How to Love: Comic-Kunst aus Israel im Cartoonmuseum Basel

Christopher Bünte

Im Cartoonmuseum Basel ist seit Samstag anspruchsvolle Comic-Kunst aus Israel zu sehen. Leider bleibt der Blick flüchtig und ungelenk.


Im Eingangsbereich liegt eine Postkarte. Darauf ist eine Szene am Strand zu sehen. Eine Frau mittleren Alters fällt auf: Sie hebt die Hände und ruft „What happened?! What happened?! What did you do to my daughter?“ Ein Junge in einer roten Badehose trägt ein Mädchen auf dem Arm.


Die Postkarte ist Werbematerial für die Ausstellung How to Love, die seit dem 5. November 2011 im Cartoonmuseum Basel zu sehen ist. Der Untertitel der Ausstellung lautet Aktuelle Zeichenkunst aus Israel. Darunter stehen die Namen der Künstler, deren Werke zu sehen sind, allen voran die Actus Group.

Das Bild wurde von Batia Kolton gezeichnet, ein Mitglied von Actus. Es suggeriert einen Notfall. Was genau geschehen ist, das ist in der vollständigen Geschichte ersichtlich und kein Geheimnis. Das Einzelbild hingegen verrät es nicht. Dem Betrachter bleibt Raum für Mutmaßungen. Ist irgendwo eine Bombe explodiert? Wurde das Mädchen verletzt?

Die Postkarte zeigt eine Seite aus Summer Story. Dabei handelt es sich um die erste von sechs so genannten Graphic Novellas, die in der Anthologie How to Love versammelt sind. Es sind Erzählungen aus dem israelischen Alltag, solche, die selten den Weg in die Abendnachrichten finden.

Erstmals erschien der Band 2008 und wurde in den USA von Top Shelf vertrieben. Dort ist er inzwischen vergriffen. Nun erscheint ein Reprint der Originalausgabe im Christoph Merian Verlag. Nicht nur das Postkartenmotiv, sondern auch das Cover der Anthologie rührt von Batia Koltons Geschichte her. Neben Summer Story enthält der Band noch fünf weitere Geschichten, vier davon stammen von Actus, eine von dem Nicht-Mitglied David Polonsky.



Bei der Actus Group handelt es sich um eine fünfköpfige Künstlergruppe aus Israel, die 1996 gegründet wurde. Als ihre Wurzeln sind das Shenkar College of Design in Tel Aviv und die Bezalel Academy of Arts and Design in Jerusalem zu nennen. Denn alle Künstler der Actus Group sind auf die eine oder andere Weise mit diesen Ausbildungsstätten verbunden. Alle haben dort studiert, einige unterrichten jetzt. Weil es in Israel keinen nennenswerten Comic-Markt gibt, suchte die Gruppe schnell nach internationalen Verknüpfungen.

Auch in der deutschsprachigen Comiclandschaft sind Actus keine Unbekannten mehr. Edition Moderne ließ beispielsweise Rutu Modans Exit Wounds ins Deutsche übersetzen (deutsch: Blutspuren). Einige Mitglieder von Actus waren an der Anthologie Cargo beteiligt, die beim Avant Verlag erschienen ist. Und es gibt Verbindungen zwischen Actus und David Polonsky, der wiederum hauptverantwortlich für das Artwork des preisgekrönten Animationsfilms Waltz with Bashir war.



Actus operiert im Spannungsfeld von israelischem Alltag und anspruchsvoller Zeichenkunst. Dabei versteht sich die Gruppe nicht primär als eine politische. Der Nahostkonflikt kommt vor, weil das unvermeidlich ist, aber er ist nicht das wichtigste Thema. Das Mädchen auf der Postkarte wurde nicht von einer Bombe verletzt. Sie hat einen Ball gegen den Kopf bekommen. Koltons Summer Story ist eine wunderbare Geschichte über ein Mädchen in der Pubertät, über den ersten Kuss, über das Sehnen nach Liebe. Batia Kolton erzählt präzise, ruhig und einfühlsam. Der Krieg spielt hier keine Rolle.

Dennoch: Das Bild auf der Postkarte lässt viel Raum für Suggestion. In gewisser Weise kann sie als Sinnbild für das Problem der Ausstellung in Basel dienen. Es ist lobenswert, dass das Cartoonmuseum mit der Ausstellung How to Love den Blick auf einen Bereich der internationalen Comic-Kunst lenkt, der noch nicht vollständig im Rampenlicht ausgeleuchtet wurde, der Spannungen und Überraschungen bietet, der noch viel zum Entdecken bereithält. Insbesondere die auf Bildschirmen gezeigten Interviews mit den Künstlern der Actus Group lassen eine persönliche Annäherung zu. Israels Comic-Szene, zum Greifen nah.

Die Ausstellung in Basel leidet jedoch unter zwei Schwächen. Einmal ist zu beklagen, dass zu wenige Originale zu sehen sind. Vieles sind Reproduktionen, die auf die sechs Kurzgeschichten der Anthologie verweisen und auch mit vorangehender Lektüre nicht viel hergeben. Hinzu kommt, dass der Ausstellung eine klare Linie fehlt. Worum geht es? Geht es um die Künstlergruppe Actus? Geht es um die Liebe? Geht es um den Alltag in Israel? Geht es um die Anthologie How to Love? Man ist auf der Suche nach einem Schwerpunkt. Aktuelle Zeichenkunst aus Israel, das ist als Linie zu wenig und für eine einzelne Ausstellung zu viel.



Mehr dazu:


Was:
How to Love - Actus Group, Rutu Modan, Yirmi Pinkus, David Polonsky, Ari Folman
Wann: bis 26. Februar 2012, Dienstag bis Freitag 14 bis 18 Uhr, Samstag und Sonntag 11 bis 18 Uhr
Wo: Cartoonmuseum Basel

An jedem Samstag wird um 11 Uhr der preisgekrönte Animationsfilm Waltz with Bashir in voller Länge gezeigt. [Bilder: Comicmuseum Basel, Promo]