Hiphop im ZMF-Zirkuszelt: Marteria + Freiburg =

Marius Buhl

Peng, peng, peng: Marteria hat am Samstagabend das Zirkuszelt abgefackelt, sein Konzert war ein Meisterwerk. Warum dabei nackte Haut, das Lebensgefühl der Generation Selfie und Küsschen auf den Kopf eine besondere Rolle spielten:



Der Moment des Abends

Ganz klar: das Ende der Show. Marteria bittet die Fans ihre Shirts auszuziehen - auch die Mädchen. "Alle oder keiner". Man sieht da nun nackte Oberkörper allenthalben, viele BHs und Shirts, die wild über dem Kopf propellert werden. Marteria: "Freiburg, zeigt, dass ihr Eier habt, und werft euer Shirt jetzt einfach weg!" Und tatsächlich: Shirts fliegen nun quer durchs Zelt, auf die Bühne - oder nur ein paar Zentimeter nach vorne. Damit man es nachher schnell wieder einsammeln kann.

Der Künstler

Marteria ist ein sympathischer Kerl. Er hat weder den Größenwahn eines Samy Deluxe noch die Allmachtsfantasien eines Kollegah. Er ist ein Lieber, einer, den wahrscheinlich fast alle der Myriaden ZMF-Mädchen auch ihrer Oma gerne vorstellen würden. Als das Konzert vorbei ist, bedankt er sich bei all seinen Musikern mit einem Küsschen auf den Kopf. Am Ende dann auch bei Freiburg: "Danke für so viel Liebe!"

Sein Outfit ist gewohnt unspektakulär. Zu schwarzer Hose trägt er ein graues Shirt, darüber einen schwarz-weißen Hoodie. Er würde auf der Wiese vor dem KG2 nicht weiter auffallen, das Image des exaltiert auftretenden Künstlers braucht er nicht zu pflegen. Vielleicht ist das Marterias Geheimnis: Er war Jugendnationalspieler im Fußball, dann Model in New York, jetzt ist er ein gefeierter Popstar. Wer bei all dem Erfolg noch lässig bleibt - dem sind die Ovationen der Fans gewiss. 

Die Mädchen und der Hiphop

Überall Mädchen. Weit mehr als die Hälfte der Marteria-Fans sind Marteria-Girls - ein Trend, der auch bei den Branchenkollegen Cro und Chima zu beobachten ist. Während Hiphop/Rap in den Nullerjahren noch betont antifeministisch war, vollzieht sich nun ein Wechsel. Der Rap wird weicher, das Themenspektrum weiter - und Frauen bevölkern Rapkonzerte. Als Marteria nach seinen Mädels fragt, wird es im Zirkuszelt so laut, dass die schreienden Mädchen sich vor ihrem eigenen Lärm die Ohren zuhalten müssen. 



Wer war da?

Wie gesagt: vor allem Mädchen. Da ist zum Beispiel Tamara, die ein weißes Shirt mit der Aufschrift "I
Dann ist da aber auch Pierre. Pierre ist mit seinen Kollegen gekommen, sie alle tragen natürlich Basecaps und Tanktops, dazu Nike Free. Sie kennen Marteria seit Jahren, "schon bevor es cool war." Heute Abend freuen sie sich vor allem auf Marsimoto, jenes Alter Ego Marterias, das unaufhörlich vom Kiffen auf dem Weed-Planet Green Berlin rappt.

Und dann ist da noch Philipp, Musikstudent "mit urbaner Grundausbildung", wie er sagt. Philipp mag Marteria wegen seiner Art zu rappen, der langsamen dunklen Stimme, dem perfekten Flow, den Geschichten, die er erzählt. Wegen seiner Vielseitigkeit, seiner perfekten Intonation und der Tiefe der Texte. Wegen der Wortspiele auch. Das Lied "Lila Wolken" mag Philipp dagegen nicht so gerne.

Die Hits

Alle spielt Marteria an diesem Samstagabend, alle werden gefeiert wie auf einem Volksfest. Das Publikum singt die Refrains: "Wir bleiben wach, bis die Wolken...", "Ich heb ab zum Mars, 10.000 Grad", "...bis der Endboss kommt", "OMG, dieser Himmel", "Peng, peng, peng"! Alle sind eingänglich, leicht zu merken, aber doch komplett verschieden. Damit hebt Marteria sich vom Kollegen Cro ab, der sein Erfolgsrezept "Geld, Mädchen, Sommer" in jedem seiner Songs neu verarbeitet.

Generation Selfie und Marteria

Heute Abend ist die Generation Selfie versammelt. Diese mag es gerne leicht, sie feiert stets ästhetisch, und scheut die großen Umwälzungsfantasien - daran haben sich andere schon die Zähne ausgebissen. Nichts repräsentiert das Lebensgefühl der jungen Menschen besser als dieser Watte-Hiphop, den Cro Raop - also Rap plus Pop - nennt. Mit den großmauligen Ansagen früherer Rapper kann man sich nicht mehr identifizieren. Und wenn, dann - wie bei Kollegah - nur noch selbstironisch.

Ganz besonders skurril wird das beim Lied "Bengalische Tiger", in dem Marteria zum Aufstand aufruft. Er will Goethe zitieren, Autos abfackeln, die Faust recken. Das tut schließlich das gesamte Zirkuszelt, und kurz ist diese extreme Energie zu spüren, die so eine revolutionäre Masse kreieren kann. Dann zücken viele jedoch ihr Handy und filmen die gereckten Fäuste der anderen; "total verrückt", meint ein Mädchen zu ihrer Freundin.

Marteria + Freiburg = "Von Sportclub zu Sportclub" grüßt Marteria die Fans zu Beginn. Beinahe ungläubig bestaunt er dann die Energie im Zirkuszelt, die ausgestreckten Hände und die Textsicherheit der Fans. Es scheint ein Heimspiel zu werden; Freiburg und er, das passt einfach. Man kann sich leicht vorstellen wie der Rostocker in Freiburg Germanistik studiert, auf der Nordtribüne dem SC zujubelt oder am Wochenende in Schmitz Katze feiert. Nur die See würde dem passionierten Angler wohl fehlen, die Dreisam böte da zu wenig. Sein Liebesbekenntnis zu Freiburg postete er nach dem Konzert auf Instagram so: "Wie geil war Freiburg ....unfassbare Menschen ❤❤❤große liebe" Mehr dazu:


[Fotos: Mirsolav Dakov]