Ich steh'dazu: Ich bin Veganer

Carolin Buchheim

Nur 1,6 Prozent aller Deutschen ernähren sich laut der Nationalen Verzehrstudie von 2007 vegetarisch, und nur 0,1 Prozent sind Veganer. Einer von ihnen ist Felix, 30. Er verzichtet seit acht Jahren ganz auf den Konsum von tierischen Produkten. Bekehren will Felix trotzdem niemanden: "Veganer-Sein ist mein Ding, eine Entscheidung nur für mich" sagt er. Deshalb hat er auch kein Problem damit, dass seine Freundin und sein Sohn Fleisch essen.



"Ich habe vor zwölf Jahren aufgehört, Fleisch zu essen. Ich habe mich aus ethischen Gründen dazu entschieden; ich wollte nicht mehr mit meiner Art mich zu ernähren in fremdes Leben eingreifen.


Veganer zu werden, war nach vier Jahren als Vegetarier die logische Konsequenz, denn der Eingriff in die Leben der Tiere geht ja nicht erst bei der Schlachtung los. Moderne industrielle Nutztierhaltung ist eine schreckliche Industrie, und auch hinter der Lederproduktion, die gerne als Verwertung von Abfällen präsentiert wird, steckt eine riesengroße Industrie.

Als Veganer verzichte ich so weit wie möglich auf alle tierischen Produkte. Für mich hat das rein gar nichts mit Entsagung zu tun, im Gegenteil: es ist etwas sehr Positives für mich. Ich esse sehr gerne und finde Essen sehr wichtig. Essen ist das, was uns am Leben erhält, und wenn man Schlechtes in sich reinsteckt, kommt nur Schlechtes dabei raus. Essen ist Energie, ich muss gute Sachen rein tun, damit Gutes raus kommt.

Essen und Kochen sind für mich ein Happening, ein gutes, und wichtiges Ritual, und ich genieße beides und beschäftige mich gerne damit, und ich habe mich mich definitiv mehr mit Essen und Kochen auseinandergesetzt, seit ich Veganer geworden bin. Ich habe Gemüsesorten kennen gelernt, die ich vorher nicht kannte, und die mich echt überrascht haben. Meine Art zu Essen hat sich komplett verändert, und sich weit weg bewegt von der typischen “Fleisch mit Beilagen”-Mahlzeit, die ja auch echt langweilig ist.

Ich finde es immer ein bisschen traurig, wenn Leute sagen, dass es Blödsinn ist, zu versuchen Veganer zu sein. Ich will mit meiner Umwelt im Reinen sein, und andere Lebewesen so wenig wie möglich beeinträchtigen. Ich kann verstehen, wenn man das als kompliziert oder anstrengend empfindet. Aber falsch? Ist es ganz sicher nicht. Man kann zwar nicht zu hundert Prozent vegan leben, das wäre ein Full Time Job, aber ich tu’ mein bestes, und gut ist’s. Die Desinfektionsmittel, zum Beispiel, die ich jeden Tag bei der Arbeit benutze, sind sicher an Tieren getestet worden, aber da gibt es leider keine Alternativen.



Ich versuche, mein Veganer-Dasein meinen Mitmenschen nicht auf die Nase zu binden. Wenn jemand mir eine Tafel Schokolade mit zur Arbeit bringt, dann bedanke ich mich, und lehne sie nicht mit dem Satz „Ich bin aber Veganer“ab; Ich will mich einfach nicht mehr den ewigen Diskussionen aussetzen, das habe ich lang genug gemacht. Wenn Leute sich ernsthaft über das Thema Veganismus austauschen wollen, dann mache ich das gern, aber sonst nicht, denn mein Veganer-Sein ist mein Ding, eine Entscheidung nur für mich. Leute haben oft das Gefühl, man würde ihnen als Veganer das Essen verbieten wollen und gehen sofort in eine Abwehrhaltung, das finde ich eher anstrengend.

Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass sie selbst ein schlechtes Gewissen haben, weil sie wissen, das Fleisch essen grausam ist. Bei vielen ist es wohl einfach, weil es was mit gesellschaftlichen Zwängen zu tun hat, und da ist plötzlich jemand, der sich dagegen stellt und sagt, dass es falsch ist.

Die Leute, die sich angegriffen fühlen, und am wenigsten damit anfangen können, sind auch die, die immer so doofe Sätze sagen wie „Veganer wollen mir das Essen verbieten“. Die lassen einen nie in Ruhe, und reißen beim Essen immer blöde Sprüche. Die sollten ihre Energie sparen, denn die Sprüche habe ich alle schon mal gehört. Ich möchte nicht, dass man mir mein Essen madig macht, und Witze darüber macht. Es langweilt mich und strengt an.
Meine Family hat ganz fantastisch reagiert, als ich Vegetarier und dann Veganer geworden bin. Meine Ma macht eh’ nie Tamtam um irgendwelche Sachen, die hat das hingenommen und mich darin unterstützt. Selbst meine Oma hat angefangen, vegetarisch und dann vegan zu kochen. Wenn wir jetzt mit der Familie irgendwohin essen gehen, dann sorgt sie dafür, dass es dort auch etwas für mich zu essen gibt, und zum Beispiel auch die Saucen vegan sind. Meine Freunde haben auch gut reagiert, und wer mich heute kennenlernt, kennt mich nur so, Veganer sein ist einfach ein Teil meiner Persönlichkeit und Identität.

Ich beurteile Menschen nicht danach, ob sie Fleisch essen, oder nicht. Meine Freundin isst Fleisch, und mein fünfjähriger Sohn ebenfalls. Ich koche ihm zwar kein Fleisch, aber wenn wir essen bestellen oder einkaufen gehen, dann kann er haben, was er will, auch wenn das eine Salamipizza oder Wurst sind. Wenn ich nein sagen würde, dann würde ich würde ich bestimmt dafür sorgen, dass er es unbedingt haben will. Er weiß, dass ich Veganer bin, und kennt auch meine Gründe, aber das ist kein Thema zwischen uns. Wenn er auch einmal Veganer sein will, dann wird er die Entscheidung irgendwann selbst treffen.

Veganer zu sein, das ist immer wieder eine Entscheidung, auch wenn ich mir nicht jeden Tag darüber Gedanken mache, ich bin einfach so, das gehört zu mir dazu. Vor zwei Wochen stand ich vor der Dönerbude hab mir Falafel geholt, und hab zum Spieß rübergeguckt und kurz gedacht: “Oh, lecker”. Aber wirklich einen Döner essen, das will ich trotzdem nicht. Meine Gründe kein Fleisch zu essen sind mir wichtiger. Es gibt einen Film, den ich jedem empfehle: Earthlings. Darin geht es darum, was Menschen Tieren antun. Nicht nur, weil sie sie für Essen und Kleidung benutzen, sondern auch weil sie Haustiere halten und züchten, oder sie in der Unterhaltungsindustrie mißbrauchen. Nachdem ich den Film geguckt hatte, war der Tag für mich gelaufen, ich war echt zerstört. Danach wusste ich wieder ganz genau, warum ich so lebe, wie ich lebe.

Ich freue mich immer, wenn Leute bewusst handeln, wenn sie sich mit sich selbst und dem Leben auseinandersetzen, und wenn sie sich selbst einen Kopf machen. Vor fast zehn Jahren habe ich im Urlaub in Norwegen beim Camping einen Typen kennengelernt, der Jäger war. Der ging sich kein Fleisch im Supermarkt kaufen, weil er keine Lust auf die Fleischindustrie hatte. Stattdessen ging er raus, hat sich das Tier geschossen und es komplett verwertet. Das ist Old School, ehrlich und für mich nachvollziebar. Ich würde es nicht tun. Es ist aber eine bewusste Haltung, die ich nachvollziehen kann. Ich bin mir ziemlich sicher, das 99% der Menschen das nicht für ein Schnitzel tun würden, beziehungsweise es tun könnten. Fleisch hat kein Gesicht mehr und ein Großteil der Menschen weiss wahrscheinlich gar nicht mehr, was da eigentlich in der Plastikschale in der Kühltruhe liegt. Trauriger Weise wollen die Meisten es auch gar nicht wissen.

Von jemand anderem habe ich am gleichen Abend in Norwegen den dümmsten Satz der Welt gehört. Wir haben über Tiertransporte geredet, und wie schlimm es den Tieren geht, wenn sie eingepfercht durch Europa gekarrt werden, und da sagte er, das würde ja nichts machen, denn “Kohlköpfe zerquetschen sich ja auch gegenseitig auf der Fahrt vom Feld”. Ich weiß bis heute nicht, ob das lustig gemeint war. Für mich zeigt so ein Satz, welchen Stand Tiere in der Gesellschaft haben: sie werden nicht als lebendes, fühlendes Wesen wahrgenommen, sondern als Ding."

[Felix, 30, Tätowierer]

Earthlings

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  [Bild: dpa, Caro; Protokoll: Caro]