schwarze Frau ein potentielles Sexualobjekt.

Was kann ich als Weißer tun, wenn ich einen diskriminierungsfreien Umgang zu meinen Schwarzen Mitmenschen pflegen möchte?

Zunächst müssen Sie kapieren, dass Sie weiß sind. Das gilt es anzunehmen, ohne sich deswegen angegriffen, beleidigt oder schuldig zu fühlen. Weißsein ist mit Privilegien verbunden, die es ebenso anzuerkennen gilt. Weiße haben unter anderem das Privileg, mit ziemlich wenig Weltwissen durch die Gegend zu latschen. Von den Erfahrungen der vielen Millionen Nicht-Weißen müssen sie noch viel lernen.

In Bezug auf Deutschland heißt das, endlich die Kolonialgeschichte in ihrer ganzen Dimension aufzuarbeiten. Die Mehrheit hier weiß nicht, dass Deutschland die drittgrößte Kolonialmacht war. Was ist damals passiert und warum? Was bedeutet das heute, für die betroffenen Gesellschaften und uns? Wir, auch ich, leben heute in dem Reichtum, den diese himmelschreiende Ungerechtigkeit produziert hat. Und es geht weiter: Die Menschen in den Textilfabriken in Bangladesch sind heute in einer ähnlichen Situation wie meine Vorfahren vor 200 Jahren.

Darüber kann man Bücher lesen oder von mir aus auch Youtube-Videos schauen. Vieles davon ist schrecklich und muss erstmal verdaut werden. Aber aus diesem Wissen gilt es so verantwortlich wie möglich Konsequenzen zu ziehen und Verantwortung anzunehmen, ohne gegenseitige Schuldzuschreibungen. Da sind wir dann alle gefragt.
Zur Person

Tsepo Bollwinkel, geboren 1961, wuchs als Schwarzer Südafrikaner im deutschen Exil auf und lebt in Lüneburg. Bollwinkel arbeitet als klassischer Musiker und ist in der politischen Bildung zu Schwarzer Identität, Critical Whiteness, SOGI ( sexuelle Orientierung/geschlechtliche Identität) in der internationalen Zusammenarbeit und Empowerment tätig. Aktivistisch ist er in der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland engagiert.

  • Was: Black is Beautiful – Empowerment Workshop für Schwarze Jugendliche (etwa 12 bis 16 Jahre)
  • Wann: Samstag, 6. April 2019, 10 bis 18 Uhr
  • Wo: Jugendzentrum LetzFetz, Ferdinand-Weiß-Straße 6b, 79106 Freiburg
  • Teilnahme: kostenfrei