Ich steh' dazu: Ich bin sitzen geblieben

Anna-Lena Zehendner

Heute in einer Woche gibt es Zeugnisse. Statistisch gesehen werden auch in diesem Jahr in Baden-Württemberg zwei von 100 Schülern nicht versetzt werden. Wie ist das eigentlich, wenn man sitzen bleibt? Julia, heute 26 und Biologie-Studentin, blieb in der 9. Klasse sitzen. Und steht dazu.

„Ich bin in der neunten Klasse sitzen geblieben. Damals war ich auf dem Goethe-Gymnasium in Freiburg und hatte in Mathe und Latein eine fünf. Ein halbes Jahr vorher war mir das natürlich schon bewusst. Du weißt ja schließlich, dass du schlecht bist.


Das Gute daran war, dass meine Eltern echt cool reagiert haben. Mein Dad hat nur gemeint: ‚Ja, machst es halt noch mal. Ist doch nicht so schlimm.‘ Und meine Mum war zwar etwas enttäuscht, aber sie hat auch gesagt: ‚OK, können wir jetzt nicht ändern.‘

Im ersten Moment hatte ich natürlich keinen Bock auf eine neue Klasse. Aber vor allem die Mädels der neuen Stufe haben mich super aufgenommen, so dass sich dadurch mein Freundeskreis verdoppelt hat. Und meine Noten wurden im nächsten Jahr immerhin etwas besser. In Mathe hatte ich eine drei und in Latein eine vier.



Latein hat sich bei mir in den kommenden Jahren aber nie wirklich geändert, das war bis in die elfte Klasse eine Katastrophe. Denn es ist ein reines Fleißfach und ich habe es gehasst. Die ersten fünf Unterrichtsstunden gingen noch einigermaßen, aber danach habe ich angefangen es zu hassen. Aber da ich schon immer wusste, dass ich einmal in die Naturwissenschaften gehen würde, habe ich es eben gewählt. Damals hieß es nämlich noch, dass man Latein für ein naturwissenschaftliches Studium machen müsse. Das stimmt aber gar nicht mehr.

Außerdem hatte ich in der neunten Klasse sowie so keinen Bock auf gar nichts. Ich war eben in der Pubertät. Aber wenn ich das Schuljahr nicht wiederholt hätte, hätte ich zwei meiner besten Freunde nie kennen gelernt. Daher ist es eigentlich positiv für mich gelaufen. Ich habe zwar meine Noten nicht wirklich verbessern können, aber immerhin die beiden, um die es letztlich ging.

Der einzige Nachteil am Sitzenbleiben war, dass ich dadurch in das neue Abisystem mit den Neigungsfächern gerutscht bin. Wir waren 2004 daher die „rABIts, die Versuchskaninchen“ als Abimotto, da wir der erste Jahrgang mir dem neuen Abitur waren. Aber im Endeffekt war es echt OK.

Ich bin vor allem immer noch so froh darüber, wie meine Eltern reagiert haben. Meine Freundin ist damals auch in der Neunten sitzen geblieben und ihre Eltern haben sie anschließend auf das Rotteck geschickt. Mir haben meine Eltern hingegen freie Entscheidung gelassen.“ [Julia, 26, Biologie-Studentin]

Mehr dazu: