Hickhack um die GEMA

Alexander Ochs

Im Netz entlädt sich derzeit ein Sturm der Entrüstung. Im Visier: die GEMA. Diese althergebrachte Institution vertritt hierzulande die Urheberrechte von Musikern. Nun stehen gewaltige Gebührenerhöhungen an. Doch in dem Wirrwarr findet sich kaum jemand zurecht. fudder versucht, ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen.

 

Gebührenerhöhungen um 600 Prozent
, drastischer Rückgang von Konzerten, Aus für die Kleinveranstalter und auch für manche Künstler – Musikmedien übertriffen sich gerade mit düsteren Prognosen. Auslöser der ganzen Geschichte ist die bereits seit über hundert Jahren existierende Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte, kurz GEMA. Wüste Beschimpfungen muss sie sich zur Zeit gefallen lassen.


Wie um Himmels willen kann so ein, pardon, Schnarchzapfenverein aus dem vorigen Jahrhundert solch einen Furor im Blätterwald und im Netz entfachen?

Die Vorgeschichte

Den Aufruhr angezettelt hat Monika Bestle, Leiterin einer Kleinkunstbühne, der Kultur-Werkstatt Sonthofen im Oberallgäu. Sie fühlte sich von der GEMA gegängelt, spricht von intransparenten Tarifen, durchweg zu hohen Gebühren, zweierlei Maß, ja Willkür. „Für alle Kleinveranstalter werden die GEMA-Gebühren zu einer echten Existenzbedrohung“, sagt sie. Irgendwann ist ihr dann der Kragen geplatzt. Da hat sie eine Petition auf den Weg gebracht – mit dem Ziel, die GEMA umfassend zu reformieren. Das war am 19. Mai diesen Jahres.

Mittlerweile, zwei Monate später, haben über 100.000 Menschen ihre Petition, also ihre Eingabe an den Deutschen Bundestag, unterzeichnet. Noch bis übermorgen, Freitag, den 17. Juli 2009 kann man mitmachen. Ein Flächenbrand.

Unbestritten ist, dass die GEMA, die die in Deutschland die Urheberrechte von mehr als 60.000 Komponisten, Textautoren und Musikverlegern sowie von über einer Million Rechteinhabern aus aller Welt vertritt, ein komplexes und kompliziertes Geflecht darstellt.

Abgaben, Ausschüttungen, Bearbeitungskosten, GEMA-Topf, Missverhältnisklausel (früher), Härtefallnachlassregelung (jetzt), Matrix-Kennzahl, UV-K-Tarif – dagegen wirkt das Tarifsystem der Deutschen Bahn transparent wie glasklares Wasser. Durchblick verzweifelt gesucht.

Die Künstler

Ob ein Musiker seine Rechte durch die GEMA vertreten lässt oder dies selbst in die Hand nimmt, bleibt ihm freigestellt. Wer ersteres will, wird Mitglied des Vereins. Zwischen GEMA und Musiker/Komponist/Texter wird dann ein Vertrag geschlossen, der das gesamte Repertoire des Urhebers umfasst.



Die Veranstalter

Veranstaltet jemand ein Konzert, so muss derjenige Gebühren an die GEMA abdrücken. Dies erfolgt nach einem speziellen Abrechnungsmodus, der drei Faktoren zu Grunde legt: Raumgröße, GEMA-geschützte Werke und Höhe der Eintrittsgelder. Sobald eine Band oder ein Künstler ein einziges GEMA-pflichtiges Musikstück spielt, werden für die gesamte Veranstaltung GEMA-Gebühren fällig.

Carmelo „Chico“ Polichiccio vom Swamp (Bild links) veranschaulicht das Ganze an einem Beispiel. Angenommen, eine kleine Band spielt in einer Kneipe oder einem kleinen Club, und dafür werden 70 Euro GEMA-Gebühren fällig. 50 solcher Konzerte für diese Band machen insgesamt 3.500 Euro Gebühren. „Jetzt könnte man doch annehmen, dass das Geld oder ein großer Teil davon an die Band zurück ausgeschüttet wird. Die Band kriegt aber nur 100 bis 200 Euro!“, entrüstet sich der Veranstalter.

Wer ordentlich in den gigantischen GEMA-Topf einzahlt, sollte doch auch etwas rausbekommen, könnte man meinen. Das System bevorzugt aber offensichtlich die Großen im Geschäft. Die, die ohnehin schon gut verdienen.

Merkwürdiges

Auch für geplante und dann geplatzte Auftritte wurde Carmelo Polichiccio schon von der GEMA zur Kasse gebeten – obwohl er den Gig gar nicht angekündigt hatte. Immerhin gibt es einen Nachlass, wenn kaum zahlendes Publikum da war. Allerdings muss der Veranstalter dies nachweisen.

„Die GEMA ist ein undurchsichtiges Monster, die einer Tentakel gleich ihre Finger überall hinein und ihre Hände aufhält. Die arbeiten mit allen Tricks,“ sagt er.

Dennis Wiesch, DJ und Veranstalter von tageins im Waldsee, hat von der GEMA keine Infos über die bevorstehenden Gebührenänderungen bekommen. „Wenn ich eine Party oder Ähnliches veranstalte, muss ich die GEMA-Kosten an den Veranstaltungsort bezahlen. Im Fall Waldsee waren das bisher immer um die 200 Euro. Aufwand gab es eigentlich nie großartig. Es gibt halt diese GEMA-Einstufung und die Gebühr ist dann zu bezahlen. Bei Konzerten läuft das Ganze anders ab, da muss die Band nach dem Konzert einen GEMA-Bogen ausfüllen", erläutert der tageins-Macher.

So ist sich Dennis Wiesch aka Agent Schwiech sicher, dass kleinere Konzerte mit dem neuen Gebührenmodell für Veranstalter nicht mehr zu finanzieren wären. „Angeblich sind die Gebührenerhöhungen zwar hauptsächlich an die ‚großen’ Veranstalter gerichtet, aber ich kann mir kaum vorstellen, dass die ‚Kleinen’ davon verschont bleiben.“

Für Veranstalter ist der Eintritt in der Regel die einzige Einnahmequelle. Darum würden diese dann an der Ticketpreisschraube drehen. „Und das wird viele abschrecken, weiterhin kleine, mit Risiko behaftete Konzerte durchzuführen. Und ich glaube auch nicht, dass der ‚normale’ Konzertgänger - mit dem Wissen, dass die GEMA ihre Gebühren erhöht hat – bereit wäre, mehr Eintritt zu bezahlen. Und das wäre das Ende. Wie soll man so noch in der Lage sein, unbekannteren und jungen Bands eine Plattform zu geben?“, klagt Dennis Wiesch.

Die GEMA selbst, im Kreuzfeuer der Kritik, stellt sich der seit Wochen schwelenden öffentlichen Debatte. Vor wenigen Tagen hat sie Medienvertreter in die Generaldirektion der GEMA nach München eingeladen, um „kursierende Fehlinformationen“ zurechtzurücken.

„Die Bundesvereinigung der Musikveranstalter mit ihren über eine Million Mitgliedern hat den geltenden U-VK-Tarif, der für Kleinkunstbühnen ebenso angewendet wird wie für kleinere Clubs und Veranstaltungsstätten, gemeinsam mit der GEMA beschlossen“, sagt Jörg Evers, Aufsichtsratsvorsitzender der GEMA.

Es sei Unsinn, dass die kleineren Veranstalter von der Tariferhöhung betroffen wären, und die ominösen 600 Prozent seien auch Quatsch, sagt die GEMA. Richtig sei, dass die GEMA die Tarife für Großkonzerte (über 3000 Zuschauer) schrittweise bis zum Jahr 2014 auf acht Prozent anheben wird – von zuvor 2,4 Prozent.

Dr. Harald Heker, der Vorstandsvorsitzende der GEMA (Bild rechts), betont, dass die GEMA die Stimmen ihrer Mitglieder sehr ernst nimmt. Er verspricht: „Wir gehen jeder einzelnen Beschwerde von Mitgliedern, die Probleme mit ihrer Abrechnung oder in anderen Bereichen haben, nach und prüfen diese.“

Sein Wort in Gottes Ohr – oder werden dann schon wieder Gebühren fällig...?!

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[Fotos: GEMA; Otto Schnekenburger, dpa]