Ich steh' dazu: Ich bin Legastheniker

Elisabeth Kimmerle

Wie schreibt man nochmal "Fahrrad"? Korrekte Rechtschreibung wird heute überall vorausgesetzt. Eine Lese-Rechtschreibschwäche kann einem das Leben schwer machen. Sebastian Friedmann hat das selbst erlebt: Der 26-jährige Freiburger hat Legasthenie - und steht dazu.

Ich habe schon früh bemerkt, dass ich Legastheniker bin. Nachdem ich die 2. Klasse wiederholen musste und in der 3. Klasse immer noch Schwierigkeiten hatte, wurde bei einem Test in der Karlschule meine Legasthenie festgestellt.


Legasthenie ist eine Lese-Rechtschreibstörung (LRS), die unterschiedlich stark ausgeprägt sein kann. Sie ist in vielen Fällen erblich, meine Oma und meine Tante haben es auch. Ich habe außerdem auch noch einen minimalen Sehfehler, der mich im Alltag nicht einschränkt, aber in früher Kindheit dazu führte, dass ich beim Lesen nach der Hälfte der Zeile eine Zeile tiefer rutschte. In meinem Kopf vermischten sich auch die Buchstaben b und q, d und p oder b und d. Dadurch konnte ich bei Worten nie erkennen, ob ich sie richtig oder falsch geschrieben hatte. Die meisten Fehler habe ich bei Doppelkonsonanten gemacht, bei eu oder äu, bei e oder ä und bei Wörtern mit h.

Als ich noch in die Schule ging, hatte ich einen anderen Umgang mit der LRS als heute. Bis zur dritten Klasse bin ich gar nicht gerne in die Schule gegangen, und hatte später Schwierigkeiten mit Lehrern, die kein Verständnis für LRS hatten. Ich hatte lange Angst vor dem Vorlesen in der Schule oder vor allem davor, an der Tafel etwas anschreiben zu müssen.


Das lag aber eher daran, dass ich bei Fehlern meist von den Lehrern vor allen bloßgestellt wurde. Ich bin auch oft bei Klausuren nicht fertig geworden, weil ich so langsam gelesen habe. Bis ich die schriftlichen Arbeitsanweisungen rausbekommen hatte, waren viele andere schon fertig mit den Aufgaben. Ich bekam deshalb oft schlechte Noten, obwohl ich die Aufgabe mit etwas mehr Zeit eigentlich hätte lösen können.

Meine Eltern haben sehr viel mit den Lehrern geredet, vor allem, wenn ich wieder neue bekam. Wir bekamen auch Unterstützung vom LRS-Verband. Mit deren Hilfe konnte ich durchsetzen, dass ich für meine Abitursprüfung eine Zeitverlängerung bekam.

Legasthenie ist für mich heute kein Problem mehr, ich kenne meine Stärken und weiß, was ich kann und man muss auch nicht alles können. Heute hilft mir die Rechtschreibprüfung im Textverarbeitungsprogramm, oder ich frage jemanden, ob er einen Text für mich Korrektur lesen kann. Andere machen auch Fehler, in der Zeitung sind manchmal mehr Fehler, als ich sie mit LRS machen würde.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Lese-Rechtschreibstörung abzuschwächen, aber eine Patentlösung gibt es nicht, da es so viele Ursachen für LRS gibt. Ich hatte eine Zeit lang eine spezielle Therapeutin, die mir geholfen hat. Letztlich muss jeder selbst für sich seinen Weg gehen.

Am wichtigsten ist es jedoch, dass man an sich glaubt, denn selbst Prominente wie Albert Einstein hatten LRS. Es ist es erwiesen, dass Legastheniker in vielen anderen Bereichen überdurchschnittlich gut sind, zum Beispiel in kreativen Bereichen oder in logischem Denken. Ich habe trotz LRS Abitur gemacht und arbeite jetzt in meinem Traumberuf bei der Berufsfeuerwehr Freiburg.

[Sebastian Friedmann, 26, Berufsfeuerwehrmann aus Freiburg]

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