IB Bildungszentrum: Warum haben 14 von 15 Schülern die Abschlussprüfungen nicht bestanden?

Gina Kutkat

Die Geschichte, die Laura, Andrea und Noemie erzählen, klingt zunächst wie ein schlechter Scherz: 14 von 15 Schülern seien am Ende des vergangenen Schuljahres durch die Prüfungen gefallen. Die Schülerinnen des IB Bildungszentrum in Freiburg berichten von katastrophalen Zuständen an ihrer Schule, von unfähigen Lehrern, vertauschten Prüfungen und verbauten Zukunftschancen. Hat die Schule in ihrem Lehrauftrag versagt? Gina hat sich für fudder beide Seiten angehört.



„Man kann die Schuld weder absolut auf die Schule, noch absolut auf die Schüler abwälzen- das wäre zu schwarz weiß gemalt“ sagt Dr. Martin Blumhofer, Programmgeschäftsführer des IB Bildungszentrums Freiburg. Die Schülerinnen sind da anderer Meinung.


„Wir haben nicht gewusst, dass die Schule nicht staatlich anerkannt ist. Die Lehrer haben uns nach einem veralteten Lehrplan unterrichtet, viele Fächer wurden erst gar nicht unterrichtet und die Prüfungen wurden vom Regierungspräsidium absichtlich vertauscht.“

Andrea, Laura und Noemie sind empört über ihre Schulen, dem Berufskolleg I Wirtschaft und Verwaltung sowie dem Berufskolleg für Fremdsprachen des IB Bildungszentrum Freiburgs. Das Bildungszentrum ist eine Einrichtung des Internationalen Bundes, welche sich um die Weiterbildung von Jugendlichen und Erwachsenen kümmert. 

Andrea ist sogar bereits zum zweiten Mal durch die Abschlussprüfungen gefallen. Im Jahr 2008 meldet sie sich für das Berufskolleg I Wirtschaft und Verwaltung an. Die Mittlere Reife hat sie an einer Hauswirtschaftsschule abgelegt, nun strebt sie ihr Fachabitur an. Zwei Jahre Berufskolleg stehen ihr bevor. Schon im Laufe des ersten Schuljahres fällt der Schülerin auf, dass Unterrichtsstunden ohne Erklärung ausfallen, viele Lehrer inkompetent wirken und sich niemand für die Zustände der Schule verantwortlich fühlt. „Es war einfach niemand da, den man fragen konnte. Und die damalige Direktorin war nie erreichbar.“

Kurz vor den Prüfungen wendet sich Andrea an das Regierungspräsidium, weil viele Schüler Probleme mit dem Unterrichtsstoff haben, vor allem im Fach BWL. „Zuerst war von einer Zentralen Klassenarbeit in BWL die Rede, denn diese muss man ablegen wenn man das BK I besucht. Innerhalb weniger Tage wurde uns dann mitgeteilt, dass unsere Schule nicht staatlich anerkannt ist und wir nun innerhalb der nächsten vier Wochen in allen Fächern eine schriftliche Prüfung ablegen müssen.“ Von 18 Schülern haben am Ende nur sechs bestanden. Andrea ist nicht darunter.

Die Vorwürfe der Schüler werfen einige Fragen auf. Wie kann es zum Beispiel sein, dass sie ein Jahr lang nicht wussten, dass sie eine Schule besuchen, die nicht staatlich anerkannt ist? Wurden Informationen wirklich verschwiegen oder erst gar nicht eingeholt?



Die Geschäftsführung des Bildungszentrums verteidigt sich. “Die Information war bekannt. Seit ich hier bin, lagen alle Informationen offen, wir haben nie etwas verheimlicht. Es ist natürlich immer die Frage, wie viel bei den Schülern dann auch ankommt, “ sagt Herr Blumhofer.

Drei Din A4 Seiten umfasst das Beschwerdeschreiben von Andrea, auf dem sie fein säuberlich aufgelistet hat, welche Mängel das IB Bildungszentrum ihrer Meinung nach aufweist. Nach den Prüfungen fand ein Elternabend statt, bei dem einige Eltern damit drohten, das Bildungszentrum zu verklagen. „Wir Schüler bekamen daraufhin das Angebot, entweder das Schulgeld des gesamten Jahres ausbezahlt zu bekommen oder das Jahr kostenlos noch einmal zu wiederholen“, so die Schülerin. Weil sie keine andere Möglichkeit sah, wiederholte Andrea das Jahr – und erlebte genau dasselbe noch einmal.

Zwei Jahre später sitzt sie mit zwei ehemaligen Schülerin des Berufskollegs  zusammen und erzählt von ihren Erlebnissen. Auch Schüler des fremdsprachlichen Zweig haben das Schuljahr nicht geschafft und sind wütend auf ihre Schule. „Dieses Jahr hat nur ein Schüler die Prüfungen geschafft, alle anderen sind wieder durchgefallen,“ sagt Andrea.

Die Frage, ob die Schuld möglicherweise bei den Schülern und ihrer Lernmotivation zu suchen ist, weisen die beiden von sich. „Die Lehrer haben nach einem veralteten Lehrplan unterrichtet und außerdem wurden die Klausuren am Tag der Prüfung noch vertauscht. Das Regierungspräsidium hat sich am Prüfungsmorgen dazu entschieden, die Prüfungen, die unsere Lehrer eingereicht haben, mit den Prüfungen des Schulungscenter Foley zu tauschen.“ Wie kann so etwas passieren?

Die Geschäftsführung des Bildungszentrums ist sich der prekären Lage bewusst. „Im Gegensatz zu den anderen Schultypen hat von unserer Schule nur eine Schülerin bestanden, alle anderen sind durchgefallen – zu unserem Bedauern“ sagt Herr Blumhofer. „Die Schüler müssen in drei Tagen zehn Prüfungen ablegen, das ist natürlich eine Menge Holz.“

Herr Blumhofer räumt Fehler von Seiten der Schule ein. „Das Problem mit den Lehrern will ich gar nicht abstreiten. Wir haben jedoch im einen oder anderen Fall reagiert, was unsere Lehrkräfte angeht und einige Lehrer nicht mehr weiter beschäftigt. Wir sind gerade daran alles zu tun, dass es so nicht mehr passiert.“ Die Schuld allein auf die Schule zu schieben, sei jedoch falsch. „Andere Schulbereiche haben ausgezeichnet abgeschnitten. Es muss also mehr dahinterstecken als Schulinternes, sonst ginge es den anderen Schülern genauso.“

Das IB Bildungszentrum Freiburg befindet sich zurzeit in einer Aufarbeitungsphase. „Wir haben aus einem anderen Bereich heraus eine Einrichtung übernommen und sind jetzt dabei, unsere Standards zu überführen. Zum Herbst hin machen wir einen Restart als Carlo-Schmid-Schule. Weil wir andere Maßstäbe und Qualitätsansprüche haben, wurde das Schulgeld erhöht.“ Für Andrea, Laura und Noemie ist das IB Bildungszentrum keine Alternative mehr. Andrea hat eine Aussicht auf einen Ausbildungsplatz, Laura kann eventuell in ihre alte Lehrstelle zurück und Noemie hat ein Jobangebot aus dem Europapark.

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[Bilder: Bild 1 - dpa, Bild 2 - Gina Kutkat]