Homies, Gangstas, Atzen, Pimps, Macks und MCs: Männlichkeit im Rap

Carolin Buchheim

Wer sich beim Vortrag 'Männlichkeit im HipHop-Diskurs' in bester frauenverachtender Manier auf eine geifernde Hardcore-Klischee-Feministin gefreut hatte, die ihre Abscheu über Pimps, Dissen, Bling Bling und Männer im Allgemeinen öffentlich verarbeiten würde, wurde enttäuscht. Und zwar Hardcore. Yo, Mama!



Wenn Dr. Solveig Lüdtke über HipHop redet, ist diese eine außergewöhnliche Art der Zärtlichkeit und Zuwendung in ihrer Stimme, die nur jemand haben kann, der über ein Thema redet, mit dem er sich lange und ausführlich beschäftigt hat; Leidenschaft und Faszination als Ergebnis harter Arbeit.


225 Songs deutscher und amerikanischer Rapper beider Geschlechter hat die Sprachwissenschaftlerin, die in Hannover und Melbourne studiert hat, für ihre Studie Globalisierung und Lokalisierung von Rapmusik am Beispiel amerikanischer und deutscher Raptexte, die bald als Buch erscheint, ausführlich analysiert.

"Mich interessiert, wie Männlichkeit im Rap textlich festgemacht wird", erklärte sie zum Einstieg ihres Vortrags, der Teil der Veranstaltungsreihe 'Männer und Geschlecht' des Zentrum für Antrophologie und Gender Studies und des Carl-Schurz-Haus war, im gut gefüllten Raum 3042 des KG III.

Wer erwartet hatte, dass hier ein Musikgenre und sein Männlichkeitsbild der Lächerlichkeit preisgegeben werden würde, sollte enttäuscht werden; In diesem Vortrag sollte es rein wissenschaftlich allein um Sprache gehen.

Im Folgenden gab Dr. Lüdtke Einblick in die ihrer Studie zugrunde legende Analyse-Technik sowie ihre Ergebnisse. Konkrete Untersuchungsfelder waren dabei Reim & Flow, Sprachvariationen, Wortschatz, Metaphern, Diskursstrategien, Kategorisierungen sowie Gender-Aspekte.

In Bezug auf Reim & Flow wird nach Meinung von Dr. Lüdtke Männlichkeit zum Beispiel durch ausgefeilte Reimtechnik und hochentwickelte Betonungsmuster dargestellt. Auch die Tonlage spielt eine Rolle. "Häufig rappen Rapper tiefer, als sie zum Beispiel in Interviews sprechen; auch so wird Männlichkeit ausgedrückt", erklärte sie. "Das gilt auch für weibliche Rapperinnen. Da gibt es Parallelen zu Politikerinnen, die ja ebenfalls tiefer sprechen, um ernst genommen zu werden."

Besonders interessant waren Dr. Lüdtkes Ausführungen zum Thema Sprachvariationen und Wortschatz; Dabei  erstellte sie eine  'Rangliste' der wichtigsten Themenkomplexe, mit denen Männlichkeit im Rap vermittelt werde (1. Musik und Szenediskurs; 2. Waffen und Militär; 3. Geld, Luxusgüter und Drogen; 4. Sex; 5. Religion). Diese Sprachvariationen sind ihrer Ansicht nach großen lokalen Variationen unterworfen, die auf der unterschiedlichen sozio-kulturellen Sozialisation der Mitglieder der verschiedenen Szenen fußen. "US-Rapper reden mehr über Schußwaffen; bei Deutschen Rappern geht es vorallem um Nahkampf und Kampfsport."

Auch das, was Dr. Lüdtke zu Metaphern und Diskursstrategien wie Boasting (Prahlen),  Dissing und Giving Respect zu sagen hatte, war erhellend. "Diese Art des Redens geht auf alte afrikanische Erzählweisen zurück."
Gleiches gilt auch für die so beliebten Mother Insults ("Yo, Mann, ich fick' Deine Mutter!"). "Das gab es schon vor hunderten von Jahren in Erzähltraditionen in Gambia und Nigeria."
Diese Art von Insults ist ihrer Ansicht nach eindeutig geschlechtsspezifisch und für weibliche Rapper eigentlich nicht zu nutzen. "Denn mit dem Vater des anderen zu schlafen ist nicht so richtig die große Beleidigung."

Insgesamt werden nach Ansicht von Dr. Lüdtke Genderaspekte im Rap auf verschiedenste Weise ausgedrückt. Manches erscheint geradezu banal, wie zum Beispiel die Feststellung, dass in Songs, in denen Frauen und Männer auftreten, Männer meist rappen, während die Frauen den Chorus singen. Als interessant erschien jedoch der Hinweis, dass Männer im Rap den Imperativ für sich reserviert zu haben scheinen, als Richter, Normgeber und Inhaber der Moralmacht auftreten, während weibliche Rapper sich häufig zu Beginn ihres Raps erst einmal entschuldigen. "Ey, ich wollt' nur mal kurz was sagen."

Ein Diskurs über Gender Rollen findet ihrer Ansicht nach im Mainstream-Rap jedoch nicht statt. "Aber natürlich gibt es Rap, in dem es kein Dissing & Boasting gibt, vor allem auch kein Sex-Boasting. Aber dieser, meist politische und sozialkritische Rap, wird in den Medien vernachlässigt. Da ziehen nun mal Sex & Crime, und alle anderen Rap-Richtungen leiden darunter."

Bei allen Ausführungen wurde klar, dass Dr. Lüdtke das von ihr untersuchte Genre achtet.
So setzte sie die Gewaltbeschreibung mancher Raps in Perspektive ("Die Illias ist in vieler Hinsicht schlimmer.") und erklärte, dass nicht alle Rap-Texte wörtlich zu verstehen seien. "Obszönität dient im Rap vor allem dem Gewinn von Aufmerksamkeit", erklärte sie. "Nur das Übertriebene bleibt hängen. Liest man nur die Texte, und schaut sich nicht die Videos dazu an, erscheint ein Song häufig viel schlimmer, als er ist."

Genau das wurde daraufhin getan. Dr. Lüdtke zeigte die Videos Straßenjunge von Sido sowie Papa ist zurück von Fler, deren sprachliche und visuelle Wirkung zumindest für mich nach den eben gehörten Ausführungen eine andere war, als jemals zuvor. Ich persönlich konnte die Texte zum ersten Mal in Perspektive setzen und, ja, tatäschlich, auch irgendwie ernst nehmen.



Und natürlich fragte jemand nach dem Vortrag, wie Dr.Solveig Lüdtke denn ausgerechnet auf Rap als Forschungsobjekt gekommen sei.

"Ich habe ursprünglich mal klassische Musik studiert", erklärte sie da. "Ich hab' auf Opernbühnen gestanden, und mich hat vor allem der spielerische Aspekt des Rappens begeistert." Die besonders stark frauenfeindlichen Texte, die es im Rap auch gibt, kannte sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht. "Als ich diesen Texten dann begegnet bin, bin ich sehr erschrocken. Hätte ich von vornherein gewusst, wie gewalttätig und frauenfeindlich manche Texte sind, hätte ich vielleicht nicht angefangen, sie zu analysieren."

Die Faszination am Rap liegt für Dr. Solveig Lüdtke in der Bandbreite seiner Formen und Themen und der Rollenvielfalt im Rap. "Ich war immer hoch beeindruckt davon wie leidenschaftlich Rap ist, wie kraftvoll und wie politisch." Sie bewundert voallem das transformative Potential des HipHop und hat während ihrer Zeit in Australien vor allem den Rap der australischen Ureinwohner, der Aboriginals schätzen gelernt.
"Da geht es um immer noch andauernde Benachteiligung, um verdrängte Geschichte, wie die 'Lost Generation', deren Kinder ihren Eltern weggenommen und in von Weißen in Missionshäusern aufgezogen wurden." Besonders fasziniert hat sie wohl auch deswegen der australische Rapper Draino.

Und, mag sie auch deutschen Rap? "Das was Die Firma macht, mag ich vor allem wegen der Musik. Die haben interessante Samples."

Mehr dazu:


Dr. Solveig Lüdtke:
Globalisierung und Lokalisierung von Rapmusik am Beispiel amerikanischer und deutscher Raptexte,LIT Verlag
Draino: Info bei pbs
Die Firma: Website& MySpace