Online-Dating

Im Großstadt-Tinder-Dschungel

Laura Wolfert

Tindert es sich in Berlin wirklich besser als in Freiburg? Fudder-Autorin Laura Wolfert hat in beiden Städten Erfahrungen gesammelt: inklusive Beleidigungen und Ghosting.

Großstadt gegen Dorf: Traumprinz, wo findet man dich? Fudder-Autorin Laura Wolfert kommt aus Freiburg und wohnt zur Zeit in Berlin. In beiden Städten hat sie die App Tinder genutzt und unterschiedliche Erfahrungen gesammelt. Sie wurde beschimpft und geghostet – und zieht ein Fazit.

"Tinder in Berlin ist ein Traum!", haben sie gesagt. "Dort leben nur heiße Typen und die Auswahl ist riesig!", hieß es. Aus Freiburg bin ich anderes gewohnt. Hier bin ich geboren und aufgewachsen. Zugegeben kein Dorf – trotzdem kennt hier jeder jeden. An sich ist das sehr schön – für Familien. Für junge Menschen, die per Datingapp jemanden kennenlernen möchten, allerdings weniger. Nehmen wir zum Beispiel Tinder: Die App ist schnell durchgespielt. Denn die Auswahl an potentiellen Partnern ist nicht groß. Die Rechnung ist einfach: Je kleiner die Stadt, desto weniger Leute melden sich an. Meiner Erfahrung nach heißt das: Nach Familienmitgliedern, Arbeitskollegen, Ex-Freunden, oder Ex-Freunden von Freundinnen bleiben nicht mehr viele Männer übrig. Natürlich kann ich den Radius, in dem ich suche, auch geographisch erweitern. Doch dann lande ich schnell in der Schweiz und Frankreich. Grüezi? Au revoir!
Dieser Artikel ist zuerst am 10. Februar auf der Berliner Website Noizz veröffentlicht worden. fudder-Autorin Laura Wolfert absolviert aktuell ein Praktikum bei Noizz: Tindert es sich in Berlin wirklich besser als im Uni-Kaff?

Hinzu kommt die Scham, dass Bekannte auf Tinder mein Foto entdecken und wissen, dass ich jemanden suche. Offline gibt es in Freiburg viele schöne Datingplätze – doch jemanden frisch kennenzulernen ist fast unmöglich. Man kennt sich. Man sieht sich. Man redet. Gerade in der Tinder-Welt ist das ein Problem. Schließlich ist die App auch bekannt für "ne schnelle Nummer".

In Freiburg ist ein One-Night-Stand zwar nicht unmöglich, aber oft mit einer unangenehmen Situation verbunden. Denn man wird mit Sicherheit seine Kurzzeit-Affäre irgendwann wiedersehen. Wenn nicht auf der Straße oder in der Mensa, dann in der Universitätsbibliothek. Garantiert. Doch wie sich herausstellt, sind die Nachteile einer kleinen Stadt eigentlich Vorteile. Denn in den vergangenen Monaten musste ich feststellen: In der Großstadt ist alles noch schlimmer.

In Berlin ist das Angebot groß

Ich bin relativ frisch in Berlin – und werde nur für eine bestimmte Zeit in der Stadt bleiben. Bei Tinder stelle ich den Umkreis, in dem ich nach Kontakten suche, von knapp 15 Kilometer auf fünf. Zuerst bin ich begeistert, denn die Auswahl ist riesig! Ich schaue mir die Profilbilder an und wische entweder nach rechts oder links – je nachdem, ob mir jemand gefällt oder nicht. Alles interessante Männer. Viele Schriftsteller, Schauspieler, Künstler. Doch die meisten sind Zugereiste. Kaum einer wohnt in Berlin. Meist geben sie schon den Zeitraum an, in dem sie in der Stadt sind.

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Ich merke schnell, dass die große Auswahl viele Nachteile hat. Bis es zu einem Match kommt, ich also jemanden finde, der mich auch geliket hat, kann es eine Weile dauern. Und dann? Passiert nichts. Denn wie das eben bei einer großen Auswahl ist: Man kann sich nicht entscheiden – und auch ich bin nur eine von vielen. Und wenn man doch ein Match hat und angeschrieben wird, wird es gleich sehr direkt: "Gib mal Deine Nummer. Was suchst Du? Wo bist Du? Was machst Du jetzt?"

In Freiburg war das anders: Da hat man erstmal ein wenig Smalltalk gemacht. Sich angeschnuppert. Man ist vorsichtiger gewesen. Auf Tinder in Berlin fühlt man sich hingegen wie auf dem Jahrmarkt: Groß, schlank, nur ein Kilometer entfernt? Zack, gekauft, jetzt oder nie!

Je kleiner die Stadt, desto kleiner die Auswahl

Und wenn man nicht schnell genug antwortet, wird man manchmal sogar beschimpft. Das ist mir passiert, weil ich mit meiner Nachricht auf mich warten ließ. Mein unbekanntes Gegenüber dachte anscheinend, ich bekäme nicht genug und hätte gar kein wirkliches Interesse, jemanden kennenzulernen. Er hatte die Sorge, ich würde ihn ghosten. Das bedeutet, dass man wie ein Geist verschwindet, indem man sich einfach nicht mehr meldet. Man schreibt sich tagelang hin und her und plötzlich kommt nichts mehr vom anderen.

In Berlin ist Ghosten keine Seltenheit. Den Begriff hatte ich in Freiburg noch nie gehört. Nicht mehr melden geht in einer kleinen Stadt nicht – das Risiko, demjenigen in der Realität wieder zu begegnen, ist groß. In Großstädten wie Berlin sieht man sich hingegen einmal – und dann vermutlich nie wieder.

Doch dann die Hoffnung. Ein nettes Match. Er scheint charmant zu sein, macht Smalltalk. Irgendwann tauschen wir Nummern aus. "Wie hat dir eigentlich mein Text über mich gefallen?", fragt er via WhatsApp und sendet einen anzüglichen Smiley. Ich schaue nach. Er beschreibt sich auf Tinder mit: "1,90. Sportlich. BBC." Mein Journalistinnen-Ich freut sich. Ich frage, wie er dazu kommt, beim Nachrichtensender BBC zu arbeiten. Ich werde eines Besseren belehrt und bekomme ungefragt ein Foto seines Gemächts geschickt. BBC? Das ist die Abkürzung für ein großes Geschlechtsteil. Auch das wäre in Freiburg nicht möglich. Keiner schickt solche Bilder in der Gegend rum – oder protzt damit bei Tinder. Dann kann man sein gutes Stück direkt groß ausdrucken und in die Stadtmitte hängen. Ich erinnere: Hier kennt jeder jeden.

Zusammengefasst: kleine Stadt, kleine Auswahl. Doch dafür ist man in Freiburg eher bemüht, sich angemessen zu verhalten. In Berlin hingegen braucht man sehr viel Geduld und ist nur eine von vielen. Doch im Endeffekt ist es egal. Es geht nicht darum, wo man besser tindern kann. Sondern, wo man "den einen" trifft: Der eine gute Macker – oder den einen, in den man sich verliebt. Ob der gerade da wohnt, wo man tindert, ist reine Glückssache. Klein- oder Großstadt ist völlig egal. Doch manchmal hat man dieses Glück.