Hoher Anspruch, tiefer Fall: Das crosskulturelle Projekt "Passage46" ist gescheitert

Carolin Buchheim & Bernhard Amelung

Sie sollte ein Ort der Schnittmengen werden, ein Treffpunkt für Theater, elektronische Musik, bildende Kunst, Pop- und Barkultur. Die Passage 46 ist mit hohen Ansprüchen und einem komplexen gesellschaftsrechtlichen Unterbau angetreten – und krachend gescheitert. Wie es jetzt weitergeht - und was der Insolvenzverwalter zum Schlamassel sagt:



Die drei Männer stehen auf der Theke der Passage 46, vor der Wand mit den Ghettoblastern. Barchef Boris Gröner, Assistent der Geschäftsführung Michael Huber und Betriebsleiter Andreas Schöler halten Schilder mit den Worten "Ich bin raus" in den Händen. Mit einem Foto auf der Webseite des Clubs hat sich ein Teil des Teams der Passage 46 am Dienstag von seinen Gästen verabschiedet. Seit zwei Monaten war die Betreiber-Gesellschaft "Passage 46 GmbH" im Insolvenzverfahren, doch das Ende kam plötzlich. "Das hat uns alle überrascht. Wir wussten bis heute von nichts", sagte Gröner am Montag. Für die meisten der mehr als 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kommt die Freistellung einer Kündigung gleich.


"Ich hatte keine rechtliche Möglichkeit mehr, den Betrieb weiterzuführen, weil der Mietvertrag wirksam gekündigt worden war", sagt Insolvenzverwalter Harald E. Manias. Überraschend ist jedoch, wer hier wem gekündigt hat: Nicht etwa das Theater Freiburg, sondern die "Theaterpassage 46 GmbH", welche die Lokalität vom Theater gepachtet hat. Deren Mehrheitsgesellschafter ist Galerist Henrik Springmann, die restlichen Anteile gehören Wulf Piazolo.

Die Passage 46 wurde mit drei Gesellschaften betrieben – insolvent ist nur eine

Piazolo wiederum ist Mehrheitsgesellschafter der "Passage 46 GmbH", die im Tagesgeschäft sowohl für Gastronomie als auch Veranstaltungen in der Bar mit Club-Angebot und Tagescafé verantwortlich war. Doch damit nicht genug der gesellschaftsrechtlichen Gemengelage: Es gibt noch eine dritte GmbH, die "Agentur 46 GmbH" (Alleingesellschafter: Henrik Springmann), die für Kulturveranstaltungen vor Ort verantwortlich sein sollte.

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Dabei hatte alles so gut und mit großen Worten angefangen. "Die Passage soll eine neue Bühne werden", hatte Henrik Springmann vor gut einem Jahr zur Eröffnung des Clubs angekündigt. "Ich freue mich, wenn ich dem Theater Angebote machen kann. Es ist alles eine Frage der Qualität." Der Start war ordentlich. Nicht nur der vom portugiesischen Künstler Vhils neu gestalteten Laden war prächtig anzusehen, es lockte eine Ausstellung des Rockfotografen Brad Elterman, wochenends feierte man Partys mit Ausnahme-DJs wie Mike Huckaby, Sebo K und Daniel Wang. An der Bar mixten preisgekrönte Bartender innovative Drinks – die manchmal sogar in Gläsern serviert wurden, die in kopflosen Hasen-Stofftieren steckten.

Doch alsbald zeigten sich Risse. Die Veranstaltungsreihe "Rio Rita Bar" suchten nach wenigen Terminen mit Verweis auf übermäßige Forderungen von Betreiber Springmann neue Wirkungsstätten. Im Sommer folgte ein Eklat über Außengastronomie, deren Verwirklichung im Mietvertrag zugesichert gewesen sein soll. Ohne Außengastronomie, so hieß es plötzlich von den Betreibern Henrik Springmann und Wulf Piazolo, sei die Passage nicht gewinnbringend zu betreiben. Die Außenbestuhlung kam schließlich – in einem für Freiburg erstaunlichen Genehmigungstempo, nach Eröffnung des Insolvenzverfahrens. "Damit haben wir ein Zeichen gesetzt", sagt Insolvenzverwalter Harald E. Manias. "Die Außenbestuhlung ist ein ganz wichtiger Eckpunkt, damit ein zukünftiger Betreiber die Passage weiterführen kann."

Bisher gibt es keine Anzeichen, dass dieser Betreiber nicht Henrik Springmann sein wird. Ob er sich nach der Insolvenz von Piazolos Gesellschaft einen neuen Partner für den Gastro-Bereich der Passage sucht, ist unklar. Laut Insolvenzverwalter traten etliche Interessenten an ihn heran. "Ich habe sie an die Stadt und an Herrn Springmann verwiesen, unser Mietvertrag war ja gekündigt", sagt er. Scheu vor neuen Betriebsfeldern scheint Springmann zumindest nicht zu haben – in seiner Galerie in der Schusterstraße hängt zwar auch Kunst, vor allem werden aktuell aber Schuhe verkauft.

Weder Betreiber noch Theater wollen sich äußern

Springmann und das Theater wollen sich derzeit nicht zu Zukunftsplänen äußern. "Wir sind im engen Gespräch mit unserem Pächter und der Stadtverwaltung", sagt Theatersprecherin Bettina Birk. "Dieser Prozess fängt jedoch erst an, deswegen können wir dazu weiter noch nichts sagen." Man hoffe jedoch, in den nächsten Tagen oder Wochen zu einem Ergebnis zu kommen. Henrik Springmann war trotz zahlreicher Versuche am Dienstag nicht zu erreichen.

Stadtrat Atai Keller fordert, dass die Lage bald geklärt wird. "Das Theater hat ein echtes Problem, wenn die Passage zu ist, wenn die Spielzeit am Freitag beginnt. Es geht hier ja auch um die Bewirtung vor und nach den Vorführungen." Ende Oktober will er das Thema auf die Tagesordnung des Theaterausschusses bringen – über die Außenbestuhlung und die Neugestaltung des Theatervorplatzes sollte dann ohnehin diskutiert werden.

Für auswärtige Partyveranstalter in der Passage kam das Ende überraschend. "Das war’s dann wohl mit der Passage 46! Yum Yum Freiburg sucht eine neue Location!" ließ Chris Gersch, Veranstalter der "Yum Yum"-Partys, die auch in München, Köln und Bochum stattfinden, verlauten. Erst im Januar war er mit seiner Eventreihe vom Jazzhaus in die Bertoldstraße gezogen. Auch "Root Down", die traditionsreiche Partyreihe von DJ Rainer Trüby, ist betroffen; am Samstag sollte in der Passage mit Flo Real und Corrado Bucci gefeiert werden; Trüby konnte sich das E-Werk als Ersatzlocation sichern.

Am Montagabend tranken Mitarbeiter und Stammgäste die offenen Flaschen der Bar aus, auch ein paar der Hauscocktails wurden noch gemixt. Zumindest an der Bar gab es Qualität bis zur letzten Minute.

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[Foto: Simon Roser / Grafik: Nils Oettlin/BZ-Infografik]