Interview

In der Freiburger Tafel gibt es weiterhin Lebensmittel für alle Nationalitäten

Joshua Kocher

In der Essener Tafel werden seit Januar nur noch deutsche Hilfsbedürftige als Neumitglieder aufgenommen. In Freiburg sei so ein Schritt nicht denkbar, sagt die Leiterin der Freiburger Tafel.

Mit der Entscheidung nur noch Hilfsbedürftige mit deutschem Pass als Neumitglieder aufzunehmen, sorgte die Essener Tafel zuletzt für Schlagzeilen. Begründet wurde diese Entscheidung damit, dass dort inzwischen etwa drei Viertel der Kunden aus dem Ausland stammen und die "deutsche Oma" angeblich aus dem Laden drängen. Mehrere Hilfsorganisationen kritisieren diesen Schritt. Joshua Kocher hat mit der Leiterin der Freiburger Tafel, Annette Theobald, darüber gesprochen, ob eine solche Ausgrenzung auch in Freiburg in Frage käme.


Frau Theobald, darf ein gemeinnütziger Verein wie die Tafel, der ursprünglich von christlichen Gemeinden gegründet wurde, Menschen aufgrund ihrer Herkunft ausgrenzen?

Theobald: Wir wollen nicht trennen zwischen Menschen mit Migrationshintergrund und deutschen Staatsbürgern. Das passt nicht in unser Konzept. Auch Notmaßnahmen wie unterschiedliche Öffnungszeiten für Flüchtlinge und die einheimische Bevölkerung standen bei uns zu keinem Zeitpunkt zur Diskussion. Wir vertreten die Auffassung, dass Menschen ohne deutsche Staatsbürgerschaft die Möglichkeit bekommen sollten, sich bei uns einzuordnen. Das macht meiner Meinung nach eine gelungene Integration aus.
Annette Theobald, 64, arbeitete als Orthoptistin und engagiert sich bei der Freiburger Tafel seit deren Gründung im Jahre 1999. Seit 2011 ist sie deren Vorsitzende.

Teilen Sie die Meinung Ihres Essener Kollegen, ausländische Bedürftige würden ältere, deutsche Leute verdrängen?

Theobald: Erfahrungsgemäß ist es auch für uns schwierig, ältere Menschen mit Grundsicherung zu erreichen. Viele von ihnen schämen sich, bei uns in der Schlange zu stehen. Ihr niedriger Anteil an der Gesamtkundschaft hängt jedoch nicht mit der steigenden Zahl ausländischer Bedürftiger zusammen, die zweifelsohne auch bei uns seit 2015 massiv angestiegen ist. Bei uns kaufen zu etwa 60 Prozent Menschen ein, die keinen deutschen Pass besitzen – darunter auch viele Russlanddeutsche.

Wie wird eigentlich in der Freiburger Tafel geregelt, wer wie oft einkaufen und wer zuerst in den Laden darf?

Theobald: Bei uns wird nach Bedürftigkeit entschieden. Der Alleinlebende darf zum Beispiel nur drei Mal pro Woche einkaufen, eine Großfamilie hingegen täglich. Die Reihenfolge am jeweiligen Tag wird über unser Losverfahren bestimmt, bei dem jeder Kunde eine Nummer zieht.

Gibt es da auch mal Ärger, weil jemand scheinbar zu kurz kommt?

Theobald: Viele Leute meinen, sie würden am Morgen die besten Produkte bekommen. Das ist aber ein Irrtum, denn es wird über den ganzen Tag hinweg nachgeliefert. Auch können unsere Kunden nicht jeden Tag einkaufen, was sie möchten. Molkereiprodukte sind zum Beispiel meistens Mangelware, dafür gibt es aufgrund der Überproduktion an Weihnachten und Ostern fast das gesamte Jahr über Süßigkeiten. Wir sind wahrlich ein Überraschungsladen.

Mehr zum Thema: