Herr Banovic, sind Sie ein Führungsspieler?

David Weigend

Viele Fans haben nach den ersten drei Ligaspielen den Eindruck, dass dem SC Freiburg ein Führungsspieler fehlt. Ivica Banovic, 27 Jahre alt und 122 Bundesligaspiele reif, wurde im Juli nach Freiburg geholt mit dem Hintergedanken: Der kann Verantwortung übernehmen. Will er es? Banovic über Entschlossenheit, Hans Meyer und "Illuminati".



Ivica, du bist in Augsburg in der 65. Minute vom Platz gehumpelt. Was war los?

Das weiß ich auch nicht genau, ob das ein Schlag war oder ob ich umgeknickt bin. Ich wollte loslaufen und auf einmal spürte ich im linken Sprunggelenk einen Schmerz, wie wenn mir da jemand mit dem Messer reinsticht. Dann habe ich den Stutzen ausgezogen und gesehen, dass die Stelle geschwollen ist. Die Kapsel ist ein wenig gezerrt. Nichts Dramatisches. Ich komme gerade aus der Physiotherapie.

Wann kannst du wieder trainieren?

Am Samstag. Gegen Hoffenheim werde ich auf jeden Fall spielen können.

Das Augsburgspiel war durchwachsen. Woran muss die Mannschaft arbeiten?

Es geht um diesen unbedingten Willen, Tore zu machen. Wir müssen an unserer Zielstrebigkeit arbeiten und an der Effektivität unserer Konter.

Kann man den Willen auf dem Platz trainieren oder ist das nicht eher eine Kopfsache?

Manche Spieler haben den einfach. Früher Ulf Kirsten, zum Beispiel. Oder Marco Bode, mit dem ich in Bremen gespielt habe. Die wollten einfach unbedingt ein Tor machen. Du hast nie gesehen, dass die irgendetwas anderes versucht haben. Sowas muss man auch trainieren.

Wie?

Indem man den direkten Weg zum Tor sucht. Keine Linksrechts-Spielchen, keine Lupfer. Einfach straight.



Robin Dutt hat deine Position beschrieben mit "+6, -10". Fühlst du dich da wohl?

Ja. Ich bin ein Typ, der das Spiel beeinflussen und eröffnen will. Ich brauche eine Position, in der ich das Tempo bestimmen kann. Und ich suche den Zweikampf und die Eins-gegen-Eins-Situationen.

Und beim Penalty gegen Paderborn bist du vor Tatendrang zum Elfmeterpunkt gerannt.

Ich habe in diesem Moment an nichts gedacht. Sanou wurde gefoult, der Schiri hat Elfmeter gepfiffen, ich bin zum Ball gelaufen und wollte ihn einfach so schnell wie möglich reinmachen. Das war nicht abgesprochen.

Klingt nach Andi Brehme. Dennoch: die gespannte Nordkurve vor Augen und der Torwart, der sich in dieser Situation neuerdings bewegen darf - wie konzentriert man sich da?

Ich weiß es nicht. Sowas ist einfach in einem drin. Es kommt auf die Entschlossenheit an.

Du hast in Nürnberg unter Hans Meyer trainiert. Inwiefern hat er dich geprägt?

Er war von allen Trainern, die ich bisher hatte, vielleicht der erfahrenste. Der beste Pädagoge. Meyer konnte mitunter sehr streng sein. Wenn du in seinem Training einen Pass ohne Lust spielst, dann dreht der durch. Da ist er total kleinlich. Wenn du irgend eine Zirkustanz-Aktion bringst, anstatt anständig zu flanken, dann schreit er dich an. Da reißt du dich zusammen. Er hat mir gesagt: "Wenn du 32 Minuten anstatt 40 Minuten Waldlauf machst, ist mir das scheißegal. Aber wenn du im Training einen Ball unkonzentriert passt oder annimmst, bist du für mich weg."



Wie unterscheiden sich die Trainingseinheiten von Meyer und Dutt?

Sie sind ähnlich. Weil Robin Dutt auch sehr viel Wert auf Technik und Taktik legt. Dutt zeigt uns am Laptop unsere Laufwege. Wir wissen alles, was wir tun müssen. Zwei Tage vor dem Ligamatch spielen wir 11 gegen 11, A- gegen B-Mannschaft. Das haben wir bei Meyer auch gemacht. Insgesamt ist Dutt vielleicht nicht der Typ, der solche Sprüche bringt wie Meyer.

Welche Eigenschaften muss ein Führungsspieler haben?

Das ist schwierig. Ich kann nicht sagen: "Jetzt werde ich Führungsspieler." Sowas entwickelt sich. Das hängt ab von der Leistung und dem Charakter, den ein Mann in sich hat. Zum Beispiel Stefan Effenberg bei Bayern. Auch als er schlecht gespielt hat, hörte jeder auf ihn. Vielleicht war es sein Charisma, von Natur aus. Klar, Selbstbewusstsein gehört auch dazu.

Manche finden, dem neuen SC fehlt ein Leader. Siehst du das auch so?

Wir haben neun neue Spieler. Da ist es nach drei Spieltagen noch zu früh, einen Leader zu sehen oder zu bestimmen. Das wird in einem halben Jahr vielleicht anders sein. Meiner Meinung nach könnte Heiko Butscher diese Rolle besetzen. Auch Ali Günes, wegen seiner Erfahrung.

Und du? Immerhin hast du 122 Bundesligapartien bestritten.

Klar traue ich mir das zu. Aber ob ich von der Mannschaft als Leader akzeptiert werde, soll jeder Spieler für sich entscheiden. Als ich nach Freiburg gekommen bin, habe ich gesagt, dass ich Verantwortung übernehmen werde. Auch in schwierigen Situationen. Ob ich dann ein Führungsspieler bin oder nicht, wird sich von selbst regulieren.



Ihr habt einen Torwart zu eurem Kapitän gewählt. Warum keinen Feldspieler?

Ich war immer dafür, dass entweder ein Manndecker oder der Torwart Spielführer sein sollte. Von hinten hat man einen besseren Blick über das Spiel. Außerdem ist Alex Walke schon länger hier und kennt die Umgebung.

Du bist ja erst seit Juli hier. Wie gut kennst du schon deine neuen Mitspieler?

Ich war schon mit sechs, sieben Spielern unterwegs, wir haben zusammen gegessen. Das soziale Umfeld ist gut. Eine besondere Freundschaft hat sich bis jetzt noch nicht entwickelt.

Dein bester Freund unter den Bundesligaprofis?

Mladen Krstajic. Wir sind im Jahr 2000 beide zu Werder Bremen gekommen. Er aus Belgrad, ich aus Zagreb. Wir sehen uns oft und besuchen uns auch in Serbien und in Kroatien.

Ist die kroatische Nationalmannschaft für dich ein Thema?

Erst muss ich beim SC Freiburg gute Leistungen zeigen, bevor ich wieder berufen werde. Der Konkurrenzkampf im Nationalteam ist groß. Slaven Bilic, früher Spieler in Karlsruhe, koordiniert als Nationaltrainer eine hervorragende, neue Spielergeneration. Bilic ist der große Mittler zwischen jüngeren und älteren Spielern. Ein total lockerer Typ, der auch in einer Rockband spielt. Kroatien ist zur Zeit Tabellenführer der Gruppe E für die EM-Qualifikation.



Heute Abend spielt Werder Bremen gegen Dinamo Zagreb. Für welche Mannschaft bist du?

Natürlich Dinamo Zagreb. Es ist meine Heimatstadt. Das Spiel werde ich mir mit Popcorn zu Hause auf der Couch anschauen. Ich bin Dinamofan, seit ich vier Jahre alt bin. Es war immer mein Traum, dort mal zu spielen.

Immer noch?

Nein. Ich will nach dem Ende meiner Karriere weiterhin in Deutschland leben. Meine Frau kommt aus Hamburg. Sie ist Kroatin und hat hier ihr Studium abgeschlossen. Wir sind seit drei Jahren zusammen.

Was hat deine Frau an deinem Leben verändert?

Vieles. Zum Beispiel meine Lesegewohnheiten. Bevor ich sie kannte, habe ich sehr wenig gelesen. Jetzt lese ich viel. Mein letztes Buch war "Die Macht des Unterbewusstseins" von Joseph Murphy. Mich interessiert Psychologie. Aber auch Bücher wie "Illuminati" und "Das Sakrileg". Da habe ich auch den Film gesehen, aber das Buch fand ich besser.

Kannst du dich auch nach einem Spiel mit solchen Romanen beschäftigen?

Nein, keine Chance. Nach dem Spiel komme ich nach Hause und esse meist etwas mit meiner Frau. Wir reden ein wenig. Mit dem Einschlafen habe ich dann oft Probleme. Meist liege ich wach bis drei Uhr, vier Uhr. Ja, die Nacht nach dem Spiel ist meist schwer. Egal, ob du gewonnen oder verloren hast. Es kommen immer wieder Bilder hoch. Mir fällt es schwer, da einfach abzuschalten.