Im Selbstversuch: Der brasilianische Tanz-Kampfsport Capoeira

Sarah Wenzel

Zwischen Kampf, Tanz und Spiel: Der brasilianische Hippiesport Capoeira ist kraftraubend, spaßig - und ähnelt dem echten Leben: Wer nicht aufpasst, hat einen Fuß am Kopf. fudder-Autorin Sarah Wenzel hat den Selbstversuch gewagt:



Ein Typ mit einem einzigen Rastazopf holt mit dem Bein aus, schwingt es nach vorne, und zielt auf den Hals einer Mitspielerin. Die weicht aus und nutzt den Moment, um ihm den Kopf in den Bauch zu rammen. Dann dreht sie sich unter seinem nächsten Kick weg, täuscht einen Tritt an - und versucht, ihm die Beine wegzuziehen. Der Rastaman wechselt in den Handstand. Ich stehe daneben, und verabschiede mich in Gedanken von meinen noch intakten Knochen. Vielleicht ist Capoeira doch nicht der richtige Sport für mich.

Es ist 20 Uhr 30 am Dienstagabend: In der Hoffnung, am Ende des Abends schwindelerregende Kicks und Drehungen zu beherrschen, habe ich mich in der Turnseehalle in Wiehre zum Training der Capoeira-Gruppe Angola Dobrada eingefunden.

"Capoeira ist mehr als akrobatische Tricks und Kicks aus dem Handstand", sagt mein Trainer für den heutigen Abend, Gerhard Borchert. Ursprünglich wurde der Sport wohl von westafrikanischen Sklaven in Brasilien entwickelt, die damit zwei Verbote auf einmal umgingen. Der Erhalt afrikanischer Traditionen war damals ebenso wie jede Art von Kampfsport untersagt. So entwickelte sich ein Tanz, in dem eben ab und zu getreten wird, der aber genauso von afrikanischen Kreistänzen inspriert ist.

Heute gibt es zwei Capoeirarichtungen: Die traditionelle Capoeira Angola, die hier trainiert wird und die Capoeira Regional, die Elemente aus Kampfsportarten enthält und schneller und aggressiver gespielt wird.

Gespielt? Gerhard erklärt: "Capoeira ist weder Kampf noch Tanz, es ist ein Spiel. Manche spielen sie wie Fußball, manche wie Schach oder Ballett. Jeder hat seinen eigenen Stil." Ihm sage man nach, dass er Capoeira wie Schach spiele, berechnend und vorausschauend.



Das Training beginnt. Ganz entspannt finde ich das alles zu Beginn, als Matthias Heldmann, der zweite Trainer, mir den Grundschritt, die Ginga, erklärt. Weiter geht es mit dem "Aù", einer Art flachem Rad, dann kommen Fußwechsel und niedrige und hohe Kicks - "Martelos".

Nach einer guten Viertelstunde kleben mir sämtliche Klamotten am Körper, dabei hat das eigentliche Training noch nicht einmal begonnen - Trinkpause. Dann wechseln wir von Live-Musik zum Kassettenrekorder, und stellen uns im Kreis auf. Mit Rolês, seitlichen Rollen, geht es nach rechts, nach links, zurück in die Ginga, es folgt Aù nach rechts, nach links, zurück in die Ginga.

Mein Talent, stets rechts und links zu verwechseln, erweist sich als ziemlich fatal.

Capoeira ist Kommunikation

"Im Capoeira gibt es bestimmte Bewegungsfolgen", erklärt Matthias Heldmann, "ähnlich wie die Katas in japanischen Kampfsportarten". Diese zu lernen ist aber nicht der Sinn der Capoeira, es sind eher mehrere zur Auswahl stehende Antworten auf eine Frage.

"Capoeira ist Kommunikation", sagt auch Gerhard, es komme auf das Zusammenspiel der beiden Körper an. So etwas wie einen Gewinner oder Verlierer gebe es in der traditionellen Spielweise nicht, alle sollen Spaß haben, aber auch für das echte Leben üben - im metaphorischen Sinne. "Die Roda, [der Kreis, in dem die Capoeira gespielt wird], ist der Mikrokosmos, sie steht für die ganze Welt. Wie das Leben, ist die Capoeira eine Mischung aus Spiel und Ernst, du musst ständig auf der Hut sein", sagt der erfahrene Capoeirista. Sonst hat man den Fuß am Kopf? "Genau das".



Matthias geht in die Yoga-Position Hund. "Oh wie schön, Entspannung!", denke ich noch. Doch das erweist sich als falsch: Die Capoeira benutzt viele Bewegungen, die nach Tieren benannt sind, Entspannung steht dabei aber nicht gerade im Vordergrund. Die Fortbewegung à la Hund und Krabbe schaffe ich noch, beim "Macaco" muss ich passen: Offenbar laufen Affen in Brasilien per einhändigem Rückwärtsflickflack.

Nur zu gerne folge ich Matthias' Einladung, mich mal als Musikantin zu versuchen, denn dabei kann man sitzen. Musik hat in der Capoeira einen hohen Stellenwert, der Spieler des Haupt-Berimbaus (das Berimbau ist ein brasilianisches Ein-Saiten-Instrument, das wie ein großer Bogen aussieht) ruft die Spieler in den Kreis, gibt den Takt und die Geschwindigkeit des Spiels an, und beendet das Spiel wieder.

Normalerweise werden in einer Roda mehrere Berimbaus gespielt, dazu kommen Tamburine, Rasseln, Trommeln und Reco-Recos. Da wir so eine kleine Roda sind, beschränken wir uns aber auf Berimbau, Tamburin und Reco-Reco.

Erneut treffen sich nun zwei Capoeiristas hockend vor den Musikanten, geben sich die Hände, und gehen direkt aufeinander los. Angriff und Verteidigung gehen so flüssig ineinander über, dass ich es bald aufgebe, gleichzeitig den Takt zu halten, die Melodie mitzusummen, den Text zu verstehen - und dabei noch dem Kampf zu folgen. Um so bemerkenswerter, dass die Spieler damit kein Problem zu haben scheinen: Magdalena singt im Kopfstand mit. "Onde vai Caimã?", singt sie. Auf Deutsch heißt das: "Wohin geht das Krokodil?"



"Willst du nicht auch mal?", fragt Gerhard und deutet mit dem Kopf auf die Mitte der Roda. Ich schaue zweifelnd drein, beim Training vorher konnte ich keinem einzigen Tritt richtig ausweichen. Aber ich bin nicht zum Zuschauen gekommen, und Magdalena erweist sich als außerordentlich freundliche Gegnerin: Mitten im Kick hält sie inne und erklärt mir, wie ich ihr jetzt eigentlich ausweichen sollte.

Obwohl ich nach zwei Stunden Capoeira extrem geplättet bin, macht die Mischung aus Musik, Tanz, Kampf und Akrobatik süchtig. Ob ich am Wochenende noch mal zum Training vorbeikomme? Auf jeden Fall!





Capoeira in Freiburg

Die Capoeiragruppe Angola Dobrada bietet dreimal die Woche Training an. Dazu kommt ein langes Trainingswochenende einmal im Monat. 50 Euro kostet dieses Paket monatlich. Die Trainingszeiten sind:
  • Dienstags 20 bis 22 Uhr, Turnseehalle, Turnseestr. 14
  • Donnerstag 20 bis 22 Uhr, Gymnastikhalle Bertholdsgymnasium, Hirzbergstr. 12
  • Sonntag 16 bis 19 Uhr, Freies Training, Turnseehalle, Turnseestr. 14
Weitere Infos zu Trainingswochenenden und Schnupperterminen findet ihr auf der Website der Gruppe Angola Dobrada.

Capoeira Angola gibt es außerdem auch bei den Filhos de Angola:
  • Dienstags 20 bis 22 Uhr, Erwachsenentraining, Schwerpunkt Capoeira Angola, Sundgauallee 8
  • Donnerstags 17.30 bis 18.45, Uhr Jugendtraining, Sundgauallee 8
  • Donnerstags 19.00 - 21.00 Uhr, Erwachsenentraining, Schwerpunkt Musik und Bewegung, Sundgauallee 8
  • Freitags 16.00 - 17.00 Uhr, Kindertraining, Mütter- und Familienzentrum Klara, Büggenreuterstr. 12
  • Wochenende: Freies Training zweimal monatlich nach Absprache, Sundgauallee 8
Informationen zu Preisen, Workshops und Schnupperterminen findet ihr auf der Website der Filhos de Angola



Capoeira Regional
könnt ihr außerdem bei der Gruppe Terreiro Capoeira Alemanha trainieren:

  • Mittwoch und Freitag, 19.30 Uhr, Sportpark Freiburg, Ensisheimer Str. 5
Weitere Infos zur Gruppe, Anmeldung, Trainingszeiten und Schnupperterminen findet ihr auf der Website der Terreiro Capoeira Alemanha.

Mehr dazu:


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