"Ich bin kein Dienstleistungs-DJ": Miriam Davoudvandi alias Babycurl im Interview

Bernhard Amelung

Miriam Davoudvandi ist die Schrift gewordene Stimme der deutschen HipHop-Szene. Am Freitag legt die Chefredakteurin des Splash! Magazins als Babycurl im Freizeichen auf. Worauf sie als DJ wert legt, erzählt sie im Interview.

Miriam, wie sieht dein Alltag als Chefredakteurin des Splash!-Magazins aus?

Miriam Davoudvandi: Einen richtigen Alltag gibt es nicht. Wir fangen meistens gegen 10 Uhr morgens an, setzen uns zusammen und schauen, was musikalisch Neues passiert ist. Danach besprechen wir, worüber wir berichten wollen und worüber nicht. Das verfolgt uns den ganzen Tag. Wir halten immer Ausschau nach neuer Musik. Als Chefredakteurin habe ich außerdem viele Verwaltungsaufgaben, muss ab und zu zu einem Dreh oder ein Interview geben.

Wie kommst du an neue Musik?

Miriam: Das frage ich auch alle, die sich bei uns auf Jobs und Praktika bewerben.

Und?

Miriam: Mich verunsichert, dass wenige tatsächlich sagen können, wie sie an neue Musik kommen. Aber mir geht es oft ähnlich. Ich verfolge tausende Blogs, folge tausenden Künstlerinnen und Künstlern auf ihren Social Media-Accounts, bekomme vieles unter der Hand mit. Die eine Quelle gibt es nicht.

Du legst seit einiger Zeit unter dem Namen Babycurl auf. Der nächste logische Schritt in deiner Karriere?

Miriam: Discjockeys und Musikjournalisten und -journalistinnen sind rieseige Musiknerds. Das ergänzt sich doch ganz gut. Ich hatte schon immer anderen Leuten gerne neue Musik vorgestellt. Früher umständlich im ICQ-Chat, heute im Magazin und am Mischpult. Das ist viel einfacher.

Als Journalistin beschäftigst du dich analytisch mit Musik. Ist dieses Nerdtum ein Nachteil beim Auflegen?

Miriam: Wenn von mir so ein Dienstleistungs-DJ-Ding erwartet wird, wird’s schwierig für mich, die Leute zu befriedigen. Je nischiger die Veranstaltung dagegen ist, desto einfacher wird das Auflegen für mich.

Welche Musik kommt dir nicht auf die Webseite und in deine DJ-Sets?

Miriam: Alles, was in einem krassen Ausmaß rassistisch, sexistisch und homophob ist. Man muss als Medium auch Leute nicht stattfinden lassen, die sich in einer Grauzone befinden. Künstler wie XXXtentacion haben bei mir nichts zu suchen. Ich möchte ihnen keine Plattform geben.

Wo ist die Grenze des Zulässigen?

Miriam: Bei Musik finde ich das sehr schwer. Erst recht beim Genre HipHop. Ich bin da inzwischen so tief drin in dieser Sprache und in diesen Codes, dass ich eher nach Bauchgefühl entscheide als mich an einem bestimmten Wort aufzuhängen. Ich habe keine ausformulierte Richtlinie. Es gibt aber Dinge, die nicht debattierbar sind. Wenn jemand offensichtlich extreme Gewaltphantasien gegenüber Frauen äußert, muss man nicht darüber diskutieren. Das geht gar nicht.

Wie hart darf die Sprache sein? Hat es sich irgendwann nicht ausgefickt?

Miriam: Es gibt so viele verschiedene Arten, wie man seine Inhalte sprachlich verpacken kann. Das Argument, dass man immer mehr schockieren muss, um gehört zu werden, trifft für mich deshalb nicht zu.

Darf man als deutschsprachiger Rapper eigentlich Redewendungen in seine Texte einbauen, die von afroamerikanischen Rappern geprägt wurden?

Miriam: HipHop ist groß und stark angelehnt an die afroamerikanische Kultur. Es gibt Dinge, die man gar nicht anders ausdrücken kann. Wie in jeder Sprache gibt es auch im HipHop Redewendungen, die man gar nicht übersetzen kann.

Wo liegt die Grenze zwischen anerkennendem Zitat und kultureller Aneignung?

Miriam: Ein gutes Beispiel ist Trettmann. Er bringt viel Patois in seine Texte ein. Bei ihm finde ich das legitim. Er fährt seit Jahren an den Ursprungsort dieser Musik und dieser Sprache und setzt sich intensiv damit auseinander. Er tritt auch nicht in der Öffentlichkeit auf und behauptet, dass er das selbst entwickelt hat. Seine Musik ist voller Referenzen, und damit öffnet er auch vielen anderen Menschen die Augen.

Du bist in Bad Säckingen aufgewachsen. Wie kommt man dort mit der HipHop-Kultur in Kontakt?

Miriam: Mich hat das Musikfernsehen in Rumänien geprägt, meiner zweiten Heimat. Dort finden Genre wie HipHop noch im TV statt. Irgendwann kam das Internet. Ich habe die erste Downloadseite entdeckt und mir alles reingezogen, wo HipHop dabei stand. Es gab ja sonst nichts in Bad Säckingen.

Wie kommt man von dort zum Splash! Magazin?

Miriam: Ich kann schreiben und entdecke schnell neue Musik. Das habe ich schon früh bei mir festgestellt. Im Journalismus kann ich beide Leidenschaften verbinden. Deshalb habe ich auch als Schülerin ein Praktikum in der Lokalredaktion der Badischen Zeitung in Bad Säckingen gemacht. Jetzt bin ich beim Splash! Magazin.

Worauf legst du als DJ besonders Wert?

Miriam: Ich versuche darauf zu achten, dass ich viel Musik von Frauen oder nichtbinären Personen spiele. Viele Menschen denken, im HipHop gebe es nur wenige Frauen, die Musik machen. Das stimmt aber nicht.

Welche Künstlerinnen sollte man denn unbedingt auf dem Schirm haben?

Miriam: Tierra Whack, nächste Woche kommt das Debütalbum von Jorja Smith, das sollte man unbedingt hören, und wer auch einen kleinen Hype, wahrscheinlich zurecht, bekommen hat, ist 070Shake, die auf dem Kanye Album drauf war. Die finde ich aber auch ganz gut.


Was: Air Waves w/ Babycurl, Apfel, mare
Wann: Freitag, 8. Juni 2018, 23 Uhr
Wo: Freizeichen, Haslacherstr. 43, 79115 Freiburg

Mehr zum Thema: