Im Brathähnchenwanst: Das Theaterstück "Hannelore" von den Immoralisten

Corinna Mühlbeyer

Dosenravioli, Dirndl, Wut und Verzweiflung: Gestern feierten die Immoralisten mit ihrer Inszenierung "Hannelore" Premiere - einem Stück, das das Schicksal der Hannelore Kohl thematisiert. fudder-Autorin Corinna Mühlbeyer erklärt, wie die Theatergruppe mit bayerischen Klischees spielt, um hinter dieser Maskerade die Gefühlswelt der privaten Hannelore aufzudecken.



Die Stimmung kippt, als das Cello immer kreischender und höher wird, das Licht flackert und die Dosenravioli im Aquarium zu zittern beginnen. Sobald Hannelore zum Abendessen trällert, wandeln sich die Söhne zu wild gewordenen Bestien, die zähnefletschend und auf allen Vieren auf ihre Fressnäpfe gieren. Wieder einmal fällt das gemeinsame Abendessen mit Grellmut aus. Im Kontrast zu der lächelnden Hannelore vermitteln die reißenden Köter, was sich eigentlich in ihr abspielt: Hannelore ist wütend, zornig, oder wie Grellmut sagen würde: herrisch.


Hannelore und Grellmut K, ein mächtiger Politiker - erinnern sie nicht irgendwie an das berühmte Ehepaar Kohl? Der Regisseur Manuel Kreitmeier möchte mit seinem neuen Stück Frauen wie Hannelore Kohl eine Stimme geben, die im Schatten ihres Mannes stehen.

Hannelore, beeindruckend gespielt von Anna Tomicsek, ist das weiße Rehlein an der Seite ihres mächtigen Politiker-Mannes. So bezeichnet sich die hochgewachsene Blondine jedenfalls strahlend selbst und rückt dabei ihr Dekolleté im leuchtend roten Dirndl zurecht. Festen Schrittes geht Hannelore auf ihren hohen Pumps umher, der gestärkte Spitzenkragen gleicht ihrem blonden Haar, dass sich nicht einen Millimeter bewegt.

Der Geruch von kalter Tomatensoße erfüllt die Bühne

Weiß und rein wie ihre frisch gewaschenen Tischtdecken ist das offizielle Leben der Politikergattin mit ihren zwei Söhnen, die dem mächtigen Vater mit ihren „Würstelnasen“ und „Hüstelstimmen“ gleichen. Davon überzeugen kann nur die feste Stimme Hannelores, denn Grellmut tritt in dem Stück selbst nicht in Erscheinung. Die bayerische Idylle scheint perfekt, wenn Hannelore im zünftigen Dirndl und Dauerlächeln mit ihren beiden Söhnen vor einem Bergpanorama sitzt. Suggeriert wird dies durch hohe Felsenplastiken im Hintergrund, gekrönt von einem weißen, leuchtenden Kruzifix.

Hüpfend summen Wolf (Markus Schlüter) und Köter (Jochen Kruß) in Lederhose und kariertem Hemd die bekannte Morgenstimmung-Melodie, fassen sich an den Händen und drehen sich im Kreis. Amüsant wirkt diese überzeichnete Darstellung von Hannelores Mutterglück, die ihre etwas dümmlich wirkenden Jungen mit einem Klaps auf den Hinterkopf zum Schweigen bringt.

Ein Leben lang im Schatten des mächtigen Ehemannes zu stehen, lässt Hannelore aber vor allem verzweifeln und vereinsamen. Schuld daran ist der öde Alltag, der Hannelores Leben abseits der Öffentlichkeit bestimmt. Täglich fallen langsam Essensbrocken aus der Raviolidose in die Blechnäpfe, platschende Geräusche, die die Stille zerreißen. Der Geruch von kalter Tomatensoße erfüllt die Bühne. Das zutiefst gelangweilte Gesicht der Haushälterin spiegelt die Tristesse wider, die Hannelore immer weniger gelingt, wegzulächeln.

Wut und Verzweiflung

„Berg Grellmut ist ein großer Mann. Wir müssen kleine Männer sein“, sagt Hannelore - mehr zu sich selbst als zu ihren Söhnen. Doch ihre Wut und Verzweiflung nimmt immer mehr Überhand. Hannelore verliert sich zusehends zwischen der von ihr geforderten Rolle des weißen Rehleins an der Seite des Politikers und ihrem Wunsch, sich zu verwirklichen. Tragisch spitzt sich die Situation zu, denn „Weibi muss noch schwärzer werden für Grellmut!“. Dann erlischt das Licht.

Hannelore sitzt unter einem rot leuchtenden Haartrockner. Das Lächeln ist verschwunden und einem schmerzverzerrten Gesichtsausdruck gewichen. Diesmal ist es wirklich Hannelore, die spricht, anklagt und sein will wie Lady Diana. Überhaupt irgendjemand sein möchte.

Kurz darauf ist die Bühne wieder hell erleuchtet, und Hannelore verstummt. Mit rötlich verbranntem Gesicht starrt sie ausdruckslos ins Leere. Kein Rufe mehr nach Grellmut, dessen Hunger nach Macht und Brathähnchen sein Leben bestimmt, in dem es keinen Platz mehr für Hannelore gibt. Nach dem Auszug ihrer Söhne bleibt ihr nur ein dunkles Leben im Brathähnchenwanst ihres Mannes, identitäs- und perspektivlos.

Wie die Immoralisten Hannelores Leben im Schatten ihres Mannes enden lassen? Dafür sollte man sich unbedingt selbst die gekonnte Inszenierung der Immoralisten ansehen, die das Publikum bei der gestrigen Premiere das Publikum mit Klischees, technischen Effekten und großer Schauspielkunst begeisterte.



Mehr dazu:

Was: Hannelore
Wann: bis zum 16. November 2013 immer donnerstags, freitags und samstags, 20 Uhr
Wo: Theater der Immoralisten
Eintritt: 17 Euro, ermäßigt 10 Euro